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Was die Staatsanwaltschaft zur Rolle von Josef Bollag sagt
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Affäre «Gerigate» Josef Bollag spielte eine Rolle

Was viele in der Region Baden schon lange wissen, wird jetzt auch in einem Schreiben der Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland ausgeführt: Josef Bollag, langjähriger Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Baden und politischer Gegenspieler des ehemaligen Stadtammanns und Nationalrats Geri Müller, spielte bei der Affäre «Gerigate» eine Rolle.

Es ging um den Nahost-Konflikt

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Josef Bollag und Geri Müller lagen sich aus politischen Gründen in den Haaren: Im Vorfeld zur Wahl als Stadtammann hatte Bollag als Vertreter der jüdischen Gemeinde Geri Müller vor allem in seiner Rolle als Aussenpolitiker öffentlich kritisiert.

Dieser nehme regelmässig einseitig Partei für die Palästinenser und gegen Israel im Nahost-Konflikt. Müller ist Präsident der «Gesellschaft Schweiz-Palästina».

Josef Bollag teilt mit, inzwischen sei dieser Streit beigelegt.

Dies geht aus einer Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft hervor, welche SRF seit Donnerstag vorliegt. Josef Bollag hatte sich gegen die Veröffentlichung dieser Verfügung bis vor Bundesgericht erfolglos zur Wehr gesetzt.

Die Affäre im Rückblick

Geri Müller geriet 2014 unter öffentlichen Druck, nachdem die AZ Medien Auszüge aus einem Chat mit einer jungen Frau veröffentlicht hatten. Die «Nacktselfie-Affäre» führte zuletzt wohl auch zur Abwahl von Geri Müller als Stadtammann in Baden.

Anfänglich stand der Verdacht des Amtsmissbrauchs im Raum, welcher sich allerdings rasch in Luft auflöste. Es ging um eine rein private Angelegenheit, die nicht hätte öffentlich werden dürfen.

Geri Müller hat im Nachgang zu dieser Affäre Anzeige erstattet, unter anderem gegen Josef Bollag und den Zürcher PR-Berater Sacha Wigdorovits. Er warf den beiden vor, dass sie illegal erstellte Tonaufnahmen weitergegeben haben.

Bollag und Müller einigten sich inzwischen aussergerichtlich, das Verfahren der Berner Strafverfolgungsbehörden wurde deshalb im März 2018 eingestellt. Die Berner Behörden sind zuständig, weil die ehemalige Chat-Partnerin von Müller in diesem Kanton wohnte. Über den Vergleich wurde Stillschweigen vereinbart.

Rolle von Sacha Wigdorovits noch unklar

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Auch der Zürcher PR-Berater Sacha Wigdorovits spielt im Fall «Gerigate» eine Rolle. Auch er wurde von Geri Müller angezeigt, hat sich aber nicht aussergerichtlich geeinigt, wie das Onlinemagazin Republik, Link öffnet in einem neuen Fenster berichtete. Deshalb kommt es im Herbst zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland.

SRF hat – gestützt auf das Öffentlichkeitsprinzip – Antrag auf Einsicht in die Einstellungsverfügung gestellt. Nun hat die Staatsanwaltschaft also diese Verfügung publiziert.

Ein fragwürdiger Vermittler...

Die Staatsanwaltschaft brummt Josef Bollag die Verfahrenskosten auf. Dies, weil sie davon ausgeht, dass er «das Verfahren rechtswidrig und schuldhaft» selbst verursacht habe. Für den Juristen Bollag sei ohne weiteres erkennbar gewesen, dass es sich bei dem mitgeschnittenen Telefonat um eine illegale Aufnahme handelte und dies «ein strafrechtlich relevantes Verhalten» darstelle.

Er habe die «psychisch instabile und beeinflussbare» Chatpartnerin sogar aufgefordert, die Dateien an Medien zu schicken und ihr entsprechende Kontakte angegeben. Aus den Unterlagen sei ersichtlich, dass er sie bei ihren Plänen zur Veröffentlichung der Dateien «zumindest ermutigte, unterstützte, beriet und manipulierte». Dabei habe er immer Wert darauf gelegt, dass er selbst gegen aussen nicht in Erscheinung trete.

Josef Bollag teilt mit, dass er die Darstellung der Staatsanwaltschaft bestreite. Diese Darstellung sei weder bewiesen, noch sei sie gerichtlich beurteilt und bestätigt worden.

... oder ein gutmütiger Helfer?

Bollag hatte die Vorwürfe bereits im Mai dieses Jahres bestritten, in einem Interview mit der Zeitung «Schweiz am Wochenende, Link öffnet in einem neuen Fenster» aus dem AZ-Medienhaus. Der Artikel erschien zu einem Zeitpunkt, als Josef Bollag bereits wusste, dass die Verfügung über kurz oder lang öffentlich wird. Unter anderem betonte Bollag in diesem Gespräch bereits, dass er seine Handlungen nicht für strafbar halte.

Er habe sich vielmehr von den zum Teil unwahren Geschichten der Chat-Partnerin und seinem damals negativen Bild von Geri Müller leiten lassen und dieser Frau helfen wollen. Die Einstellungsverfügung habe er nur deshalb nicht angefochten, weil die Verfahrenskosten lediglich 700 Franken betrugen.

Zudem schildert der 76-jährige Mann, dass er unter den Folgen der Affäre selber auch gelitten habe. «Der losgetretene Medienrummel und die Begleiterscheinungen – von antisemitischer Post bis zu Morddrohungen – waren für mich eine grosse Belastung», wird er zitiert.

Was bleibt?

Damit bleiben nach der Affäre «Gerigate» nur Verlierer zurück: Die Chat-Partnerin wurde verurteilt, unter anderem wegen übler Nachrede. Geri Müller verlor seine politischen Ämter. Und Josef Bollag leidet inzwischen darunter, dass seine Rolle in dieser Affäre öffentlich geworden ist.

Klar ist damit aber auch: Die ganze – eigentlich private – Geschichte wurde durch eine persönliche Fehleinschätzung seitens Josef Bollag erst publik und hochgekocht. Er hielt die Aussagen der Chat-Partnerin, sie fürchte um ihr Leben, für plausibel, da er vermutete, Geri Müller verfüge wegen seines Nahost-Engagements über weitgehende Kontakte. Und diese Fehleinschätzungen sind wohl mit den politischen Streitigkeiten aus früheren Tagen erklärbar.

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