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War Hergé wirklich der Schöpfer von Tintin?
Aus Echo der Zeit vom 18.06.2021.
abspielen. Laufzeit 03:25 Minuten.
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Prozess um Comic-Figur «Tim und Struppi vor Gericht» – ein Fall mit Happy End für Hergé

Die Erben des belgischen Comic-Zeichners gewinnen einen Urheberrechtsprozess gegen den Popkünstler Peppone.

Das Abenteuer «Tim und Struppi vor Gericht» gibt es bisher noch nicht. Zumindest nicht als Comic. In der Realität hingegen war der Reporter mit der blonden Haartolle schon öfter ein Fall für die Justiz: Die Erben des Tintin-Erfinders Hergé klagen regelmässig Künstlerinnen und Künstler ein, die mit der Figur Tintin, wie der Reporter in seiner Heimat Belgien heisst, arbeiten.

Im Visier: Figuren von Peppone

Im neusten Urheberrechtsprozess stand der französische Popkünstler Peppone vor dem Strafgericht in Marseille. Er hat sich auf die Verfremdung von Comicfiguren spezialisiert.

Von Mickymaus bis zum Marsupilami hat Peppone schon diverse Comicfiguren modelliert – farblich und in der Darstellung verfremdet, aber trotzdem gut erkennbar. Da musste für ihn auch Tim, auf Französisch Tintin, zum Vorbild werden. Rund 90 seiner Figuren sind sichtbar von Tintin inspiriert. Von der kleinen Tischfigur bis zur über zwei Meter grossen Plastik.

Dies wollten sich die Erben von Hergé nicht bieten lassen. Sie warfen Peppone die unrechtmässige Kopie des Werks vor, verlangten die Herausgabe der Figuren und 200'000 Euro Schadenersatz.

Verteidigung: War Tintin selbst ein Plagiat?

Doch dann drehte die Anwältin des verklagten Künstlers den Spiess um. Sie grub ein Werk des französischen Grafikers Benjamin Rabier aus: Tintin-Lutin – ein Knirps in Knickerbocker-Hosen. Auf dem Kopf eine blonde Tolle, die stark an Reporter Tintin erinnert.

Mindestens optisch ist die Ähnlichkeit zwischen Tintin-Lutin und Tintin dem Reporter augenfällig. So fragte die Verteidigung: War Hergé wirklich der Schöpfer Tintins?

Es ist naheliegend, dass Hergé das Werk Rabiers kannte. Dieser war weit über Frankreich hinaus bekannt. Einige seiner Grafiken sind es noch heute: Der Streichkäse mit der lachenden Kuh – «La vache qui rit» – zum Beispiel. Oder der Salzstreuer mit dem blauen Walfisch – «La baleine». Er steht in Frankreich auf vielen Familientischen.

Hergés Erben siegen auf der ganzen Linie

«Nein, im Charakter sind die beiden Figuren grundverschieden», wehrten sich Hergés Erben gegen den überraschenden Plagiatsvorwurf. Dieser Linie folgt das Strafgericht von Marseille.

Ähnlichkeit im Aussehen und beim Namen genügten dem Gericht nicht: Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass Rabiers Figur den Charakter und das Benehmen von Reporter Tintin beeinflusst habe, heisst es im Urteil, das keine Zweifel daran lässt, dass das geistige Eigentum vollständig Hergés Erben zusteht. Es verurteilte den Popkünstler Peppone zu über 110'000 Euro Schadenersatz. Zudem darf er künftig seine Tintin-Plastiken weder ausstellen noch verkaufen.

Das reale Gerichts-Abenteuer endet für den Comic-Helden also mit einem Sieg, beziehungsweise für Hergés Erben: Die geistige Vaterschaft ist gerichtsnotorisch abgesichert. Das stärkt sie für kommende Prozesse.

Auch Tintins Fangemeinde darf aufatmen: Sollte aus dem Prozess doch noch ein Comic-Abenteuer «Tim und Struppi vor Gericht» entstehen, wäre das Happy End schon vorgezeichnet.

Echo der Zeit, 18.06.2021, 18:00 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Lukas Schmid  (Traugott)
    Die Herge Erben sind bekannt dafür das sie jeden verklagen der nur ein Zipfel von Tintin abdruckt oder sonst irgendwie verwendet.
    Wenn eine Comics Figur in der Kunstwelt verwendung findet, also von anderen, kann sie schnell einen höheren Bekanntheitsgrad erreichen.
    Ich denke in 100 Jahren wird sich niemand mehr an Tintin errinnern, wohl aber an eine Warhole Lookalike Micky Maus.
  • Kommentar von Markus Gasser  (Markus Gasser)
    Hierzu ein Zitat (Goethe - aus "Lichte Momente" von Otto A. Böhmer): "Was hatte ich aber, wenn wir ehrlich sein wollen, das eigentlich mein war, als die Fähigkeit und Neigung, zu sehen und zu hören, zu unterscheiden und zu wählen, und das Gesehene und Gehörte mit einigem Geist zu beleben und mit einiger Geschicklichkeit wiederzugeben. Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen ausser mir, die mir dazu das Material boten"