Die digitale Jugend braucht mehr Medienbildung

Lehrer und Eltern müssen sich bewusst mit neuen Medientechnologien befassen: Zu diesem Schluss kamen Jugendliche und Experten am ersten «Schlossgespräch» der SRG Aargau Solothurn. Sie diskutierten am Mittwochabend das Thema «Digitale Jugend». Medienpädagoge Thomas Merz fordert ein neues Schulfach.

Publikum im Dachstock einer Scheune, dahinter Podium mit Schülern und Experten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Facebook, Twitter, WhatsApp, Reddit: Das Publikum am «Schlossgespräch» wurde mit der digitalen Jugend konfrontiert. SRF

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Forderungen an (Online-)Medien

Die Jugendlichen erklärten am «Schlossgespräch» auch, welche Änderungen sie auf Nachrichten-Websites wünschten. Es brauche mehr Erklärungen, damit man politische Vorgänge verstehe. User-Kommentare müssten besser gewichtet und gebündelt werden, sagten sie an die Adresse der anwesenden Journalisten.

Spätestens mit zwölf Jahren erhalten Jugendliche heute ihr erstes Handy. Und von diesem Moment an dreht sich die ganze Informations- und Kommunikationswelt der Jugendlichen um dieses Gerät. So schilderten die Schüler einer Kantiklasse aus Wettingen am SRG-Schlossgespräch ihr Medienverhalten.

«Ich nutze das Handy eigentlich nie als Telefon», erklärt ein Jugendlicher im «Regionaljournal Aargau Solothurn» von Radio SRF. «Wir kommunizieren direkt über Messenger-Dienste oder indirekt, indem wir auf Facebook Bilder austauschen und kommentieren», ergänzt seine Kollegin.

Chancen und Risiken der neuen Medien

Ein dritter Jugendlicher schildert seine erste negative Erfahrung im Internet. «Ich habe von einer pornografischen Seite eine Meldung erhalten, dass ich 90 Euro bezahlen müsse, weil ich mich registriert habe. Aus Angst davor, meine eltern würden von diesem Websiten-Besuch erfahren, habe ich bezahlt.» Inzwischen hat der Jugendliche durch eine Google-Recherche herausgefunden, dass es sich um eine betrügerische Aktivität handelt, die vor allem unerfahrene Internet-User um ihr Geld bringt. «Daraus habe ich gelernt.»

Solche Erfahrungen der Jugendlichen zeigen, dass ein bewusster und vorsichtiger Umgang mit den neuen medialen Möglichkeiten wichtig ist, erklärt Medienpädagoge Thomas Merz von der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Diesen Umgang müssten die Schulen vermitteln, meint der Medienpädagoge. «Es braucht ein Fach Medienkunde», fordert der Experte. Denn: «Lehrer müssen Interessen an diesen Themen haben, sie brauchen auch Zeit, um sich mit den neuen Technologien zu befassen.»

«  Es braucht ein Fach Medienkunde. »

Thomas Merz
Medienpädagoge

Aktuell wird Medienkunde von Schule zu Schule unterschiedlich unterrichtet. «Studien belegen dies», erklärt Thomas Merz. Die Wettinger Kantiklasse mit Lehrer Philipp Wampfler befasste sich im Vorfeld des SRG-Schlossgespräches intensiv mit den Möglichkeiten von Online-Nachrichtenseiten und Social Media. Unter anderem verfassten die Schüler eigene Internet-Blogs. An anderen Schulen hingegen werde Medienkompetenz immer noch nur am Rande des Deutsch-Unterrichts vermittelt oder bestehe nur aus Text-Analysen von Zeitungsartikeln, bemängelt der Experte.

Drei Schüler und ein Mann mit Fliege sitzen auf einem Gesprächspodium, im Hintergrund SRG-Plakat. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schüler der Kantonsschule Wettingen und Medienpädagoge Thomas Merz (rechts) auf dem Podium im Schloss Wildegg. SRF

Häufig mag diese Marginalisierung des Themas auch damit zusammen hängen, dass Lehrer sich selber als zu wenig kompetent erachten. Oder zu wenig kompetent sind. «Ich habe einmal einen Noten-Abzug erhalten, weil eine Lehrerin mein PDF-Dokument nicht öffnen konnte», beklagt sich eine Schülerin lachend. Andere Schüler erzählen, sie hätten einen Facebook-Workshop angeboten - für die Lehrer. «Die haben gestaunt, was wir so alles schreiben in diesem Netzwerk.»

«  Ich habe einen Noten-Abzug erhalten, weil meine Lehrerin das PDF-Dokument nicht öffnen konnte. »

Eine Schülerin
Kantonsschule Wettingen

Thomas Merz macht sich deshalb für eine Revolution im Schulzimmer stark. Für ihn bedeutet Medienkunde nicht etwa, dass Lehrer im Frontalunterricht den Umgang mit den neuen Technologien erläutern. Vielmehr müsse das Wissen aus dem ganzen Klassenzimmer gebündelt und diskutiert werden. «Der Lehrer hat eine neue Rolle: Er weiss nicht mehr alles, sondern muss das bestehende Wissen organisieren und einordnen, die Jugendlichen auf ihrem Lernweg begleiten.»

Merz ist zuversichtlich, dass die Schweizer Schulen diese Herausforderung packen können. «Im Lehrplan 21 dürfte die Medienbildung einen wesentlich höheren Stellenwert haben als bisher.»

Eltern sind gefordert

Ein Kantischüler allerdings geht noch viel weiter: Nicht nur Lehrer müssten mehr Medienbildung erhalten und vermitteln. Auch für die Eltern brauche es Ausbildung. «Meine Eltern wussten weniger über das Handy als ich, ich habe meine Erfahrungen selber machen müssen und die Grenzen erkennen», erklärt der Jugendliche.

Medienpädagoge Thomas Merz ergänzt: «Eltern müssen ihre Kinder erziehen, dazu gehört auch ein gewisses Verständnis für die Medien. Eltern sollten ihren Kindern aber auch Grenzen setzen beim Medienkonsum, dafür sorgen, dass auch andere Beschäftigungen ihren Platz haben.»

Der Medienwandel in der heutigen Zeit bringe nämlich  gleichzeitig einen Wandel in der Gesellschaft mit sich, davon waren Experten und Jugendliche am «Schlossgespräch» der SRG Aargau Solothurn gleichermassen überzeugt. Gefordert sind dabei alle: Jugendliche, Eltern und Lehrer.