Zum Inhalt springen
Inhalt

Kampf für ein Kulturgut Stirbt die Handschrift aus?

In der heutigen SMS- und E-Mail-Flut hat sie einen schweren Stand. Doch nicht alle geben die Handschrift kampflos auf.

Legende: Video Handschrift als Kulturgut abspielen. Laufzeit 04:01 Minuten.
Aus 10vor10 vom 12.11.2018.

Handgeschriebene Postkarten und Geburtstagswünsche sind bald schon Relikte der Vergangenheit. Mit dem Einzug der Digitalisierung haben SMS, WhatsApp-Nachrichten und E-Mails die Handschrift aus unserem Alltag verdrängt. Wie eine Umfrage in England zeigt, hat jede dritte Person seit einem halben Jahr keinen längeren Text als eine Einkaufsliste von Hand geschrieben.

Und in Deutschland sind viele Schüler gar nicht mehr in der Lage, von Hand leserlich zu schreiben. Laut einer Studie mit 2000 Lehrkräften hat die Hälfte aller Knaben und ein Drittel aller Mädchen signifikante Schreibprobleme.

Die Gedächtnisleistung ist besser, wenn das Kind auch den motorischen Ausdruck hat.
Autor: Judith SägesserDozentin Pädagogische Hochschule Bern

Wer schreibt, erinnert sich besser

Dabei ist das Schreiben von Hand wichtig. Es habe einen grossen Einfluss auf unser Gedächtnis, sagt die Pädagogin Judith Sägesser. Sie unterrichtet angehende Lehrkräfte an der pädagogischen Hochschule in Bern in Psychomotorik und Grafomotorik und betont die Bedeutung der Handschrift für die kognitiven Fähigkeiten: «Die Gedächtnisleistung ist besser, wenn das Kind auch den motorischen Ausdruck hat», erklärt Sägesser.

Dies bestätigt auch eine Studie aus den USA. Für die Studie nahmen 67 Studenten an einer Vorlesung teil. In einem anschliessenden Test schnitten die Studenten, die von Hand Notizen machten, deutlich besser ab als jene, die am Laptop mitschrieben.

Nicht nur deshalb bedauert Sägesser Wyss das Verschwinden der Handschrift. «Wir hätten einen Ausdruckskanal weniger, um uns unmittelbar mit unserem Körper ausdrücken zu können», sagt sie. Denn die Handschrift sei eine Form des individuellen Ausdrucks.

Das Schreiben von Hand enthält sehr viel Subjektives. Es ist fast wie Tanzen
Autor: Myommi SugayaTeilnehmerin eines Schönschreib-Kurses

Schönschreib-Kurse im Trend

Während die Handschrift im beruflichen Alltag immer mehr an Bedeutung verliert, erfreuen sich Kurse in Schönschrift wachsender Beliebtheit. Von der Marketingplanerin bis zum Plattenleger hat Laila Luisi Kursteilnehmer aus allen Lebenslagen, die bei ihr die Kunst des schönen Schreibens lernen wollen.

«Im digitalen Zeitalter haben wir wohl genug SMS und E-Mails verschickt, sodass wir gerne wieder einmal ein schönes Schreibwerkzeug in die Finger nehmen und dem Geschriebenem eine persönliche Note verleihen», vermutet die gelernte Schriftenmalerin und Kursleiterin Laila Luisi.

Legende: Video «Ein Gegenpol steht an» abspielen. Laufzeit 00:17 Minuten.
Aus News-Clip vom 12.11.2018.

So sehen das auch ihre Kursteilnehmer. «Ich finde, das Schreiben von Hand enthält sehr viel Subjektives. Es ist fast wie Tanzen», sagt Teilnehmerin Myommi Sugaya.

Handschrift auf dem Tablet

Selbst in der IT-Branche, der Heimat der Digitalisierung, finden sich noch Anhänger der Handschrift. Mark Chardonnens ist als leitender Informatiker der Berner Kantonalbank vor allem in der digitalen Welt unterwegs, doch er setzt trotzdem auf die Handschrift: «Wenn man in der IT arbeitet, heisst es nicht zwingend, dass alles nur noch in der Maschinensprache ist», sagt Chardonnens, der die Notizen seiner vielen Sitzungen konsequent von Hand verfasst. Denn das Schreiben von Hand sei eine Möglichkeit, sich Dinge besser zu merken: «Es geht einfacher in den Kopf».

Doch ganz ohne Technik geht es bei Mark Chardonnens nicht, denn statt auf Papier schreibt er auf dem Tablet.

Digitale Möglichkeiten nicht zu unterschätzen

Nicht alle Menschen trauern der Handschrift nach. SRF Digital-Redaktor Guido Berger weiss die Vorteile der Computerschrift durchaus zu schätzen: «Die digitalen Möglichkeiten sind einfach besser: Es ist praktischer, einfacher und geht schneller», so Berger.

«Und ich glaube, das Verschwinden der Handschrift hat auch damit zu tun, dass viele Menschen einfach keine schöne Handschrift haben», sagt er. Zumindest dagegen wird in den Schönschriftkursen fleissig angeschrieben.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

15 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Ich taete ja gerne mehr schreiben, aber oft kann ich nachher nicht lesen was ich geschrieben habe.. und jedes mal zum Apotheker...(sorry bloedelei..) Real: Es ist halt heute schon so, dass man laengere Texte auf der Maschine, respektive dem Rechner schreibt... leicht zu korrigieren und dann zu speichern, zu drucken... und Postkarten, sowas von altmodisch..Da schickt man heute Photos per WhatsUp... etc
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Wenn du im Austausch bist, in einem Entwicklungsprozess so ist das Reden noch immer die beste Handschrift. Allerdings hat die Überbevölkerung auch den Vorteilt, das aussterbende Berufe wieder überleben können. Das Verlangen nach schönen Kulturen ist ein Mehrwert den man nicht unterschätzen sollte. Schindeldächer oder geschnitzte Schriften, Weissküfer und Wagner, all das hat neue Anziehungskraft.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Eine schöne Handschrift verrät sehr viel über den Charakter einer Person. Dass dies nicht negativ sein kann, versteht sich von selbst. Einen "Kritzler" würde ich als Versteckspieler beurteilen, einen "Schluderer" als Chaosliebhaber usw. Wenn ich Angestellte einstellen würde, würde ich mir mehr als nur das Bewerbungsschreiben ansehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, denn sich mit unehrlichen oder chaotischen Angestellten herumzuschlagen ist die "Hölle" für eine gute Firma.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen