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Kalifornien: Demokraten mit Obdachlosen überfordert
Aus 10vor10 vom 14.02.2020.
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Krise in San Francisco und LA Wenn Obdachslose ganze Stadtteile übernehmen

Verwahrlosung, Kriminalität, Obdachlosigkeit – in Kalifornien leben Tausende in Zeltstädten. Ein Reisebericht.

Der stellvertretende Sheriff zuckt nur mit den Schultern: «Solche Diebstähle haben wir hier alle paar Minuten». Wir stehen neben unserem Mietauto in einem Vorort von San Francisco. Eine Scheibe ist eingeschlagen, mehrere Gepäckstücke sind weg. Erst vor einer Stunde sind wir am Flughafen gelandet. Und schon bekommen wir einen Vorgeschmack auf die Zustände in der ganzen Region.

Eingeschlagene Autoscheibe liegt auf Autositz.
Legende: Kaum eine Stunde in der Gegend, schon wird der Wagen unseres Teams aufgebrochen und ausgeraubt. «Smash and Grab» nennt das die Polizei in den USA. SRF / Thomas von Grünigen

«Smash and grab» nennen sie diese Einbrüche in geparkte Autos hier. Rund 30'000 solcher Fälle registriert alleine die Polizei von San Francisco pro Jahr. Gross nachgehen wird der stellvertretende Sheriff unserem Fall nicht. Die hohe Zahl der Kleinverbrechen überfordert die Polizei. Drogendelikte, Einbrüche, Diebstähle – es sind so viele, dass die Behörden deren Verfolgung praktisch aufgegeben haben.

Strassen voller Zelte

Mit einem neuen Mietauto fahren wir ins Zentrum. Und staunen. Obdachlose gab es hier schon immer. Aber nun scheint fast jedes Viertel betroffen. Hin und wieder sehen wir ganze Strassenzüge, bei denen das Trottoir mit Zelten zugestellt ist. Verwahrloste Menschen, Drogensüchtige, und niemand scheint sich um sie zu kümmern.

Andrea Faye und Matthew Zimmerman besitzen ein Fachgeschäft für Bilder-Einrahmungen im Viertel «Tenderloin». Als sie den Laden vor zwei Jahren eröffneten, sei ihre Strasse ruhig und friedlich gewesen, sagen sie. Doch in den letzten Monaten haben mehrere Dutzend Obdachlose hier ihre Zelte aufgestellt. Offen werden Drogen konsumiert und gehandelt. Es riecht nach Urin.

Zelt eines Obdachlosen in einer Strasse in San Francisco.
Legende: Die Division Street in San Francisco gleicht einem Zeltplatz: Das Leben in diesen Strassen ist brandgefährlich. Vor allem nachts. Keystone

Andrea und Matthew fühlen sich bedroht: «Einmal steckten sechs Spritzen in den Spalten unserer Tür – das war wie im Horrorfilm», sagt Andrea. Und Matthew erzählt, er sei von einem Obdachlosen tätlich angegriffen worden, als er ihn bat, von der Eingangstüre des Geschäfts wegzugehen. Die Polizei zu rufen, bringe nicht viel – für kleinere Vergehen wie Drogenkonsum oder das illegale Aufstellen eines Zeltes komme die Polizei meist gar nicht mehr vorbei.

Kritik an Demokraten

Wie alle grossen Städte in Kalifornien ist San Francisco fest in der Hand der Demokraten. Für die Republikaner sind die Zustände hier ein gefundenes Fressen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass der konservative TV-Sender Fox News auf die Obdachlosen-Krise aufmerksam macht. Das zeige das Versagen der linken Politik, sagen die Fox-Kommentatoren. Und Präsident Trump drohte schon mehrmals, die nationalen Behörden könnten in der Stadt eingreifen. Die Lage drohe ausser Kontrolle zu geraten.

Offizielle Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: San Francisco verzeichnete laut Zeitungsberichten von 2018 auf 2019 eine Zunahme der Obdachlosen von rund 30 Prozent auf über 17'500 Menschen. Im gesamten Bundesstaat Kalifornien haben rund 130'000 Menschen kein Obdach. Allein im Grossraum Los Angeles sind es fast 60'000 Betroffene, eine Zunahme zum Vorjahr um 12 Prozent.

Matthew Zimmerman hat mit Trump nichts am Hut. Wie die grosse Mehrheit in der Stadt hat er nicht für ihn gestimmt. Doch Matthew gibt zu: «Ich habe schon ein paar Mal genickt, als Trump über die Probleme in San Francisco und ganz Kalifornien gesprochen hat. Er hat nicht ganz unrecht, es ist ausser Kontrolle geraten». Andrea Faye, die sich dem links-progressiven Lager zuordnet, pflichtet ihm bei. Es müsse endlich jemand handeln und die Verantwortung übernehmen.

Ist eine zu lasche Politik der Demokraten schuld an der Krise? Im Rathaus treffen wir die Demokratin Hillary Ronen, Abgeordnete im elfköpfigen Stadtrat San Franciscos. Sie zeigt grosses Verständnis für den Ärger in weiten Teilen der Bevölkerung. Das ganzjährig milde Klima sei ein Hauptgrund dafür, dass die Obdachlosigkeit in Kalifornien so augenfällig sei – man könne das ganze Jahr über im Freien überleben.

Mangelnde Betreuung

Vor allem aber fehle es am behördlichen Auffangnetz. Daran seien nicht die Demokraten schuld: «Die Republikaner im Land haben in den letzten Jahren den Staat und das soziale Auffangnetz ausbluten lassen», sagt sie. «Jetzt schieben sie dem Staat und den Linken die Schuld zu. Das ist scheinheilig und falsch. Länder wie die Schweiz oder Deutschland, mit einem robusten Sozialstaat, haben niemals so grosse Probleme wie wir.»

In der Tat werden Drogensüchtige und Menschen mit psychischen Krankheiten in den USA oft kaum professionell betreut. Hinzu kommt, dass die Mietpreise in der ganzen Region dramatisch angestiegen sind. Eine Zweizimmer-Wohnung in San Francisco kostet durchschnittlich rund 3700 Dollar.

Die steigenden Wohnkosten sind die Folge des Tech-Booms. Konzerne wie Apple oder Google bringen gut bezahlte Fachkräfte in die Region. Das Nachsehen haben ärmere Leute, die sich das Leben hier kaum leisten können. Derweil sind die Notschlafstellen überfüllt, jede Nacht gibt es eine Warteliste mit mehreren hundert Namen.

Fehlender Wohnraum für Arme

Wir reisen weiter nach Los Angeles, wo wir einen ausgewiesenen Experten treffen. John Maceri führt in der Stadt mehrere Obdachlosenheime. Den Betroffenen wird hier ein Dach über dem Kopf gegeben. Und sie werden beim Wiedereinstieg ins Berufsleben unterstützt. Manchmal gelinge dies, aber längst nicht immer, sagt Maceri.

Die Zahl der Betroffenen sei in der Stadt förmlich explodiert. Den Hauptgrund sieht Maceri im fehlenden Wohnraum. Jahrzehntelang seien viel zu wenige Wohnungen für arme Menschen gebaut worden. Dabei fehle es dem Staat eigentlich nicht am Geld. Doch dieses werde vor allem in Spitäler oder Gefängnisse investiert, wo die Obdachlosen häufig enden. Langfristig wäre es laut Maceri aber günstiger, das Geld in billigen Wohnraum zu investieren, damit die Menschen gar nicht erst auf der Strasse landeten.

Apokalyptische Szenerie

Wir fragen ihn, wo das Problem in Los Angeles am augenfälligsten sei. Er schickt uns ins Viertel Skid Row, mit der Warnung, äusserst vorsichtig zu sein. Und tatsächlich: Im Skid Row sehen wir uneingeschränktes Elend.

Zelte von Obdachlosen stehen auf den Gehsteigen San Franciscos.
Legende: Im Viertel Skid Row in Los Angeles ist die Situation besonders schlimm. SRF / Thomas von Grünigen

Tausende Menschen, die ganz unten angekommen sind. Minutenlang fahren wir an einem Zelt nach dem anderen vorbei. Schon tagsüber ist der Aufenthalt hier furchteinflössend. Die Nächte müssen der Horror sein. Eine Welt wie aus einem apokalyptischen Horrorfilm.

Gespräche mit den Betroffenen sind schwierig. Viele stehen unter Drogen, werden aggressiv oder fragen vor allem nach Geld. Brianna, eine ältere dunkelhäutige Frau, sitzt einsam am Boden. Warum sie hier lebe, wollen wir wissen. Sie habe kein Einkommen mehr, kein Geld für eine Wohnung, sagt sie. Selbst in dieser schlimmen Lage schimmert etwas amerikanischer Optimismus durch: «Bald werde ich Grossmutter. Ich hoffe, dass ich meine Enkelin bald sehen kann».

Obdachloser im Skid-Row-Quartier in San Francisco.
Legende: Während verwahrloste Menschen im Viertel Skid Row ums Überleben kämpfen, schieben sich Politiker gegenseitig die Verantwortung zu. SRF / Thomas von Grünigen

Etwas ratlos reisen wir ab. Alle Menschen, die wir getroffen haben, wirken irgendwie hilflos. Der stellvertretende Sheriff, die Geschäftsinhaber in San Francisco, die Politikerin, der Betreiber des Obdachlosenheimes – und die Betroffenen sowieso. Einen baldigen Ausweg aus der Krise hat uns niemand von ihnen aufgezeigt.

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35 Kommentare

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  • Kommentar von Ruedi Möckli  (rm)
    Ich wohne in San Diego und kann die Zustaende bestaetigen.
    Es gibt jedoch falsche Schlussfolgerungen im Bericht und in vielen Kommentaren:
    - Dass die Staedte in Kalifornien in demokratischer Hand sind ist zwar richtig, spielt aber keine Rolle. Das ungenuegende Sozialnetzwerk ist ein staatsuebergreifendes Systemproblem.
    - Ja, zahlbare Wohnungen wollen alle, aber wer kein Einkommen hat kann sich auch diese nicht leisten. Wie in der Schweiz wohnen Leute mit tieferem Einkommen in der Agglo.
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  • Kommentar von Udo Gerschler  (UG)
    Demokraten entwickeln sich eben auch immer mehr zu Sozialisten und irgendwann geht diesen wie so oft das Geld anderer Leute aus.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Auch in den USA: Hauptsache, die Fassade glänzt, die Reichen bleiben reich - also "Trump und Co", die Volks-Zer-Vertreter! Investitionen in das "wichtige Wettrüsten", der Bau einer "Monster-Mauer"... etc, der gestörten Egomanen, Egoisten, Egozentriker -und Gewalt-Herrscher dieser Welt! Wen kümmerts, dass tausende von Menschen darben, vor sich hinvegetieren...- das ist auch USA!
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    1. Antwort von Daniel Gion  (dgion)
      "Truml und Co" ? Es ist ihnen aber schon bewusst das genannte Städte seit langem fest in Demokraten-Hand sind oder?
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