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Braucht es eine Stadtplanung für Wildtiere?
Aus Echo der Zeit vom 16.11.2021.
abspielen. Laufzeit 06:59 Minuten.
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Urbane Wildtiere Besser Wohnen für den Stadtfuchs: Biologe fordert mehr Rücksicht

Wildtiere gehören zur Stadt. Also sollen ihre Bedürfnisse auch in Bauprojekte einfliessen, sagt Wolfgang Weisser.

Der Igel im Gemeinschaftsgarten. Der Fuchs, der sich an einem Abfallsack zu schaffen macht. Das verdächtige schwarzweisse Fellbündel, das unter dem geparkten Auto verschwindet. Wer nachts durch die leeren Strassen der Stadt spaziert, macht so manche tierische Bekanntschaft.

Und viele von ihnen sind nicht etwa aus herumliegenden Wäldern in die schlafende Stadt gekrochen – ihr Lebensraum sind die Parks, Industriebrachen und verwinkelte Strassenzüge.

Der Stadtfuchs erobert Zürich

In Zürich zum Beispiel hat sich genetisch gesehen sogar eine eigene Population gebildet, die sich nicht mehr mit Füchsen vom Land mischt. Tiere gehören also zu den Städten – wie die Menschen. Doch wenn die Menschen eine Stadt oder eine Siedlung planen, dann spielen die Wildtiere kaum eine Rolle.

Das kritisiert Wolfgang Weisser. Der Biologe und Professor an der Universität München hat daher zusammen mit einem Landschaftsarchitekten eine Methode entwickelt, wie Tiere in der Stadtplanung berücksichtigt werden können. Er nennt dies das «Animal Aided Design».

Das klingt hip und modern. Tatsächlich würde damit das Rad der Zeit auch ein Stück weit zurückgedreht, erklärt Weisser. «Noch vor 100 Jahren haben wir in den Städten sehr viel mehr Tiere zugelassen.» Die Verdichtung und das Wachstum der Städte führe aber dazu, dass Tiere zunehmend den urbanen Lebensraum verlieren.

Wir haben die Stadt in unserer Wahrnehmung als Platz für den Menschen definiert, und die Tiere haben ihren Platz ausserhalb der Stadt.
Autor: Wolfgang Weisser Professor für terrestrische Ökologie, Technische Uni München

Doch schon heute wird einiges getan, um Tieren ein Zuhause in den Städten zu ermöglichen. Anwohner hängen Nistkästen für Vögel auf oder stellen sogenannte Bienenhotels in den Garten oder auf den Balkon. Auch sind Vögel geschützt, die an oder in Häusern nisten, wie zum Beispiel Mauersegler oder Spatzen.

Löblich, aber ungenügend, findet der Biologe. «Mit den Tieren ist es wie mit den Menschen, die ja auch Tiere sind: Sie brauchen einen Platz zum Wohnen, etwas zu fressen, einen Rückzugsort, einen Ort, wo sie sich paaren können.»

Ohne Tiere sind wir einsam in der Stadt

Ein Nistraum deckt zwar einige dieser Bedürfnisse ab – Futtermangel rund ums Zuhause kann aber trotzdem herrschen; und auch der gesetzliche Schutz diene lediglich dazu, einzelne Tiere, die schon da sind, vor der Vertreibung zu schützen, so Weisser.

Legende: Nicht von seinen Artgenossen in den Wäldern zu unterscheiden, und trotzdem genetisch einzigartig: Ein Stadtfuchs sonnt sich in einem Garten im Zürcher Kreis 6. Keystone

Weisser plädiert denn auch für ein generelles Umdenken: «Wir haben die Stadt in unserer Wahrnehmung als Platz für den Menschen definiert, und die Tiere haben ihren Platz ausserhalb der Stadt.» Ausnahme bleiben die Tiere, die wir bewusst bei uns haben wollen – etwa Hunde oder Katzen.

Kurz: Wenn wir wie früher den Kontakt mit Tieren haben möchten, müssen wir auch etwas dafür tun. Konkret bedeutet das, dass schon bei Beginn eines Bauprojektes Wildtiere mitgedacht werden.

Tierfreundlicher Lebensraum in der Metropole

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Der Biologe nennt das Beispiel eines Projekts in München, das er gemeinsam mit Architekten, Landschaftsarchitekten und der Wohnungsbaugesellschaft realisiert hat: Dort wurde quasi für Igel, Haussperling, Grünspecht und Zwergfledermaus gebaut. «Sie alle bleiben im Winter und brauchen dann auch ein Quartier. Wir sind ihren Lebenszyklus von der Nahrung bis zur Wohnung durchgegangen und haben versucht, die Dinge zu realisieren, die diese Tiere zum Leben brauchen.»

Doch was haben wir Menschen im durchgetakteten Stadtleben davon, wenn wir Wildtieren wieder Raum geben? «Lebensqualität!», könnte man die Sichtweise des Biologen zusammenfassen. «Die Menschen haben davon den grossen Vorteil, dass sie diese Tiere sehen und erfahren können und ganz allgemein Kontakt zur Natur haben können.»

Gerade in der tristen Corona-Zeit sei dieses Bedürfnis wieder sehr deutlich geworden. Und eine Verdichtung, die mit der Vertreibung der Tiere vor die Stadttore einhergeht, trennt den Menschen von seiner natürlichen Umwelt – und macht ihn damit auch ein Stück weit einsam. Denn, so schliesst der Forscher, «der Mensch hat schon immer mit Tieren zusammengelebt.»

Video
Aus dem Archiv: Wie Tiere zu Städtern werden
Aus Einstein vom 01.10.2020.
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Echo der Zeit, 17.11.2021, 18 Uhr;

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