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Delfinarien sind ein boomendes Business in China
Aus Echo der Zeit vom 09.09.2021.
abspielen. Laufzeit 12:04 Minuten.
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Umstrittene Tiershows In China schiessen «Ocean Parks» wie Pilze aus dem Boden

Während in der Schweiz Delfinshows der Vergangenheit angehören, boomen sie in China. Vorgeführt werden auch grosse Meeressäuger wie Orcas und Weisswale – sehr zum Ärger von Tierschützern.

Der Zuschauerraum ist bis auf den letzten Platz besetzt, aus den Lautsprechern erklingt Céline Dion. Im Wassertank schwimmen zwei Belugas. Synchron zur Musik führen sie eine Art Unterwasserballett auf. Immer wieder tun sie so, als küssten sie ihre Trainer. Mit ihren wendigen Körpern formen die Tiere ein Herz – zur Begeisterung des Publikums.

Legende: Der Weisswal oder Beluga lebt normalerweise in der Arktis. Speziell ist die helle Farbe. srf/aldm

Begeistert von der Show zeigt sich auch eine Besucherin aus Schanghai. Gemeinsam mit ihrem Sohn ist sie in den Haichang-Ocean-Park an Schanghais Stadtrand gekommen. Sie sei beeindruckt davon, wie die Trainer mit den Belugas zusammenarbeiteten. Die Show sei sehr bewegend, fast habe sie weinen müssen. Mutter und Sohn mögen Parks wie diesen. Ausserdem sei es praktisch, sagt die Besucherin, weil man nicht allzu weit reisen müsse – besonders jetzt während der Pandemie.

«Etwas für die ganze Familie»

Ocean Parks sind in China ein boomendes Business, weiss Sofya Bahta von der Schanghaier Business-Consulting-Agentur Daxue. Immer mehr Menschen könnten es sich leisten, solche Parks zu besuchen. Dazu komme, dass es an vielen Orten an Outdoor-Freizeitmöglichkeiten mangle. Besonders gefragt seien deshalb solche Parks, in denen die ganze Familie gemeinsam etwas unternehmen könne.

Legende: «Lassen Sie sich mit einem Killerwal fotografieren», steht auf dieser Werbetafel. srf/aldm

In der Tat: Es sind viele Familien hier. Eltern schieben Kinderwagen vor sich her, Grosseltern spazieren mit Enkeln an der Hand durch die Menge. Über 80 solche Ocean Parks gibt es inzwischen in China, rund die Hälfte davon ist in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Doch nicht alle in China sind von diesem boomenden Business begeistert.

Zum Beispiel Li Jiande. Der Taucher und Unterwasserfotograf ist gegen Ocean Parks, die Shows mit Meeressäugern veranstalten. «Diese Tiershows, ob mit Delfinen oder Weisswalen, brauchen sehr viel Platz. Egal wie gross der Park, er kann den Tieren nicht annähernd den Raum bieten, den sie in der freien Natur haben.»

Keine Delfinarien mehr in der Schweiz

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  • Weltweit existieren rund 900 Delfinarien, und es sind ungefähr 3000 Delfine und kleine Wale, die in Gefangenschaft ihr Leben fristen müssen.
  • 33 Delfinarien befinden sich in Europa.
  • In der Schweiz gab es zwei Delfinarien, im Conny Land und im Kinderzoo Rapperswil.
  • Das letzte schloss seine Tore 2013, nach dem Inkrafttreten des Importverbots für Waltiere.

In China macht die China Cetacean Alliance – die chinesische Allianz für Meeressäuger – mobil gegen Shows mit Delfinen und anderen Meeressäugern. Die Allianz besteht aus mehreren in- und ausländischen Tierschutzorganisationen. Auf Einladung der Allianz hat die US-Meeressäuger-Biologin und Aktivistin Naomi Rose in den vergangenen Jahren mehrere Parks in China besucht. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Tiershows in Ocean Parks im Westen.

In einigen chinesischen Parks sei die Farbe in den Becken schon am Abblättern. «Ich habe einen Belugawal gesehen, der mit seinem Mund mit einem Stück abgeblätterter Farbe gespielt hat, es aufgesogen hat.» Auf Dauer sei dies sicher nicht gesund, so die Tierschützerin.

Die älteren Tiere würden in der Gefangenschaft einfach verrückt werden und sterben.
Autor: Naomi Rose Biologin und Aktivistin

Seit ein paar Jahren gibt es in chinesischen Parks auch Orcas zu sehen, auch bekannt als Schwert- oder Killerwale. 15 Orcas wurden laut offiziellen Zahlen nach China importiert. Sie stammen aus Russland, wo sie – wie die Belugas – gefangen werden. Die Fänger würden die Walschulen mit einem grossen Netz umkreisen, so Rose. «Dann ziehen sie die Jungtiere raus.» Die älteren Tiere würden in der Gefangenschaft einfach verrückt werden und sterben. «Daher nehmen sie nur die Jungen und trennen sie von ihren Müttern.» Es sei einfach nur schrecklich.

Legende: Die Orcas in den Shows in den chinesischen Parks stammen meist aus Russland. srf/aldm

Vor drei Jahren sorgten rund 100 gefangene Tiere über Russland hinaus für einen Aufschrei. Die Belugas und Orcas waren über Monate in einer speziellen Anlage im Meer auf kleinstem Raum eingesperrt und warteten dort auf ihren Abtransport. International wurde die Anlage als «Walgefängnis» angeprangert. Schliesslich schaltete sich sogar die russische Regierung ein, die Tiere mussten wieder freigelassen werden.

Interviewanfragen von SRF an den Haichang Park in Schanghai lehnte dieser ab. Auch schriftliche Anfragen zur Anzahl der Tiere und woher diese stammten wollte der Park nicht beantworten.

Wale nach Island in die Freiheit entlassen

Dass es auch anders geht, zeigte ein anderer Park in Schanghai. Die Changfeng-Ocean-World verkündete vor zwei Jahren, keine Shows mehr mit Meeressäugern zu veranstalten. Ausserdem entliess der Park zwei Belugas in die Freiheit, sie wurden in ein Reservat in Island umgesiedelt.

Im Haichang-Ocean-Park picknickt eine Familie unter einem Sonnenschirm. Sie hätten sich die Orcas und die Beluga-Shows angesehen, sagt die Mutter. Im Meer würde es den Tieren wahrscheinlich besser gehen, sagt der Vater nachdenklich, aber: «Wenn man sie im Meer beobachten will, muss man genau zu einer bestimmten Zeit hinfahren. Nur dann sieht man Tiere wie Belugas oder Orcas.»

In einem Ocean Park dagegen könne man die Tiere aus nächster Nähe sehen, wann immer man wolle, 365 Tage im Jahr.

Oceancare kritisiert die Haltung von Walen

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Legende: srf/aldm

Sigrid Lüber ist Gründerin der Meeresschutzorganisation Oceancare mit Sitz in Wädenswil. Sie setzt sich gegen das Halten von Waltieren in Gefangenschaft ein. Dazu gehören Delfine, aber auch kleine Wale wie Belugas oder Orcas.

SRF News: Was ist das Problem, wenn Delfine so gehalten werden und in Shows vorgeführt werden?

Sigrid Lüber: In der Wildnis leben die Tiere in hochkomplexen Sozialstrukturen, vergleichbar mit unseren Familienstrukturen. Es sind gewachsene Gruppen, die sich von Geburt an kennen. In den Delfinarien werden sie bunt zusammengemischt. Die Tiere verstehen sich natürlich, aber sie sprechen nicht denselben Dialekt, sie sind nicht bei ihrer Familie. Und das führt zu grossen Stresssituationen und auch zu Aggressionen.

Zwei Zoos in Deutschland, die Delfine haben, sagen, es sei durchaus möglich, die Tiere artgerecht zu halten...

Das sehe ich anders, und nicht nur ich. In der Schweiz wurden die Delfine schon 2007 mit der Tierschutzgesetzrevision und der -verordnung in die Gruppe der sehr schwer zu haltenden Tiere aufgenommen, womit in der Schweiz keine neue Haltung erlaubt worden wäre, selbst wenn es noch so ein grosses Delfinarium gewesen wäre. Denn der Gefangenschaft kann man die Wildnis nicht replizieren. Die Becken sind in der Regel einfach aus Beton. Darin können die Tiere nicht korrekt miteinander kommunizieren. Es entstehen Echos. Bei den Anlagen wird viel mehr Gewicht auf die Zufriedenstellung der Besucher gelegt als auf die Bedürfnisse der Tiere.

Ein Delfinleben in Freiheit ist auch nicht frei von Gefahren. Lassen Sie das Argument nicht gelten?

Nein, das ist die allergrösste Ausrede der Delfinarienbetreiber. Natürlich haben sie Gefahren, wenn man zum Beispiel die Delfintreibjagd anschaut. Aber man kann gut und gerne behaupten, dass die Delfinarien der Motor der Treibjagd sind, denn für ein lebendes Tier werden 110'000 bis 150'000 Franken bezahlt, für tote Tiere nur 600. Wenn die Betreiber also darauf verzichten würden, Tiere aus der Treibjagd zu kaufen, so würden sie einen guten Tierschutzbeitrag leisten. Die Motivation für die Delfinjäger wäre weg, weniger Geld wäre im Spiel.

Wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass es Konsum ist, wenn man in ein Delfinarium geht. Und wenn man am Meer ist und Delfine vorbeiziehen sieht, das ein Geschenk ist. Man muss einfach lernen, dass man nicht alles immer sofort haben kann, wenn man es möchte. Es ist bei Delfinarien dasselbe wie bei allem, was man konsumiert: Die Nachfrage regelt das Angebot.

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Das Ganze Gespräch mit Sigrid Lüber von Oceancare
05:42 min, aus Echo der Zeit vom 10.09.2021.
abspielen. Laufzeit 05:42 Minuten.

Echo der Zeit, 09.09.2021, 18:00 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Jörg Dieter  (jorgd)
    Ich finde diesen Artikel nicht glaubwürdig - eine Art fiktiven Schrecken über fernes Land und Delfine und Wale, die in der Schweiz niemand so gut kennt. China hat Hunderte von Millionen Menschen in der Mittelschicht - vielleicht würden sie selbst bemerken, wenn diese Delfine wirklich missbraucht würden?
  • Kommentar von Hermann Zumstein  (Mänu49)
    Vieles was in der westlichen Welt als dekadent oder umweltfeindlich abgeschafft wird boomt in China. Bald müssen sie nicht mehr zu uns kommen. ;-)
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Wenn ich an all die Hauskatzen und Hunde bei uns denke und dann freilebende Wildkatzen oder Wölfe sehe...
    Tja, über China und deren Moden lästern, wo diese ja auch bei uns noch vor kurzem gang und gäbe waren, ist halt gar einfach. Ist sozusagen gratis. Selber auf Hund, Katze der Aquariumfisch zu verzichten - eine andere Nummer.
    1. Antwort von Christina Hiniger  (Historikerin)
      Katzen und Hunde sind über Jahrtausende als Haustiere gezüchtet worden. Katzen wie vorallem Hunde sind gerne in der Gesellschaft von Menschen und haben in den meisten Fällen ein besseres als in der Wildnis. Dort leben sie ca. drei Jahre und bei Menschen bis zu über 20 Jahren. Weder Hunde noch Karzen werden bei guten Haltern depressiv. Ihr Vergleich entbehrt jeglicher faktischen Grundlage. Sie versuchen da kulturellen Relativismus anzuwenden, wo es nur Tierquälerei relativiert.