Zum Inhalt springen

Header

Audio
Klischeebeladenes Japan: Warum Nippon anders ist als wir denken
Aus SRF 4 News aktuell vom 28.07.2021.
abspielen. Laufzeit 07:42 Minuten.
Inhalt

Schluss mit den Klischees Auch Japaner trinken Kaffee und können unfreundlich sein …

… zumindest, wenn sie einer «besonderen» Organisation angehören: Einsichten in die wirkliche japanische Lebensart.

Die «Geisterspiele» von Tokio mögen etwas klinisch wirken, und doch steht das Gastgeberland derzeit weltweit im Fokus: Seit jeher fasziniert das hoch technisierte Land in Fernost – sei es wegen seiner Küche, der elektronischen Unterhaltungsindustrie oder seinen jahrhundertealten Traditionen, die mit futuristischen Metropolen kontrastieren.

Dennoch mischt sich in unseren Breitengraden so manches Klischee unter die Faszination für Japan, wie der Journalist Martin Fritz weiss, der seit fast 20 Jahren im Land lebt. «Der Westen hat eine statische Vorstellung von Japan. Das Bild ist sehr traditionell und wandelt sich nicht.»

Kulinarische Klischees

Tatsächlich habe auch Japan eine dynamische Gesellschaft, die sich fortlaufend verändere – und dies auch kulinarisch. So gehört Reis zwar immer noch zu einer japanischen Mahlzeit. Doch die Japanerinnen und Japaner essen inzwischen mehr Brot als Reis. «Pro Kopf gibt es mehr Bäckereien als in der Schweiz.»

Und in Japan wird auch immer mehr Fleisch gegessen. Fisch ist dagegen – auf hohem Niveau – auf dem Rückzug. «Und jeder Besucher ist überrascht, wie viele Kaffeehäuser es gibt. Obwohl die Japaner ja angeblich nur grünen Tee trinken.»

Legende: Ein verlässlicher Indikator, dass Nippon dem Kaffee zugetan ist: Nirgendwo ist die Dichte an Filialen bekannter Kaffeehäuser so hoch wie in Japan. Getty Images

Fritz’ Schilderungen zeigen: Vorstellung und Wirklichkeit klaffen auseinander, wenn es um Japan geht. Aber warum halten sich die Klischees über das Land und seine vermeintlichen Sitten und Gebräuche so hartnäckig?  

«Buchautoren und auch Auslandkorrespondenten benutzen sie immer wieder, um Farbe in ihre Berichte und Schilderungen hineinzubringen», sagt der Journalist auch mit Blick auf seine Zunft. «Es ist natürlich ein tolles Kontrastmittel: Einmal diese uralte Kultur, die bis heute weiterlebt, dann dieses angebliche Hightech-Land mit bienenfleissigen Arbeitern.»

Wir kennen das Sprichwort: Der Kunde ist König. In Japan sagt man: Der Kunde ist Gott.
Autor: Martin Fritz Journalist in Japan

Dazu hat sich in den letzten Jahren die Geschichte vom ewigen Niedergang Japans durch die Vergreisung gesellt. «Doch niemand wundert sich, dass Toyota immer noch die meisten Autos verkauft.»

Raffinierte Gastfreundlichkeit

Fritz selbst schätzt an seiner Wahlheimat etwas, das auch im Zentrum der Olympischen Spiele stehen sollte – aber wegen Corona nur die Athletinnen und Athleten bekommen:  «Das Angenehmste und Überraschendste ist die besondere Gastfreundlichkeit, die auf Japanisch ‹Omotenashi› heisst.»

Kein Klischee: Japaner mögen die Schweiz

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: Japanische Touristen bestaunen das Matterhorn. Keystone

Martin Fritz ist zwar Deutscher, doch wenn er sich als für ein Schweizer Medienunternehmen arbeitender Journalist zu erkennen gibt, erntet er fast immer ein Lächeln. Denn: Die Japanerinnen und Japaner pflegen tatsächlich ein besonderes Verhältnis zur Eidgenossenschaft. «Sie fühlen sich mit der Schweiz und den Schweizern sehr wesensverwandt.»

Fritz konnte in Gesprächen zwei Gründe für die Schweiz-Affinität in Fernost ausmachen. Erstens: «Das Gruppendenken in der Schweiz und Japan ist doch sehr ähnlich. Man geht mit Menschen inner- und ausserhalb der eigenen Gruppe anders um.» Die Japaner würden sehr stark in den Kategorien «Innen» und «Aussen» denken (jap. «Uchi-Soto»). «Ein bisschen gibt es das ja auch in der Schweiz, zwischen den Kantonen, die sich durch Dialekte und anderes unterscheiden.»

Der zweite Grund für die Zuneigung zur Alpenrepublik: «Die Japaner denken, dass die Schweizer genauso höflich sind wie sie. Und das ist ein Riesenlob.» Dagegen werde etwa die direkte deutsche Art als sehr unhöflich empfunden.

Wobei «Gastfreundlichkeit» das falsche Wort sei, erklärt der Journalist: «Es handelt sich um einen hochwertigen Service, der versucht, die Erwartungen des Kunden noch zu übertreffen.»

Ein Beispiel: In vielen Restaurants wird dem Kunden, sobald er sich hinsetzt, ein Stofftuch gereicht, mit dem man sich die Hände reinigen oder den Schweiss abtrocknen kann. Der Clou: Im Sommer kommt es gekühlt, im Winter gewärmt. «Wir kennen das Sprichwort: Der Kunde ist König. In Japan sagt man: Der Kunde ist Gott.»

Legende: Fritz’ Diagnose: Unser Japan-Bild tritt auf der Stelle, während sich das Land und seine Gesellschaft immer weiter davon entfernen. Getty Images

Ausnahmen bestätigen die Regel, könnte man mit Blick auf eine andere Episode sagen: So berichtet Fritz von einem Jahre zurückliegenden Erlebnis, das man in Japans strikt geregeltem ÖV nicht erwarten würde. In der U-Bahn setzte er sich neben einen Japaner, der sich breitbeinig auf dem Sitz parkierte. «Das ist aber nicht sehr höflich», liess Fritz den Sitznachbarn wissen.

Dieser erwiderte: «Mit mir willst du dich wohl kaum anlegen.» Und gab sich als Mitglied der Yakuza, der japanischen Mafia, zu erkennen, die traditionell ausländerfeindliches Gedankengut pflegt. Schliesslich verfolgte der Mafioso den verängstigten Fahrgast noch eine Weile durch die nächste U-Bahn-Station – und liess dann von ihm ab. Nicht sehr «Omotenashi».

Video
Patrick Rohr in der Benimmschule
Aus Tokyo konpakuto vom 26.07.2021.
abspielen

SRF 4 News, 28.07.2021, 06:15 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Japan fasziniert uns, weil es eines der wenigen Länder ist, in denen wir noch einen richtigen Kulturschock bekommen können. Während sich der Rest der modernen Welt immer mehr angleicht, geht Japan seinen eigenen Weg. Vieles was für uns im Westen selbstverständlich geworden ist, ist dort anders. Besonders die homogene Kultur und Gesellschaft sind etwas, dass das Land möglichst erhalten sollte. Dem Druck nach vermehrter Migration von Arbeitskräften sollte nicht nachgegeben werden.
    1. Antwort von Javier López  (Javier López)
      Heute am 1.8.2021 ist einer meiner Kinder mit seinem Schweizer Lebenspartner zu Gast. Was sollen wir essen? Was empfehlen Sie uns?
      Rösti und Cervelat ?
      Paella?
      Sushi?
      Schon einmal in Japan bei einer japanischen Familie eingeladen gewesen und ein japanisches Heim von innen gesehen?

      Ihr Kommentar nur Kopfschütteln.
    2. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      @Lopez: Was genau wollen Sie sagen, ich verstehe ihre Frage nach dem Essen nicht. Kochen sie doch was Sie wollen. Und ja ich lebte längere Zeit in Japan, ich weis wovon ich spreche wenn ich Japan als homogene Kultur bezeiche. Es ist schön dass dieses Land eben seinen Weg geht und nicht bei allem Mitmacht, was bei uns "Konsens" ist. Denn es zeigt uns auf, das unsere vermeintlich allgemeine Moral und Wertvorstellung eben doch nur relativ auf uns selbst bezogen gilt.
    3. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Kann das voll unterstützen was sie schreiben Herr Gasser. Früher konnte man schon nur in den umliegenden Ländern viel kulinarisches neues entdecken. Heute muss man schon bis Japan oder Indien reisen um wirklich neue Dinge zu erleben.
    4. Antwort von Peter Wiesner  (Peter P. Wiesner)
      Javier: Andere Länder, andere Sitten und Gebräuche. Wissen Sie wie unsere Kinder 46/43j es mit uns Eltern handhaben (und auch andere Freunde einladen, die sind vegan, vegetarisch u,a,)?
      "Bringt eurer Essen inkl. Dessert selbst mit und dann können Andere auch von dem probieren was ihr gekocht habt". So kann/könnte man den nächsten 1. August feiern..
      Nur als Vorschlag.
  • Kommentar von Javier López  (Javier López)
    Japan ist das Land der sehr extremen Gegensätze,
    Die jap. Kultur hat erfolgreich am meisten Kulturelemente auf friedliche Weise in die Welt exportiert (X Sportarten, Bonsai, Ikebana, Küche, Karaoke).
    Die jap. Gesellschaft sollte eine der fortschrittlichsten sein. Ist es aber nicht. Es ist eine sehr fehlerintolerante Gesellschaft.
    Dieser Eindruck wurde mir auch von einer Japanerin bestätigt, die hier leben will und erst im pflegebedürftigen Alter in ihre Heimat zurückkehren will.
    1. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Es ist eine sehr fehlerintolerante Gesellschaft,,,,das stimmt, sie leben ihre
      Alte Kultur noch und als Ausländer versucht man schnell sich anzupassen.
      Das ist vor allem die grosse Disziplin, die Höflichkeit und Traditionen die
      wirklich innerhalb des Privatlebens noch Tradition haben. Sie arbeiten
      enorm viel und das Schulsystem ist sehr hart
  • Kommentar von Christian Casutt  (Christian_C_57)
    Japan ist ein faszinierendes Land. Ich durfte es bereits mehrfach bereisen und es war immer bereichernd zu sehen und zu erfahren wie gastfreundlich die Menschen in Japan sind. Alles ist sauber. Moderne und Fortschritt trifft auf gelebte Traditionen. Einwanderung wird sehr restriktiv gehandhabt - v.a. zum Schutz der eigenen Kultur und Lebensweise. Ich finde das Spitze. Ein tolles Land!