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Zu früh gereift – Phänomen vorzeitige Pubertät
Aus Puls vom 12.10.2020.
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Vorzeitige Pubertät Wenn die Hormone zu früh verrückt spielen

Im Kindergartenalter bereits Brustwachstum und emotionale Schübe? Was das für Betroffene und Eltern bedeutet – und wie wenig man über die Ursachen des Phänomens weiss.

Was Ida (Name geändert) als Siebenjährige in den Ferien erlebte, war für ein Mädchen in ihrem Alter höchst ungewöhnlich. Und ziemlich beunruhigend. «Ich hatte Ausfluss in meiner Unterhose und bin zu meiner Mutter gegangen, um sie zu fragen, was das ist.»

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Wie Ida und ihre Mutter den Sturm der Hormone erlebten.
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Die Erklärung: Bei Ida hatte viel zu früh die Pubertät eingesetzt. Und die Eltern fanden sich unversehens in einem emotionalen Wechselbad wieder. «Wir hatten plötzlich ein achtjähriges Mädchen zu Hause, das sich wie ein pubertierender Teenager benahm», erinnert sich Mutter Simone. «Angefangen bei Stimmungsschwankungen von super lustig bis total aggressiv. Da fragt man sich dann schon, wie man damit umgehen soll.»

Was spielt sich im Körper solcher Kinder ab? Ihre Hirnanhangsdrüse – die Hypophyse – produziert vorzeitig sogenannte Gonadotropine. Diese Signalhormone veranlassen die Eierstöcke das weibliche Geschlechtshormon Östrogen auszuschütten. Wird dieser Prozess nicht gestoppt, beginnen die Brüste zu wachsen, die Gebärmutter entwickelt sich und nach rund zwei Jahren setzt die Menstruation ein.

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Was sich im Körper von Kindern mit zentraler Pubertas praecox abspielt.
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Begleitet wird diese Entwicklung von einem Wachstumsschub, den es bei noch jüngeren Mädchen als Ida unbedingt mit einer Hormontherapie zu verhindern gilt. Denn startet der Pubertäts-Wachstumsspurt derart zu früh, endet er auch viel zu früh – und das betroffene Kind erreicht nie seine normale Grösse.

Bremsende Hormone kamen schliesslich auch bei Ida zum Einsatz. Nicht, weil es medizinisch notwendig gewesen wäre, sondern weil sie mit der Situation überfordert war.

Dafür hat Beatrice Kuhlmann volles Verständnis. Die Kinderendokrinologin begleitet die heute Zwölfjährige seit nunmehr vier Jahren und hat immer wieder mit Fällen wie Ida zu tun: «Wenn es bei einem Mädchen in der ersten, zweiten Klasse bereits mit der Pubertät losgeht, ist das schon verflixt früh. Im Kopf sind das noch Kinder, aber biologisch schon fast junge Damen – das reisst sie regelrecht auseinander.»

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«Im Kopf sind das noch richtige Mädchen, aber biologisch geht das schon fast in Richtung junge Dame.»
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Die positiven Effekte der Hormonbehandlung waren für Idas Mutter ebenso offensichtlich wie überraschend. «Es hat sich sehr schnell sehr viel verändert. Die körperliche Entwicklung wurde praktisch mit der ersten Therapiesitzung gestoppt. Sie wurde allgemein ruhiger, schlief auch wieder viel besser. Das war schon eindrücklich.»

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Idas Mutter erinnert sich an den eindrücklichen Wandel nach Beginn der Therapie.
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Nach eineinhalb Jahren konnten die Hormone wieder abgesetzt werden. Idas Entwicklung verläuft seither wieder ganz normal. Die Ursache der vorzeitigen Pubertät ist indes unbekannt. Wird wohl auch weiter im Dunklen bleiben.

«In 80 bis 85 Prozent aller Fälle findet sich da nichts», weiss Beatrice Kuhlmann von der Basler Praxis Endonet. «Dabei macht man heute doch recht häufig Abklärungen, um sicher keinen Hirntumor oder die Spätfolgen eines Unfalls oder einer Hirnhautentzündung zu verpassen.»

Seit 150 Jahren immer jünger

Seit 150 Jahren immer jünger

Der Trend zu einem immer früheren Pubertätseintritt begann schon vor über 150 Jahren. Verschiedene Untersuchungen, Link öffnet in einem neuen Fenster zeigen, dass das Durchschnittsalter der ersten Regelblutung in Europa von 17 Jahren im Jahr 1850 auf 12,5 Jahre im Jahr 1960 gesunken ist und sich dann auf diesem Niveau stabilisiert hat. Dieser sogenannte säkulare Trend wird mit den veränderten Lebensbedingungen erklärt.

Antworten könnten dereinst aus Dänemark kommen. Dem Phänomen «zentrale Pubertas praecox» ist man am Rigshospitalet in Kopenhagen seit Jahrzehnten auf der Spur und hat bei Tausenden von Schulkindern verfolgt, wie sich der Beginn ihrer Pubertät entwickelt hat.

Die Kopenhagener Studien sind in Umfang und Dauer in Europa einzigartig. Und das Zahlenmaterial lässt klare Schlüsse zu: Heute zählen die Forscher vier Fälle von vorzeitiger Pubertät auf 10'000 Kinder – und sprechen dabei von einem echten Boom.

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«Heute kommen sechsmal mehr junge Mädchen zu uns, um sich beraten zu lassen.»
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«In unserem Krankenhaus sehen wir jedes Jahr zwischen 200 und 300 neue Mädchen», erklärt Anders Juul, Leiter endokrinologische Forschung am Rigshospitalet Kopenhagen. «Vor 15 Jahren kamen zwischen 40 und 50, um sich beraten zu lassen. Heute sind das also sechsmal so viele wie damals.»

Die dänischen Forscher haben auch einen klaren Verdacht, woran das liegt: An hormonaktiven Substanzen, die laufend in sehr geringen Konzentrationen aus der Umwelt aufgenommen werden. «Messungen ergaben, dass 100 Prozent der Schulkinder in Kopenhagen Phtalate im Urin hatten. Und eine hohe Konzentration dieser Weichmacher korrelierte mit vorzeitigem Brustwachstum und später mit dem Auftreten von Schamhaaren.»

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Bei allen untersuchten Schulkindern in Kopenhagen wurden Phtalate im Urin nachgewiesen.
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Eine weitere Hypothese: Mütter, die während der Schwangerschaft mit Weichmachern in Kontakt kommen, programmieren ihre Babys quasi auf eine frühzeitige Pubertät.

Den entsprechenden Schluss lässt eine Studie zu, bei der zwei Gruppen von Frauen verfolgt wurden. Die einen Gruppe arbeitete in Gewächsshäusern und war dabei bis zum positiven Schwangerschaftstest rund 200 Pestiziden ausgesetzt. Die Frauen in der zweiten Gruppe arbeiteten im Büro ohne Kontakt zu Pestiziden.

Die Töchter der Gewächshausarbeiterinnen entwickelten im Schnitt ein Jahr früher Brüste als die der Büroangestellten.

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Anders Juul ist überzeugt, dass Umwelteinflüsse eine wichtige Rolle als Auslöser einer frühzeitigen Pubertät spielen.
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«Wir beschreiben nur, was wir im wirklichen Leben beobachten», relativiert der Forscher. Deshalb zögere er, von Beweisen zu sprechen. «Aber tief in meinem Herzen habe ich allen Grund zur Annahme, dass hormonaktive Substanzen eine wichtige Rolle bei der Auslösung der vorzeitigen Pubertät spielen.»

Puls, 12.10.2020, 21:05 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Richard Weiner  (Richard Weiner)
    Einverstanden mit Umwelteinflüssen. Aber was ist mit unserer Sozialen Umfeld? Unsere Kinder und Jugendliche sind viel früher mit Sexualität konfrontiert; Internet, TV etc. Die haben Einwirkung auf dass Hirn Aktivitäten was zufolge auch Hormone Ausstossen verursacht. Letzten Ende wahrscheinlich ein Kombination von alles.
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  • Kommentar von Der Waldmensch  (Der)
    Keine Erklärung? Ich arbeite alles Umweltberater... seit über 30 Jahr sind div. Hormone in der Umwelt nachweisbar. Das Problem ist das sogenannte Cocktail aller Stoffe! Viele sind leider weibliche Hormone, deshalb betrifft es auch fast nur Mädchen. Wären früher Frösche und andere Amphibien davon betroffen sind es heute wir Menschen. Ach da kommen noch etliche Probleme auf uns zu, Mikroplastik, Glyphosate, Pestizide!? In jedem Schweizer Glas Wasser sind über 20000 chemische Stoffe nachweisbar
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    1. Antwort von Laura Brunner  (dibidäbi)
      Zusätzlich dürften hormonelle Verhütungsmittel auch noch eine Rolle spielen, zumal sie in den Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können.
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    2. Antwort von Andrea Oswald  (Hu?)
      weibliche Hormone wirken auch auf Männer - schauen Sie sich einmal Fruchtbarkeitsstatistiken der letzten 50 Jahre an... 60% Rückgang der Spermienzahl seit 1970er - in westlichen Ländern.

      Woher das wohl kommen mag?
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  • Kommentar von Peter Zuber  (Hä nuuh)
    Plastik ist halt nicht gesund aber am schlimmsten war die flächendeckende Einführung der PET-Flaschen. Die Getränkeindustrie ist mächtig und verdient lieber Geld. Die Politiker auch. Das Giftzeugs Phtalate ist in diesen Flaschen tonnenweise vorhanden. Aber die Medien sitlisieren lieber nicht lösbare Probleme wie den Klimawandel hoch als zu fordern das Gift in Nahrungsmitteln verboten wird.
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    1. Antwort von Ihr Kommentar (SRF)
      @Peter Zuber Guten Tag Herr Zuber, das BAG meint zu Phthalate folgendes: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/umwelt-und-gesundheit/chemikalien/chemikalien-a-z/phthalate.html Bei uns finden Sie zu diesem Thema diese beiden aktuellen Beiträge: https://www.srf.ch/news/schweiz/schaedlich-oder-nicht-plastik-um-uns-herum-und-in-uns-drin sowie https://www.srf.ch/news/schweiz/weichmacher-in-spielsachen-gesundheitsschaedliche-stoffe-in-kleinkindern Liebe Grüsse, SRF News
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