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Chirurg wird Hausarzt «Eine Hausarztpraxis ist vergleichbar mit einem Dschungel»

Legende: Audio Ländliche Idylle statt steriler OP-Saal abspielen. Laufzeit 08:46 Minuten.
08:46 min, aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 23.10.2018.

Es ist noch eine grosse Baustelle, dort, wo in drei Wochen die ersten Patienten ein- und ausgehen sollen. In diesen Räumlichkeiten im Zentrum von Lommiswil eröffnet Oliver Freiermuth eine Hausarztpraxis. Eine spezielle Geschichte, denn Oliver Freiermuth ist ausgebildeter Chirurg, war jahrelang Oberarzt. Der Wechsel vom OP-Tisch in die Hausarzt-Praxis macht kaum jemand.

Oliver Freiermuth

Oliver Freiermuth

Hausarzt

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Oliver Freiermuth ist 48 Jahre alt und wohnt in Lommiswil bei Solothurn. Er absolvierte eine Ausbildung zum Chirurg, zunächst war er als Unfallchirurg, später als Bauchchirurg im Bürgerspital Solothurn tätig. In drei Wochen eröffnet Freiermuth seine eigene Hausarztpraxis in Lommiswil. Er übernimmt dabei die Patienten vom bisherigen Dorfarzt, Rudolf Fischer, der sich pensionieren lässt. Um sich auf die Tätigkeit als Hausarzt vorzubereiten, war Freiermuth zuletzt während zwei Jahren im Bürgerspital in der Inneren Medizin tätig.

SRF News: Sie waren jahrelang Chirurg. Warum dieser ungewöhnliche Wechsel in eine Hausarztpraxis?

Oliver Freiermuth: Nach 20 Jahren als Chirurg ist vieles Routine. Wenn man 200 Mal eine Gallenblase operiert hat und 500 Mal einen Blinddarm fehlt die Herausforderung. In den Ferien habe ich über meine Zukunft nachgedacht und wollte mich selbstständig machen. Ausserdem braucht es Hausärzte.

Wie kamen Sie zur Praxis hier in Lommiswil?

Ich wohne seit fünf Jahren in Lommiswil, wir haben hier ein Haus gekauft. Eines Tages ging ich zum Dorfarzt, Rudolf Fischer, und suchte das Gespräch mit ihm und fragte ihn ob er einen Nachfolger suche. Er sagte, er werde 2019 pensioniert und suche tatsächlich jemanden. Danach habe ich im Dorf nach einer Örtlichkeit für die Praxis gesucht und fand dieses 200 Jahre alte Gebäude, in dem früher eine Schule war.

Was sagten Ihre Chirurgie-Kollegen zu Ihrem Wechsel?

Eigentlich bekam ich durchwegs positives Feedback. Es fanden alle toll, dass ich so etwas anpacke.

Ein solcher Schritt braucht Mut, sind Sie ein mutiger Mensch?

Man kann sich das so vorstellen: ein Spezialist hat seinen klar umrissenen Garten, der weiss ganz genau was wo wächst und was auf ihn zukommt.

Da muss man schon etwas abenteuerlustig und mutig sein.

Beim Hausarzt ist es eher eine Landschaft, ein Wald, ein Dschungel, plötzlich kommt da ein Löwe aus dem Gebüsch. Da muss man schon etwas abenteuerlustig und mutig sein, ja.

Der Beruf des Hausarztes bringt es mit sich, dass man unregelmässig arbeitet, auch mal abends Hausbesuche macht. Stört Sie das nicht?

Als Chirurg bin ich mir unregelmässige Arbeitszeiten gewohnt. Ich hatte sicher einmal pro Woche in der Nacht eine Operation. Die Arbeitsbelastung ist etwa vergleichbar, denke ich.

Warum werden denn so wenige Chirurgen Hausärzte?

Man braucht ein sehr breites medizinisches Wissen als Hausarzt. Zum anderen ist man als Hausarzt auch Unternehmer, man hat Angestellte, man hat eine finanzielle Verantwortung. Ich denke, das schreckt schon gewisse Ärzte ab.

Als Chirurg ist aber auch der Lohn höher als bei einem Hausarzt…

Löhne wie die 800'000 Franken pro Jahr, die ein Chefarzt bei der Solothurner Spitäler AG zuletzt erhielt, sind Einzelfälle. Aber natürlich ist es so, dass Spezialisten viel verdienen. Allerdings denke ich auch Hausärzte haben einen guten Lohn.

Sie sagten ein Grund für Ihren Wechsel sei, dass es zu wenige Hausärzte gibt. Stimmt das?

Ja, eindeutig. Ich habe im Spital viele Menschen getroffen, die auf der Suche nach einem Hausarzt etliche Praxen abtelefonierten. Viele Hausärzte nehmen keine neuen Patienten mehr.

Was könnte man tun, um den Beruf des Hausarztes attraktiver zu gestalten?

Ich denke es braucht wieder mehr Abenteuerlust und Romantik, denn was gibt es schöneres als Landarzt zu sein, Hausarzt auf dem Land.

Und im Gesundheitssystem?

In der Ausbildung versucht man die Hausarztmedizin zu fördern. Offenbar reicht das aber noch nicht. Ein Problem, das ich sehe, ist, dass die Ausbildung zu stark auf Innere Medizin fokussiert. Ich kenne Internisten, die sich nicht getrauen eine Hausarztpraxis aufzumachen, weil sie nicht wissen, was zum Beispiel bei einem gebrochenen Arm zu tun wäre. Da müsste sich die Ausbildung ändern.

Das Gespräch führte Andreas Brandt.

Schweizweiter Hausärztemangel

Schweizweiter Hausärztemangel

Der Hausärztemangel wird rasant steigen, zu diesem Schluss kommt die aktuellste Studie des Verbands der Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe). Bereits heute würden 2'000 Hausärztinnen und Hausärzte fehlen. Dazu komme, dass über 60 Prozent der heute tätigen Hausärzte in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich altershalber aufhören würden. Weil der Nachwuchs bei den Hausärzten fehle und wegen der Bevölkerungs- entwicklung, rechnet der Verband damit, dass in der Schweiz in zehn Jahren bis zu 5'000 Hausärzte fehlen werden.

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