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Panorama Unfälle im Radsport: Die Angst fährt mit

Wie gefährlich Radrennen sind, zeigt der Tod des Belgiers Antoine Demoitié nach einer Kollision mit einem Begleitmotorrad im März in Lille. Sein Landsmann Stig Broeckx liegt nach einem ähnlichen Zwischenfall im Koma. Das Risiko, sich schwer zu verletzen, ist gross, auch an der Tour de Suisse.

Ein Radrennfahrer von hinten mit zerrissenem Shirt, darunter Schürfwunden.
Legende: Hohe Tempi und spektakuläre Abfahrten: Radrennen sind richtige Höllenritte geworden. Keystone

Martin Elmiger hat in seiner Karriere schon viel erlebt. Seit 15 Jahren fährt er auf der Profi-Tour mit. Viermal wurde er Schweizer Meister. Doch die Freude an seinem Beruf hat zuletzt gelitten. Die zahlreichen Stürze im Fahrerfeld machen dem 37-jährigen Familienvater zu schaffen: «Ich habe extrem Respekt, aber ich habe auch mehr Angst im Feld als früher, und das kann einen schon hemmen.»

Elmiger bremst heute häufiger als früher. Er war schon des Öfteren in Stürze verwickelt worden. Mit sechs Handgelenkbrüchen und einem Schlüsselbeinbruch kam er vergleichsweise glimpflich davon.

Zuviel «Zeug auf der Strasse»

Doch jeder Sturz verunsichert ihn noch mehr, die Bilder brennen sich ein in seinem Kopf. So wie jene von Anfang April. «Dieses Jahr bei der Flandern-Rundfahrt war ich relativ gut positioniert», sagt Elmiger. «Dann, in einer Pavékurve mit etwa 50 km/h, stürzen die Fahrer vor mir und ich lag mit einem Handgelenkbruch da. Alle Fahrer fielen auf mich. Man fühlt sich hilflos, man kann nichts machen.» Mit Pavé ist Kopfsteinpflaster gemeint.

Auch Mathias Frank macht sich Sorgen. Die Entwicklung der letzten Jahre gefällt dem grossen Schweizer Hoffnungsträger auf einen Tour-de-Suisse-Sieg gar nicht: «Seit ich vor neun Jahren Profi wurde, haben sich die Strassenverhältnisse verändert. Es hat mehr Verkehrsteilnehmer, mehr Zeug auf der Strasse. Eigentlich ist das, um den Verkehr zu beruhigen, aber für uns im Rennen ist es eine Gefahr.» Es werde aggressiver gefahren, die Motorräder haben weniger Platz zum Überholen. «Es ist eine konstante Stresssituation für die Sicherheitsleute und für uns.»

Zu schnell auf Quartierstrassen unterwegs

Für den Innerschweizer liegt ein Grundproblem auf der Hand: Die Fahrerfelder seien zu gross. «200 Mann fahren mit 50 bis 60 km/h durch eine 30-er Zone mit verkehrsberuhigenden Elementen. Aber dafür sind diese Strassen nicht konzipiert.»

Ein weiteres Problem sind die Begleitmotorräder. Sie haben zuletzt die schwersten Unfälle verursacht. Frank fordert konkrete Massnahmen vom Radsport-Weltverband UCI. Er ist nicht allein damit. Tour-de-France-Sieger Alberto Contador fordert eine Kontrolle der Motorradfahrer. Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin eine generelle Sicherheitsdebatte.

Es formiert sich Widerstand im Fahrerlager. Tour-de-Suisse-Direktor Olivier Senn kann dies verstehen. Als Veranstalter will er das Risiko minimieren, so gut es geht. Unter anderem mit der Auswahl der Motorradfahrer. «Wir haben Töfffahrer, die schon seit Jahren dabei sind. Sie sind alle erfahren mit Velorennen. Es sind alles Polizisten, das heisst, die können mit Stresssituationen und Verantwortung umgehen.»

Ein Wunder, dass nicht mehr passiert

Und gleichwohl fährt die Angst bei Routinier Elmiger manchmal mit. Denn, was auch immer unternommen werde, ein Restrisiko bleibe. «Ganz wegnehmen kann man es nie. Wir sind mit bis zu 110 km/h unterwegs, ohne Schoner, wir haben nur einen Helm auf. Wir fahren um Strassenecken, als ob nichts wäre, Millimeter knapp an Autos vorbei.»

Angesichts dieser Risiken sei es erstaunlich, wie wenig im Radsport noch immer passiere, sagt Elmiger. Das sagt er in einem Jahr, in dem der Profiradsport schon einen Toten und einen Komapatienten zu beklagen hat.

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