Mutation des Vogelgrippe-Virus «prinzipiell möglich»

H5N8 heisst das Virus, das in der Schweiz und in vielen anderen Ländern Europas zurzeit zu reden gibt. Im Gegensatz zur Vogelgrippe vor rund zehn Jahren ist der diesjährige Erreger für Menschen, Stand heute, nicht ansteckend. Das könnte sich aber ändern, sagt SRF-Wissenschaftsredaktor Daniel Theis.

Zwei Personen in Schutzanzügen stecken einen toten Vogel in einen blauen Plastiksack. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: H5N8-Virus unter der Lupe: Ein wissenschaflticher Blick auf die Gefährlichkeit des Erregers. Keystone

SRF News: Was macht den Erreger H5N8 für Vögel so gefährlich?

SRF-Wissenschaftsredaktor Daniel Theis: Der Erreger führt innert kurzer Zeit zum Tod. Das Virus befällt unter anderem den Atemtrakt der Vögel. Sie hören auf zu fressen und verenden innert weniger Tage. Diese spezielle Variante von H5N8 ist eine hochansteckende. Dies gilt aber nur für Vögel, muss man noch einmal festhalten.

Wie überträgt sich das Virus von Vogel zu Vogel?

Über den Kot, aber auch als klassische Tröpfcheninfektion, wie wir sie von uns Menschen kennen – also über den Atem mit Tröpfchen drin. Man ist sich noch nicht sicher, aber vermutlich ist die Übertragung über die Atemwege die weitaus wichtigere als die über den Kot. Vermutet wird, dass die aktuelle Geflügelpest durch Zugvögel eingeschleppt wird. Es gibt Vögel, die das Virus in sich tragen können, aber nicht daran sterben. So könnte es über weite Strecken verbreitet werden.

Vor zehn Jahren grassierte das Virus H5N1. Was unterscheidet es von H5N8?

Es ist eine grundlegende und entscheidende Eigenschaft der Influenza-Viren, dass sie sich oft ändern können und damit je nach dem auch ansteckender oder weniger ansteckend werden. Die sogenannten Subtypen, also die verschiedenen Zahlen hinter den Buchstaben H und N, sind Änderungen an den Proteinen. H steht für Hämagglutinin und N für Neuraminidase. Beides sind Proteine, die auf der Virusoberfläche vorkommen und entscheidend sind, wie das Virus in die Zellen des Wirtes eindringen kann. Dies definiert, wie ansteckend ein Subtyp ist und welche Lebewesen das Virus befallen kann. Was wir jetzt bei den Wasservögeln in Europa sehen, ist der Subtyp H5N8: Für Vögel ist dieser hochansteckend.

Weshalb ist der Subtyp H5N8 für Menschen ungefährlich?

Man muss sich das so vorstellen: Die Zellen eines Wirtes, der befallen wird, hat bestimmte Schlösser als Zugänge in den Körper für diese Viren in sich. Das sind in der Regel Proteine auf den Zellmembranen. Viren haben Oberflächen, die wie ein Schlüssel wirken können. Entweder passt das zusammen, oder eben nicht. So kann es sein, dass ein Virus für einen Vogel sehr gefährlich ist, für einen Menschen aber kaum oder gar nicht.

Könnte sich das Virus verändern und für den Menschen doch noch gefährlich werden?

Das ist prinzipiell möglich. Vor allem gefürchtet ist die sogenannte Reassortierung: Befallen verschiedene Grippeviren das gleiche Tier, können diese Viren ihre Gene und Proteine untereinander austauschen. So könnten neue Virustypen entstehen, die Pandemien – weltweite Grippewellen – auslösen können, die dann auch den Menschen erfassen. Solche Reassortierungen sind sehr selten. Doch die Situation muss im Auge behalten werden.

Das Gespräch führte Eliane Leiser.