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Vom digitalen Patientendossier zur Telemedizin (SRF 3)
abspielen. Laufzeit 26:16 Minuten.
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Noch immer mit Fax und Papier Das Gesundheitssystem braucht digitale Entwicklungshilfe

Die Corona-Krise entblösst veraltete Strukturen im Gesundheitswesen. Helfen könnte das Elektronische Patientendossier.

Zu Beginn der Corona-Pandemie übermittelten Ärztinnen und Ärzte per Fax klinische Befunde ans Bundesamt für Gesundheit. Für bestimmte Daten gilt die Übermittlung per Fax oder Post ans BAG oder kantonale Stellen immer noch.

Die Corona-Krise macht deutlich, wie weit die Digitalisierung im Gesundheitswesen anderen Bereichen hinterherhinkt: «Wetterprognosen oder Börsenkurse in Echtzeit sind für uns selbstverständlich. Bei den Zahlen zu den Ansteckungen hatten wir lange eine unkoordinierte Situation – hier eine Statistik, da eine Statistik», sagt Aris Exadaktylos, Direktor und Chefarzt des universitären Notfallzentrums am Inselspital Bern.

Auch der einzelne Patient sei vergleichsweise schlecht informiert, so der Wissenschaftler. Während man mit E-Banking schon seit Jahren jederzeit von irgendwo auf der Welt den Kontostand abfragen kann, liegt das eigene Gesundheitsdossier bei der Ärztin oder im Spital, oft handschriftliche Notizen noch auf Papier.

Der Digital Health Index, Link öffnet in einem neuen Fenster der Bertelsmann Stiftung zeigt: Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen bildet die Schweiz zusammen mit Polen, Deutschland und Frankreich das Schlusslicht.

Elektronisches Patientendossier – die unendliche Geschichte

Dabei wurde das Problem schon 2007 erkannt. Abhilfe sollte das Elektronische Patientendossier (EPD) schaffen, das bis 2015 eingeführt werden sollte. Ein elektronisches Dossier im Gesundheitswesen bringt viele Vorteile:

  • Patientin und Patient haben immer und von überall Einblick in ihre Unterlagen
  • Doppelspurigkeiten können vermieden werden, zum Beispiel bei kostspieligen Laboruntersuchungen
  • In einem Notfall haben Ärzte und Ärztinnen den Überblick über Vorerkrankungen und allfällige Einnahmen von Medikamenten
  • Ein Apotheker hat Zugriff auf die digitale Medikamentenverordnung und sieht auch, welche anderen Medikamente die Patientin oder Patient sonst noch einnimmt
  • Überweisungen von Arzt zu Arzt funktionieren ohne Papier
  • Das EPD ist die Grundlage für neue, vielversprechende Forschungsmethoden in der Medizin
  • Fortschrittliche Telemedizin funktioniert mir mit einem EPD

Der Termin 2015 verstrich jedoch, ohne dass etwas umgesetzt wurde. Dafür einigte man sich 2018 auf einen neuen Termin und eine neue Strategie mit neuer Versionsnummer: «E-Health 2.0». Per Gesetz müssen sich Spitäler bis April 2020 auf das EPD vorbereiten und jeder Patient soll die Möglichkeit haben, freiwillig ein EPD zu eröffnen bei einer sogenannten «Stammgemeinschaft». Doch weil die Zertifizierung für das hochkomplexe IT-System länger dauert als angenommen, verstrich auch dieser Termin erneut.

Den Kantönligeist in Software giessen

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Bei der Planung des neuen Patientendossiers wollte man allen Akteuren (Kantonen, Leistungsträger, Patientinnen) möglichst viel Entscheidungsfreiheit geben. Das System, das in den letzten zehn Jahren erdacht wurde, ist dezentral angelegt, flexibel und hochkomplex:

  • Alle digitalen Aufzeichnungen wie etwa Krankengeschichten, Rezepte oder Röntgenbilder bleiben dort gespeichert, wo die Daten erhoben wurden – also zum Beispiel auf dem Computersystem eines Spitals, eines Röntgeninstituts oder beim Hausarzt.
  • Der Zugriff auf die einzelnen Einträge im Dossier wird über einen digitalen Zettelkasten vermittelt. Ähnlich wie bei den Karteikarten einer herkömmlichen Bibliothek, wird in einem Eintrag festgehalten, wo man ein bestimmtes Dokument findet.
  • Betrieben wird dieser elektronische Zettelkasten von einer Gemeinschaft. Spitäler, Heime oder Ärzte können sich in Gemeinschaften zusammenschliessen und den Anbieter für die Software wählen.
  • Eine Patientin schliesst sich einer Gemeinschaft an, die den Zugang zum digitalen Patientendossier vermittelt.
  • Patienten haben die Kontrolle über Zugriffe auf ihre Einträge. Eine Apothekerin etwa erhält nur Einblick in die Unterlagen, die der Betroffene für sie freischaltet. So kann sichergestellt werden, dass etwa eine Physiotherapeutin nichts von psychischen Krankheiten erfährt, der Apotheker aber schon.
  • Jeder Zugriff auf das Dossier wird in einem Protokoll festgehalten. Der Patient weiss immer, welcher Arzt, welche Apothekerin ein bestimmtes Dokument angeschaut hat.

Verschiedene private Anbieter entwickeln die Software und stellen die Infrastruktur zur Verfügung. Der Bund definiert bloss die Anforderungen ans System. Das treibt einerseits die Entwicklungskosten in die Höhe, hat aber andererseits den Vorteil, dass das System weniger verwundbar ist: Findet ein Angreifer eine Schwäche, so sind davon nicht alle Versicherten in der Schweiz betroffen.

Die Voraussetzung für die Forschung der Zukunft

Zu den vielen Vorteilen, die das elektronische Patientendossier im Alltag biete, komme ein wichtiger Aspekt dazu, meint Aris Exadaktylos: Es sei die Voraussetzung für medizinische Forschung mit grossen Datensammlungen. Der Notfallmediziner ist gerade daran, eine Stiftungsprofessur, Link öffnet in einem neuen Fenster einzurichten an der Uni Bern für Tele-Notfallmedizin. Es ist die erste dieser Art im deutschsprachigen europäischen Raum.

Hört man «Telemedizin», assoziieren viele den Begriff mit «Teleshopping» und denken zuerst an eine Ärztin, die am Telefon oder per Video-Chat einen Patienten zu Hause berät. Dieses Gespräch über Distanzen macht nur einen kleinen Teil dieses neuen Gebietes aus, in Zeiten der Corona-Krise einen nicht unwesentlichen. Bei Telemedizin geht es aber um viel mehr.

Aris Exadaktylos ist überzeugt, dass die Forschung vor einem grossen Umbruch steht. Dank Sensoren und Smartphone können immer mehr medizinische Daten permanent direkt am Patienten gemessen werden. Intelligente Software auf unseren mobilen Geräten analysiert permanent diese Messwerte.

Treten auffällige Veränderungen auf, schlägt das Smartphone Alarm. So erfährt die Ärztin bereits zwei Wochen im Voraus, dass sich bei einer Patientin ein Herzinfarkt abzeichnet. Denn Indizien dafür gibt es laut Aris Exadaktylos fast immer, heute erfährt der Arzt aber erst nach dem Infarkt im Gespräch von diesen Signalen, von einem Stechen in der Brust etwa.

Big Data in der Medizin

Noch interessanter als die Daten eines einzelnen Patienten sind für die Forschung grosse Sammlungen von Messwerten. Leistungsfähige Computersystem können dann in dem riesigen Datenberg komplexe Zusammenhänge finden, die für Menschen verborgen bleiben.

«Medizinische Daten sind eines der höchsten Güter, die wir haben. Sie sind wichtiger als Gold und Devisenreserven, denn daran hängt unsere Gesundheit» meint Aris Exadaktylos. Wenn wir unsere Messwerte der Wissenschaft zur Verfügung stellten, dann sei das wie Blut spenden: «Ich stelle meine Daten zur Verfügung um zu helfen, ein gesundheitliches Problem zu lösen».

Damit aber möglichst viele Menschen ihre medizinischen Daten spenden, müssen sie der IT-Infrastruktur vertrauen können. Neben dem Datenschutz ist für Aris Exadaktylos deshalb das elektronische Patientendossier eine wichtige Voraussetzung für die Forschung der Zukunft.

Wann das EDP nun eingeführt wird, ist nicht klar. Der nächste Termin ist auf den Herbst 2020, Link öffnet in einem neuen Fenster festgelegt. Vielleicht wird es klappen, vielleicht nicht – dann wird der Termin einmal mehr verschoben.

SRF 3, 29.04.2020, 15.00 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Oskar Schneider  (Oski2)
    Das Problem, es gibt keine Sicherheit. Wenn jemand glaubt dass die Daten beim Patienten, Arzt oder in der CH bleiben der träumt. Das Geschäft mit Daten ist zu riesig, Weltweit und zu glauben dass niemand an den einzelnen Personendaten im Ausland nicht Interessiert ist, der träumt weiter...... bis es zu spät ist und wir zustände wie in China/Asien haben wo jeder wohl ein Handy haben muss. Geburt Handy eingepflanzt kommt. Orwell lässt Grüssen.
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  • Kommentar von Amina Moser  (Amina)
    Man will den gläsernen Patienten, scheut aber zugleich Transparenz. Das Patientendossier (ob auf Papier oder digital) müsste vor dem Weiterverbreiten obligat dem Patienten gezeigt und bei Unrichtigkeiten und Fehldiagnosen von diesem korrigiert werden dürfen. Andernfalls drohen dem Patienten weitere fatale Folgen.
    Patientenakten können bisher von fehlerhaften Ärzten immer noch als Machtinstrumentarium benutzt werden.
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  • Kommentar von Max Frisch  (CHBürger)
    Wenn nicht einmal die Kantone im Stande sind die Daten für Covid 19 Fristgerecht bereit zu stellen und ein Doktorand in einem halben Tag eine Plattform mit den zusammengezogenen Daten aller Kantone ins Netz stellt https://www.corona-data.ch/ weil die Informatiker des Bundes nicht im stande sind alle Daten zu bündeln nützt ein elektronisches Patientendossier rein gar nichts. Die wahren Nutzniesser wären wieder einmal all die Herrscharen von Beratern IT Fachleuten und die Pharmaindustrie.
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