Zum Inhalt springen

Header

Audio
Fremde Vögel im Herzen Londons
Aus Echo der Zeit vom 12.08.2021.
abspielen. Laufzeit 05:58 Minuten.
Inhalt

Sittiche in Londons Parks Wie in England mit grünen Vögeln Politik gemacht wird

Mittlerweile leben 10'000 «Parakeets» in der Metropole London. Wer sie ursprünglich freigelassen hat, bleibt eine Legende.

Im St. James's Park im Herzen von London, wo früher Könige Enten jagten und heute der Premierminister seine Jogging-Runden dreht, spielen sich regelmässig seltsame Szenen ab. Grüne Vögel flattern von den Bäumen und lassen sich auf den Menschen nieder.

Die taubengrossen Sittiche mit ihren roten Schnäbeln setzen sich auf die Arme und Schultern eines Mannes und versuchen den Apfel zu erobern, den er gerade isst. Sie picken ihm, mehr oder weniger freundlich, solange ins Ohr, bis er ihnen die Frucht endlich lachend überlässt.

Sittich frisst von einem Apfel.
Legende: Die ursprünglich aus Indien stammenden Sittiche sind immer hungrig. srf/patrik wülser

Dem Biologen Nick Hunt sind solche Szenen bestens vertraut. Er hat ein ganzes Buch über Parkvögel geschrieben. «Es ist ja fast unmöglich, keine Freude an diesen Tieren zu haben», sagt er. Das treffe besonders in einer Metropole wie London zu, wo es nicht so einfach sei, mit der Natur in Kontakt zu kommen.

Hat Hendrix die Vögel freigelassen?

Die grünen «Parakeets» stammen ursprünglich aus Indien. Wie die exotischen Vögel nach London gelangt sind, darüber kursieren unzählige Mythen. Die berühmteste Geschichte lautet so: Jimi Hendrix habe 1968 mitten in London zwei dieser Sittiche in die Freiheit entlassen.

«Als Zeichen des Friedens, der Liebe oder in einem psychedelischen Rausch», sagt Hunt. Es gebe für die Geschichte zwar keine Beweise, sicher aber sei, dass Hendrix zu dieser Zeit in der Nähe gewohnt habe.

Büxten sie aus Filmstudio aus?

Gemäss einer anderen Legende entwischten die Vögel bei Dreharbeiten 1958, als in London der Filmklassiker «African Queen» mit Humphrey Bogart und Kathrin Hepburn gedreht wurde. Der Film spielt in den Sümpfen im Herzen Afrikas.

Kinder Füttern grünen Sittich im St. James' Park.
Legende: «Parakeets» ermöglichen auch Kindern den Kontakt mit der Natur. srf/patrik wülser

Laut Hunt sollen dabei Sittiche auf dem Filmset in den Isleworth Film Studios verwendet worden sein. Die exotischen Statisten seien dann entweder abgehauen oder nach den Dreharbeiten freigelassen worden.

Interessanterweise ist im ganzen Film kein einziger grüner Papagei zu sehen. Die Vögel müssten also abgehauen sein, bevor die Aufnahmen überhaupt begonnen haben. Die Wahrheit könnte durchaus banaler sein: Vielleicht hat ein Kolonialbeamter einst ein Paar «Parakeets» aus Indien zurückgebracht und deren Nachkommen sind früher oder später aus einer Voliere entwischt.

Metapher in der Politik

Die Vögel inspirieren auch die Politik: Denn obschon erste Berichte über frei lebende Sittiche im Südwesten von London bereits 1930 auftauchten, würden einige Leute diese mit dem Klimawandel in Verbindung bringen, erzählt der Biologe Hunt.

Für andere seien die Vögel dagegen ein Symbol für die unerwünschte Immigration. So sei rund um das Brexit-Referendum argumentiert worden, die fremden Vögel würden die einheimischen verdrängen. Dasselbe passiere gerade bei den Menschen.

Vögel sitzen in einer Baumkrone.
Legende: Mittlerweile soll die «Parakeet»-Population in London auf 10'000 Exemplare angestiegen sein. srf/patrik wülser

Und dann gebe es natürlich noch die zoologischen Puristen und Ornithologen, welche die Exoten schon lange beseitigen möchten, weil sie nicht zum lehrbuchmässigen Inventar der britischen Fauna gehörten, so Hunt.

Das sei ein seltsames Argument, denn alles in der Metropole London sei künstlich und verdränge die Natur: «Mitten in dieser Metropole aus Stahl und Beton zu stehen und mit dem Finger auf diese Vögel zu zeigen, scheint mir ein bisschen seltsam.»

Entwischt. Entflogen. Entlassen. Wie Adam und Eva nach London gekommen sind, bleibt wohl ihr Geheimnis. Tatsache ist jedoch: Sie beflügeln die Fantasie der Menschen. Und sie sind gekommen, um zu bleiben: Die Zahl ihrer Nachkommen wird mittlerweile auf 10'000 geschätzt.

Video
Fremde Vögel beflügeln die Fantasie
Aus News-Clip vom 12.06.2021.
abspielen

Echo der Zeit, 12.08.2021, 18:00 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Börni Willi  (Börni Willi)
    Schade, dass im ganzen Beitrag nie die genaue Bezeichnung der Spezies genannt wird ...
    Hätte mich nämlich wunder genommen, sind es nun Grünsittiche, Halsbandsittiche, Tirikasittiche, oder etwas ganz anderes ...
    Für den Leser, den dies auch interessiert, habe ich kurz recherchiert und heraus bekommen, dass es sich hierbei um Halsbandsittiche handeln muss ...
  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    Halsbandsittiche gibt oder gab es auch in der Schweiz im Wallis, in Deutschland und Österreich.
  • Kommentar von Peter Weierstrass  (PWeierstrass)
    Das sind nicht die einzigen Exoten in den beiden Parks, St. James' und Regent's. Dort gibts auch Kanadagänse, und die grauen Eichhörnchen sind Amerikaner.