Zum Inhalt springen
Inhalt

Tödlich und unerforscht Das vergessene Virus

Lange stand HTLV-1 im Schatten von HIV – obwohl es bis zu 20 Millionen Infizierte gibt. Jetzt schlagen Forscher Alarm.

Die nackten Fakten zum humanen T-lymphotropen Virus 1 (HTLV-1) alarmieren. Nach konservativen Schätzungen gibt es weltweit zwischen fünf und zehn Millionen Infizierte, es könnten aber auch bis zu 20 Millionen sein. Das Virus ist verwandt mit HIV und es löst Krebs aus. Wie HIV wird es hauptsächlich durch Sex übertragen. Es gibt weder einen Impfstoff noch ein Heilmittel.

Alarmierendes Unwissen

Etwa 90 Prozent der Betroffenen tragen das Virus in sich, ohne jemals etwas zu merken. Bei etwa zehn Prozent der Infizierten löst HTLV-1 allerdings eine schwerwiegende Krankheit aus. Rund die Hälfte von ihnen entwickelt die sogenannte adulte T-Zell-Leukämie – teilweise erst nach Jahrzehnten.

Das Bild zeigt die Präsenz von HTLV1 und HIV in einem menschlichen Organismus.
Legende: Das Bild zeigt die Präsenz von HTLV1 und HIV in einem menschlichen Organismus. Wikicommons

Dabei handelt es sich um eine aggressive Krebserkrankung, die in der Regel innerhalb von wenigen Monaten zum Tod führt. Weitere 3-5 Prozent der Infizierten entwickeln eine degenerative Erkrankung, die Multipler Sklerose ähnelt. Auch sie ist nicht therapierbar.

Offener Brief an die WHO

«Es ist Zeit, HTLV-1 auszurotten», fordern nun 60 Forscherinnen und Forscher in einem offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation WHO, Link öffnet in einem neuen Fenster. Viel zu lange habe die internationale Gemeinschaft die Ausbreitung der Krankheit tatenlos hingenommen. Der deutsche Molekularbiomediziner Kai Kupferschmidt bestätigt: «Die Forscher sind besorgt.»

Kai Kupferschmidt

Kai Kupferschmidt

Molekularbiomediziner und Journalist

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Kai Kupferschmidt ist Molekularbiomediziner und arbeitet für das Fachmagazin «Science».

Die Kombination aus geringem Wissenstand über das Virus und seiner grossen Verbreitung sei eine «Quelle der Angst» unter den Forschern, so Kupferschmidt. Sie seien wohl auch von schlechtem Gewissen getrieben. Denn das Virus wurde schon 1980 – also vor bald vierzig Jahren – entdeckt. Seither ist wenig passiert.

Der Vergleich mit HIV hinkt

Die Forscher, die sich an die WHO gewendet haben, stellen Vergleiche zu HIV an, das Aids auslösen kann. Kupferschmidt bestätigt die Verwandtschaft: Beides seien Retro-Viren, also Viren, die ihr eigenes Erbgut in dasjenige des Menschen integrieren können. Auch die Art, wie die Viren übertragen werden, gleiche sich. Beide werden beim Sex übertragen, aber etwa auch von infizierten Müttern auf ihre Kinder oder bei Bluttransfusionen und Transplantationen.

Trotzdem gilt es für Kupferschmidt, die Relationen zu wahren. Das Virus sei zwar lange unterschätzt worden, der Vergleich mit HIV hinke aber: «Bei HIV ist die Situation viel dramatischer. Es war wohl eine der schlimmsten Epidemien, die die Menschheit je erlebt hat.» Und im Gegensatz zu HTLV-1 würde bei HIV langfristig fast jeder Infizierte auch erkranken, falls er keine Medikamente bekommt.

Nur wenn eine Krankheit Aufmerksamkeit bekommt, wird auch Geld investiert.
Autor: Kai KupferschmidtMolekularbiomediziner

Es bleibe abzuwarten, wie sich die Situation um das unterschätzte Virus weiterentwickle, sagt der Wissenschaftsjournalist. Der Appell der Forscher ziele derzeit vor allem darauf ab, ein neues Bewusstsein zu schaffen. Bislang figurierte das Virus nämlich nicht einmal auf der Liste der sexuell übertragbaren Krankheiten der WHO.

Für Kupferschmidt ist klar: «Nur wenn eine Krankheit Aufmerksamkeit bekommt, wird auch Geld investiert» – sei es in die Diagnostik oder in die Erforschung neuer Medikamente. Denn in beiden Feldern gibt es viel nachzuholen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Die Viren und Bakterien sind eben auch der Evolution unterworfen und passen sich an -so wie auch unser Abwehrsystem - als die Pest ausbrach wusste niemand, dass die Flöhe diese Krankheit übertrugen und die Ratte der Träger war. Wir werden noch lange zu forschen haben, bis wir mehr über die Wirkweisen der " Kleinsten Killer " erfahren können.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Jeanôt Cohen (Jeanot)
    Vielleicht wäre das überholte und altmodische Treue in Sache sexuelle Beziehungen gar nicht so slecht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Andreas Morello (Andreas Morello)
      Das hilft, aber nur, wenn keiner der Partner das Virus bereits in sich trägt wenn bevor die Beziehung beginnt. Von da her ist es sicher wünschenswert wenn dir Diagnostik verbessert werden kann. Und wenn Medikamente entwickelt werden die Betroffenen helfen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ilse König (königin)
    Es ist schon ein spannendes Forschungsfeld, neue Krankheiten zu erforschen. Doch sind diese wirklich neu? Ich denke eher, es könnte auch damit zu tun haben, dass der früher lebende Mensch weniger an solchen Krankheiten erkrankte, war sein Immunsystem durch ein anderes Verhaltensmuster resistenter. Angefangen bei der Ernährung (aus dem eigenen Garten, lokal und regional) bis hin zu mehr körperlicher Arbeit. Bin gespannt, welche Parameter hier einfliessen, ausser Alter und ethische Herkunft.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen