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In Japan sinkt die Konsumfreude
Aus Echo der Zeit vom 26.02.2020.
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Konsumverzicht in Japan Der Mitsubishi fährt ja noch ein paar Jahre…

In Japan grassiert die Angst vor einer Rezession. Eine Mehrwertsteuererhöhung hat den Menschen die Kauflust verdorben.

Die Erhöhung der Mehrwertsteuer ist für Konsumenten nie eine erfreuliche Sache: Sie müssen für Waren und Dienstleistungen mehr Geld hinblättern. In Japan hat die jüngste Steuererhöhung aber noch weitreichendere Folgen. Seit letzten Oktober ist die Konsumfreude im Land derart getrübt, dass die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession abzurutschen droht.

So gaben viele Japaner das Geld für grössere Anschaffungen wie Autos noch vor dem Stichtag aus, berichtet Journalist Martin Fritz aus Tokio. «Seither halten sie sich mit grösseren Ausgaben zurück.»

Die Japaner sind extrem preissensibel.
Autor: Martin FritzJournalist in Tokio

Im Vergleich der letzten beiden Quartale des vergangenen Jahres ging der private Verbrauch um fast drei Prozent zurück. «Das ist sehr viel», sagt Fritz. Denn die privaten Ausgaben machten fast zwei Drittel der gesamten Wirtschaft des Landes aus. Die Folge: Die Wirtschaft schrumpfte zum Jahresende stärker, als ohnehin befürchtet.

Börsenzahlen in Tokio.
Legende: Auf das Jahr hochgerechnet sei das Bruttoinlandsprodukt in den drei Monaten bis Ende Dezember im Vergleich zum Vorquartal um 6.3 Prozent gefallen, teilte die Regierung mit. Reuters

Neu ist die Delle im Konsumverhalten nicht. Schon 2014, bei der letzten Erhöhung der Mehrwertsteuer, zog eine neue Knauserigkeit durch Japan. Hat die Regierung von Premier Shinzo Abe nichts aus der Vergangenheit gelernt? «Er hat sich schlicht verschätzt», sagt der Journalist.

Zwar wurden Ausgleichsmassnahmen wie gebührenfreie Kindergärten oder Rabatte für diejenigen, die elektronisch bezahlen, lanciert. Zudem wurden Lebensmittel von der Steuer ausgenommen. Gefruchtet hat all das nicht. «Denn die Japaner sind extrem preissensibel», sagt Fritz. Dazu kommt: Die Reallöhne sind in den letzten Jahren gefallen, die Steuererhöhung drückte damit noch mehr aufs Portemonnaie.

Japanische Touristen in Zermatt
Legende: Ein äusserst preisbewusstes Volk: Das mag angesichts japanischer Touristen überraschen, die mit Vorliebe die Hochpreisinsel Schweiz besuchen. Reuters

Angesichts der drohenden Rezession dürfte Premier Abe die Staatsausgaben auf Pump nun deutlich erhöhen. Auch die Zinsen der Notenbank dürften tief bleiben. Das richtige Rezept, um Japans Wirtschaft zu befeuern? «Diskutabel», findet Fritz. Aber das sei nun einmal der Weg, den Japan seit den 1990ern eingeschlagen habe.

Als Reaktion auf den Konsumeinbruch wurde schon im Dezember ein Konjunkturpaket von umgerechnet 115 Milliarden Franken geschnürt. «Damit sollte ab Herbst auch der Konjunktur-Blues nach den Olympischen Spielen abgemildert werden.» Nun soll die Finanzspritze erst einmal den Konsum-Blues abmildern.

Olympia-Museum in Tokio
Legende: Im Sommer soll in Tokio das olympische Feuer brennen. In Zeiten des Coronavirus steht hinter Grossveranstaltungen aber ein dickes Fragezeichen. Keystone

Eine andere Möglichkeit, um den Konsum anzustossen: das traditionell abgeschirmte Inselreich nach aussen öffnen. Das sei unter Abe auch geschehen, berichtet Fritz: «Die Zahl der ausländischen Touristen etwa ist explodiert.»

Japan war noch nie so global und weltoffen wie heute. Die Krönung sollen die Olympischen Spiele im Sommer sein.
Autor: Martin FritzJournalist in Tokio

Zudem hätten japanische Unternehmen noch nie so viele Firmen im Ausland aufgekauft wie 2019. «Und Abe hat Freihandelsverträge abgeschlossen und den Aussenhandel angekurbelt.» Schliesslich hat der erzkonservative Premier die Türen für Einwanderer geöffnet. «Japan war noch nie so global und weltoffen wie heute. Die Krönung sollen die Olympischen Spiele im Sommer sein.»

Erfolgsmodell «Abenomics»?

Insgesamt hält Fritz Abes Wirtschaftspolitik für einen Erfolg. Japans Wirtschaft sei durch die «Abenomics», eine Mischung aus Staatsausgaben und extrem lockerer Geldpolitik, wettbewerbsähiger geworden. «Dass nun am Ende der Abe-Zeit die Wirtschaft kippt, ist ein bisschen tragisch.»

Denn neben dem Fehltritt mit der Mehrwertsteuererhöhung wird Abes Bilanz von Faktoren getrübt, die er nicht selber steuern konnte: Naturkatastrophen, dem Handelstreit zwischen den USA und China und nun auch dem Coronavirus.

Echo der Zeit vom 26.02.2020, 18 Uhr; imhm

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    In Japan ist der Markt so neo liberal und dereguliert wie sich das manche Angloamerikanische Politiker nur erträumen können. Die Löhne der Menschen sind seit der Immobilienblase stagniert oder gesunken. Die Wirtschaft wuchs in den letzen Jahren, profitiert haben aber nur die Reichsten davon. Natürlich sind die Menschen da sehr preis-sensibel. Schon vor der Erhöhung reichte das Geld oft nicht für das nötigste, da ist die Erhöhungen von 5 auf 10 Prozent seit 2015 fatal.
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Warum gibt es dann in Japan viel mehr Neuwagen auf der Strasse als z. B. In der reichen Schweiz?
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    2. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      @Planta: Die meistverkaufte Autokategorie in Japan sind sogenannte Kei Cars. Das sind Kleinstwagen mit maximal 660ccm. Diese alleine machen ca 50% aller Neuwagen aus die in Japan verkauft werden. Diese Autos kosten nicht wirklich viel Geld, zudem ist Leasing in Japan sehr verbreitet.
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Die wirklich einzige Lust, die dem Menschen im Kapitalismus zugestanden wird, die Kauflust. UND das egal wo wir sind. DIE Sorge ist in unseren Systemen, System welweit, die Kaufkraft zu erhalten. Warum? Eh, bien, damit wir am nächsten Morgen wieder auf der Matte setehen und Kapital verwerten und den Patrons die Profitkässelis endlos klingenln lassen. Möge die Kauflust schwinden und die Freunde und Lust am Leben dermassen anschwellen, dass da so manche kapitale Kette gesprengt wird.
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    1. Antwort von Patrick Fuhrer  (derFu)
      Ja, sehr schade, dass wir in der kapitalistischen Schweiz leben müssen. Kann mir das Ticket nach Venezuela eben nicht leisten.
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    2. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      Sie merken aber schon, Patrick Fuhrer, dass es ganz speziell die aktuelle Wirtschaftsform ist, die heute global keine echten und stringenten Regulationsmechanismen und Gegenkräfte von Seiten der Staaten, wo ja geschickt nach römischer Manier, sich jeder als des anderen Konkurrenten zu verstehen hat, zu befürchten hat? Fass dies Hauptursache ist für die Vernichtung der Menschen Habitate?
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    3. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      ... UND Patrick Fuhrer, gerade weil ich in einem kaptialistischen Wirtschaftssystem zuhause bin, ist es an mir, wäre es an uns, dieses kritisch zu hinterfragen. Das Mottenkistenargument, dann gehen Sie doch wohin auch immer, finde ich einfältig. Wir als "Privilegierte" stehen eigentlich in der Pflicht, unser System, dass daran ist die Welt für uns Menschen unbewohnbar zu machen, zu hinterfragen und auch zu ändern. Denn Wir sind nicht allein.
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    4. Antwort von Patrick Fuhrer  (derFu)
      Frau Kunz, Sie haben da einen Punkt. Hier liegt ein Risiko. Allerdings wurden / werden in der Sowjetunion oder in China weder die Menschen besser behandelt, noch die Umwelt besser geschont. Ausrottung gab's auch schon auf den Osterinseln. Gemacht wird grundsätzlich was geht egal in welchem System. Rhetorisch gefragt: Würden sie z.B. Gentechnik einsetzen, um ihr Kind zu retten? Man muss sinnvolle Leitplanken mit den Menschen zusammen setzen.
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