Zum Inhalt springen

Header

Audio
Autor Peter Hossli zum Buch «Revolverchuchi» über den Mordfall Stadelmann von 1957
Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 25.03.2020.
abspielen. Laufzeit 13:28 Minuten.
Inhalt

Buch zum Mordfall Stadelmann Wie ein Aargauer Gipser und seine Geliebte zu Mördern wurden

Es sei eines der grausamsten Verbrechen der schweizerischen Kriminalgeschichte, schrieben Zeitungen 1957 über den Mord an Peter Stadelmann, einem Ostschweizer Landmaschinenverkäufer, der damals in Rohr bei Aarau lebte.

Max Märki und Ragnhild Flater, ein junges Liebespaar, wollten Stadelmann Geld abknöpfen. Der Raub geriet aber ausser Kontrolle. Die beiden schlugen Stadelmann halb tot und warfen ihn von der Brücke zwischen Birmenstorf und Mülligen in die Reuss, wo er ertrank.

Im Buch «Revolverchuchi» arbeitet Autor Peter Hossli die Geschichte rund um den aufsehenerregenden Kriminalfall akribisch auf. Dabei schildert Hossli nicht nur detailliert den Fall, den er anhand von Akten genau rekonstruieren kann, sondern erzählt auch vom gesellschaftlichen Umfeld der 1950er-Jahre und dem Milieu, aus welchem die Mörder stammten.

Altes schwarzweiss Foto von einer Frau und einem Mann aus Verbrecherkartei
Legende: Verbrecherfotos vom 7. November 1957. Ragnhild Flater (links) und Max Märki (rechts) StAAG/RBA1-1-24077_1=1 (Staatsarchiv Kt. AG)

Märki, damals 25-jähriger Gipser aus Unterbözberg, verschuldet, unglücklich verheiratet, Vater von drei Kindern, wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen auf. Er habe zeitlebens Liebe und Anerkennung gesucht und habe aus der Armut ausbrechen und nach Amerika auswandern wollen, schreibt Autor Peter Hossli.

Ragnhild Flater stammte aus einem abgelegenen norwegischen Dorf, wollte eigentlich in der Schweiz die Hotelfachschule besuchen, musste dann aber in Luzern als Hilfsköchin arbeiten und wurde von Märki, den sie liebte, schwanger. Nicht zuletzt erzählt Hosslis Tatsachenroman auch diese fatale Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen.

Autor und Journalist Peter Hossli

Textbox aufklappenTextbox zuklappen
Peter Hossli auf einem weiten Feld
Legende:https://ralphdiemer.viewbook.com/Ralph Diemer

Peter Hossli wuchs im Kanton Aargau auf. Er studierte in Zürich und New York Geschichte, Filmwissenschaften, Publizistik und Recht. Als Journalist gehörte er 1995 zur Gründerredaktion des Nachrichtenmagazins «Facts». Von 1998 bis 2009 berichtete er aus den USA. Seine Reportagen und Interviews wurden in zwanzig Ländern publiziert. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete er bis 2017 für den Ringier-Verlag als Reporter, heute schreibt er für die «NZZ am Sonntag» und arbeitet als Produzent und Moderator für das Schweizer Fernsehen SRF. 2018 erschien sein erstes Buch: «Die erste Miete ging an die Mafia: Was ich bin: Reporter».

SRF: Sie schildern in «Revolverchuchi» das Leben in der Schweiz in den 1950er-Jahren, als man sich im Turnverein kennenlernte, als viele Menschen zum Telefonieren ins Restaurant gehen mussten, weil sie noch keinen Apparat zu Hause hatten, und als es noch viele kinderreiche Familien gab, weil man die Pille zum Verhüten noch nicht kannte. Besonders eindrücklich, und schlimmer noch als die Schilderung vom Mord, fand ich eine Schilderung einer illegalen Abtreibung mit einem Schlauch und Seifenlauge. Sie haben sich jetzt intensiv mit dieser Zeit befasst, was fanden Sie besonders schockierend oder faszinierend?

Peter Hossli: Dass es im Kanton Aargau damals immer noch ein sehr armes Milieu gegeben hat. Die Schweiz war zweigeteilt. Zum einen gab es das Wirtschaftswunder nach dem Krieg, eine Aufbruchstimmung, die Zeitungen waren voller Inserate für neue Autos. Zum anderen gab es eine grosse andere Gruppe, Arbeiterinnen und Arbeiter, die ärmlich waren und ausbrechen wollten aus ihrem Leben. Um diesen Mord verstehen zu können, muss man diese Zeit verstehen. Der Max war einer, der ausbrechen wollte und mit der Frau, die er kennengelernt hatte, nach Amerika flüchten wollte, er hatte aber kein Geld.

Max Märki hatte eine schlimme Kindheit, war zeitweise im Kinderheim Brugg, wurde von der Stiefmutter geschlagen, er war verschuldet, hatte schon drei Kinder mit seiner Frau, seine Geliebte erwartete ein weiteres und es fehlte Geld. Haben Sie denn heute, nachdem Sie den Fall rekonstruiert haben, Verständnis für die grausame Tat?

Das ist eine gute Frage, die ich mir auch immer wieder gestellt habe. Ich wollte nicht ein verurteilendes Buch schreiben über Max Märki und seine Geliebte, die Grausames gemacht haben. Sondern ich habe versucht, Max Märki zu verstehen. Und als ich die Akten durchgeschaut habe, habe ich Max Märki – das ist jetzt vielleicht ein komisches Wort – auch ein bisschen gern bekommen. Er war kein böser Mensch. Er wollte die Armut hinter sich lassen. Er hat eigentlich recht viel richtig gemacht in seinem Leben. Aber sein Geschäft ging Konkurs, deshalb verlor er seinen Rang im Militär, und dann kippte es.

Sie erzählen eine True-Crime-Story. Warum sind solche Geschichten über Verbrechen, die tatsächlich passiert sind, gerade so beliebt?

Ich kann nur für mich sprechen. Mein Schwiegervater hat mir diese Geschichte beim Weihnachtsessen 2017 erzählt. Und sie hat mich nicht nur wegen des Verbrechens völlig fasziniert, sondern auch wegen der grossen Liebesgeschichte, weil sie in einer Zeit verortet ist, die man nicht gut kennt, und weil sie in der Region passiert ist, in der ich aufgewachsen bin, in der Region Baden.

Man liest ein Buch anders, wenn man die Region kennt, in der eine Geschichte spielt. Das nächste Mal, wenn ich in Brugg neben dem Bahnhof den Betonklotz der Migros sehe, werde ich daran denken, dass der Mörder auf dieser Baustelle gearbeitet hat. Oder auf der Brücke zwischen Birmenstorf und Mülligen werde ich daran denken, wie hier 1957 ein halbtoter Mensch in die Reuss geworfen wurde.

Ganz genau. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat hat mich fasziniert. Ich habe zwölf Jahre als Korrespondent in New York gelebt und Geschichten produziert auf allen fünf Kontinenten, aber das hier war wie ein Homecoming, ein Nachhausekommen. Ich habe alle Tatorte besucht. Zum Beispiel ging ich an genau jenem Tag an die Reuss, an dem die Leiche gefunden wurde, damit ich die Verfärbung der Blätter und des Mooses sehe. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat hat mich angetrieben, dieses Buch zu schreiben.

Wir lesen häufig in Zeitungen oder online kurze Artikel zu Verbrechen und meinen dann zu wissen, was passiert ist, erlauben uns nach wenigen Zeilen schon ein Urteil über eine Sache oder einen Menschen. Ihr Buch zeigt, dass die Meinung, die wir uns bilden, vielleicht nicht immer stimmt. Ist das auch eine Kritik an uns Leserinnen und Lesern, dass wir uns von einer kurzen und knackigen Nachricht zu schnell verführen lassen?

Dieser Fall ist ein gutes Beispiel dafür. In der Berichterstattung damals über den Mordfall hatte es sehr viele Fehler, wenn man heute mit den Akten vergleicht. Jede Geschichte, wenn man sie aus Distanz betrachtet und Zugang hat zu Akten, präsentiert sich anders. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in 20, 30 oder 50 Jahren ein Buch geschrieben wird über den Mordfall Rupperswil, und dass man dereinst auch diesen Fall anders betrachten wird, wenn es dann Informationen geben wird, die man heute in den Medien nicht hat.

Und dann sieht man in 20 oder 30 Jahren auch den Menschen hinter dem Monster?

Ja. Die Medien machten damals Max Märki sofort zum Monster. Sie machten das Auto, in dem das Verbrechen geschah, zur «Folterkammer auf Rädern». Mit der Figur Max hat man sich aber nicht auseinandergesetzt. Und das ist auch heute oft so. Es kommt zu einem Mord, es gibt eine Schlagzeile, und man vergisst es wieder. Ich habe versucht, aus einer Distanz von 60 Jahren auf diese Figur einzugehen. Das hat mich angetrieben bei diesem Projekt.

Das Gespräch führte Marco Jaggi.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 25.3.2020, 17:30 Uhr; bras;jagm

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Martin H. Meier  (Mahame)
    Das Böse fasziniert sehr viele Menschen. Es steckt in jedem von uns. Darum sind Krimis so populär, besonders dann, wenn wahre Begenheiten verarbeitet werden. Dafür gibt es unzählige Beispiele.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Und die Geschichte von Peter Stadelmann, Landmaschinenverkäufer, der halb tot geschlagen über die Brücke in die Reuss geworfen wurde und ertrank? Wie lautet die? Was alles haben ihm die beiden Verbrecher mit seinem Leben auch noch genommen? Und wem noch?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Angela Christen  (Angela1983)
    Danke, Herr Hossli, für Ihre Worte und das Buch. Mein Grossvater, Max Märki, hat Fehler begangen und es ist Vieles schief gegangen. Es ist für mich beeindruckend, Details zur Geschichte zu erfahren, im Hintergrund davor, dass Max Märki für mich mein liebevoller Grossvater war, der aus seinen Fehlern gelernt hat. Er war eine gute Seele, ein einzigartiger Charakter und ich werde ihn immer in positiver Erinnerung haben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hans H. Hirt  (AndromedaAxiomis)
      Eine gute Seele. Ja, so kann man einen hinterhältigen Mörder und Verbrecher wohl auch nennen. Ihnen sind wohl das Opfer und die Hinterbliebenen egal.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen