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Gesunder Dreck – kranke Hygiene?
Aus Puls vom 18.11.2019.
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Übertriebene Hygiene Tausend Tage für das Immunsystem

Allergien haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Die urbane, saubere Lebensweise ist verantwortlich dafür.

Zähne putzen, Hände waschen, Staubsaugen – Sauberkeit ist uns zweifellos wichtig. Doch wie viel Hygiene braucht es und wie viel macht krank? Fest steht: Wir brauchen den Kontakt mit Dreck, vor allem in den ersten Lebensjahren.

Denn die ersten tausend Tage nach der Befruchtung der Eizelle, also von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag, sind besonders wichtig. Je natürlicher, gesünder und vielfältiger die Umgebung ist, in der Kinder aufwachsen, desto besser kann sich das Immunsystem entwickeln.

«Es ist nicht schwarz oder weiss. Man reagiert sein ganzes Leben lang auf die Umwelt, aber die erste Zeit ist besonders sensibel», sagt Umberto Simeoni, Kinderarzt am Unispital in Genf. «Dann interagieren Menschen besonders intensiv mit der Umwelt.»

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Kinderarzt Umberto Simeoni: In den ersten tausend Tagen interagieren Menschen besonders intensiv mit der Umwelt.
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Das heisst aber nicht, dass man Kinder von Anfang an grösseren Mengen Bakterien und Viren aussetzten sollte. Besonders nicht in den ersten drei Monaten. In dieser Zeit könnten auch banale Infektionen gefährlich sein, warnt Monika von der Heiden, Kinderärztin in Zürich.

Weniger Dreck – mehr Allergien

Die wenigsten Menschen leben unmittelbar neben Kuhwiese und Misthaufen. Seit der Urbanisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nehmen Allergien und auch andere Immunerkrankungen stark zu. Zurzeit leiden in der Schweiz etwa 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung an einer Allergie. Bis 2025 könnten die über 50 Prozent aller europäischen Frauen und Männer davon betroffen sein, so die Schätzungen der European Academy of Allergy and Clinical Immunology.

Weshalb Allergien so rasant ansteigen, ist unklar. Weltweit sind Forscher auf der Suche nach den genauen Ursachen. Philippe Eigenmann, Allergologe am Unispital in Genf: «Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir genau sagen können, was Allergien verursacht und wie man ihren Anstieg bremsen könnte.»

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Allergologe Philippe Eigenmann: «Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir genau sagen können, was Allergien verursacht und wie man ihren Anstieg bremsen könnte.»
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Genetik, Umwelteinflüsse und Lebensstil

Auch die Gene der Eltern spielen eine Rolle: Sie bestimmen nicht nur Haar- und Augenfarbe. Auch das Risiko, eine Allergie zu entwickeln, hängt gemäss aha! Allergiezentrum Schweiz stark von den Eltern ab.

Leiden Mutter und Vater an einer Allergie, erkrankt auch ihr Kind mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit daran. Bei nur einem allergischen Elternteil sind rund 40 Prozent der Kinder allergiegefährdet. Ist kein Elternteil vorbelastet, liegt das Allergierisiko bei 15 Prozent. Die Gene spielen also eine Rolle, doch für den Anstieg verantwortlich sind sie kaum.

Bauernkinder sind im Vorteil

Wissenschaftler machen die übertriebene Hygiene dafür verantwortlich – mit der sogenannten Hygiene-Hypothese. Die Grundlage dafür hat ein Schweizer Schularzt in den 80er-Jahren geliefert: Markus Gassner beobachtete, dass Bauernkinder seltener unter Allergien leiden als Stadtkinder.

Anfangs war die Fachwelt skeptisch, da dies der damaligen Lehrmeinung widersprach. Dank grossen Folgestudien gilt Gassners Beobachtung seit den 90er-Jahren als bestätigt. Der sogenannte Bauernhof-Effekt kann das Allergierisiko um 50 Prozent reduzieren.

Nichts wie raus

Allerdings: Die meisten Kinder in der Schweiz wachsen heute in einer städtischen Umgebung auf. «Ich glaube, man darf da Eltern kein schlechtes Gewissen machen», sagt Monika von der Heiden.

Ihrer Meinung nach gibt es andere Möglichkeiten, das Immunsystem aufzubauen. «Sie können mit dem Kind rausgehen, hautnah die Natur erleben. Das meine ich wortwörtlich. Damit wird die Haut ja auch mit den Mikroorganismen besiedelt.» Auch der Kontakt mit anderen Familien sei förderlich.

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Kinderärztin Monika von der Heiden: «Die Natur hautnah erleben. Das meine ich wortwörtlich.»
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Nicht mehr Dreck, sondern der Richtige

Stadtkinder sind nicht per se im Nachteil. Das zeigt eine kürzlich erschienene Studie aus Finnland: Demnach braucht es nicht mehr Dreck, sondern den richtigen. Forscher konnten den Bauernhof-Effekt auch in Stadtwohnungen nachweisen. Sind in dort viele typische Bauernhof-Bakterien zu finden, entwickeln Kinder seltener Asthma.

Gemäss dem Studienautor Pirkka Kirjavainen kommen die schützenden Mikroben vor allem dort vor, wo mehr Erde in die Wohnung gelangt. Etwa dort, wo zu Hause Strassenschuhe getragen werden. Deshalb: Nicht gleich die Nerven verlieren, wenn sich die Kinder weigern, die matschigen Stiefel zu Hause auszuziehen.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Das Thema ist: viel zu viel, gesundheitsbelastende Chemie überall, in Grundnahrungs- und Lebensmitteln, Kosmetika, Textilien, Wasch-Abwasch- und Reinigungsmitteln, etc, etc......!
    Das muss dringendst und endlich geändert werden! "Ursachen-Verursachungs-Behebung"!
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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    Ich kann den Beitrag von R.Fauser nur unterstreichen, das Zeug in Wasser/Luft/Böden u.an Gegenständen bleibt von unseren Körpern nicht unbeantwortet. Auch die Pharma vergiftet unsere Gesellschaft eigennützig in hohem Masse. Übertriebene Hygiene in steriler, betonierter Umgebung macht krank, ja, Allergien sind aber oft auch Zeichen psych.Belastung. Jedes Tier reagiert auf seine Art auf unnatürliche Haltung. Nicht umsonst weist die CH unter allen OECD-Ländern die höchste Dichte an Psychiatern auf.
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser  (jeani)
    Ist eigentlich klar, dass Kinder welche viel draussen spielen und manchmal auch Erde an den Händen haben und auch in den Mund bekommen viel weniger anfällig sind! Auch Walderlebnisse sollten gefördert werden und nicht der "Hygienewahn"!
    Das durften wir schon in unserer Kindheit erleben und sind bis heute gesund, fit und munter!
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