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Flavia Grossmann: «Die Menschen wurden als liederlich und arbeitsscheu betitelt.»
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 08.12.2019.
abspielen. Laufzeit 06:24 Minuten.
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Zwangsarbeitsanstalt in Schwyz Dunkelarrest, Erniedrigungen, Essensentzug

  • Bis 1971 betrieb der Kanton Schwyz die Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach. Ein Bericht beleuchtet jetzt, was damals geschah.
  • Unterdessen hat die Opferberatungsstelle 160 Betroffenen geholfen, ein Gesuch zu stellen, um Geld aus dem Solidaritätsfonds zu beantragen.
  • Die Regierung überlegt sich, ob und wie sie für die Betroffenen ein Zeichen der Erinnerung setzen kann.

Es ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte: Die administrative Versorgung. Menschen, die nicht der Norm entsprachen oder nicht so lebten, wie es von ihnen erwartet wurde, sperrten die Behörden bis 1981 einfach weg. Viele der Betroffenen erlebten in den Anstalten Gewalt und Missbrauch. Aktuell wird dieses Kapitel im Auftrag von Bund und Kantonen aufgearbeitet.

Bericht beleuchtet die Jahre 1935 bis 1971

Am Sonntag wurde in Pfäffikon ein Untersuchungsbericht präsentiert, der die administrative Versorgung im Kanton Schwyz beleuchtet. Dabei untersuchten die drei beteiligten Historikerinnen auch die Geschehnisse in der Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach in Schwyz. Diese wurde 1902 errichtet. Der Bericht hat die Jahre zwischen 1935 und 1971 untersucht, in dieser Zeit fällte die Schwyzer Regierung fast 1300 Entscheide zur Verwahrung in Kaltbach. Eine der beteiligten Historikerinnen ist Flavia Grossmann.

Die Menschen waren eingesperrt und hatten keine Privatsphäre.
Autor: Flavia GrossmannHistorikerin

Flavia Grossmann erzählt gegenüber SRF News, dass die Anstalt im Volksmund häufig auch einfach als «Zuchthaus Kaltbach» benannt wurde. «Das zeigt, dass dieses Haus immer in Verbindung mit 'eingesperrt-sein' verbunden war», sagt die Historikerin.

Häufig Arbeiter ohne Ausbildung oder Knechte betroffen

Einen Überblick über alle Jahre zu erhalten sei sehr schwierig, sagt Flavia Grossmann. Viele Akten seien vernichtet worden. «Jedoch zeigt sich, dass die Anstalt in Schwyz vergleichbar mit anderen Anstalten war. Da gab es Dunkelarrest, Erniedrigungen und Essensentzug.» In Kaltbach seien vorwiegend Menschen aus dem Kanton Schwyz untergebracht worden, jedoch auch aus anderen Zentralschweizer Kantonen.

«Häufig waren dies ungelernte Arbeiter oder Knechte – also Menschen aus den ärmsten Verhältnissen», sagt Flavia Grossmann. Häufig seien diese nach einer Trennung, einer Krankheit oder dem Tod des Partners in die Anstalt gekommen. Als Grund sei angegeben worden, dass die Betroffenen «liederlich» oder «arbeitsscheu» seien. «Dabei wurde auch nicht berücksichtigt, dass beispielsweise wirtschaftlich schwierige Zeiten geherrscht haben.»

Die Reaktion der Regierung

Auf Anfrage von Radio SRF sagt die zuständige Schwyzer Regierungsrätin Petra Steimen zu dem Bericht: «Wir wissen nun, wie die Verfahren damals liefen und wie der Umgang mit den Betroffenen damals war. Da lag sicherlich vieles im Argen.»

Angesprochen auf die Konsequenzen, die der Bericht nun habe, sagt Steimen unter anderem: «Es wurde ja ein schweizweiter Solidaritätsfonds eingerichtet. Im Kanton Schwyz hat die Opferberatungsstelle ungefähr 160 Betroffenen geholfen, ein Gesuch einzureichen. Das Staatsarchiv hat die Aktensuche übernommen.»

Ausserdem überlege sich der Schwyzer Regierungsrat, in welcher Form er für die Betroffenen ein Zeichen der Erinnerung setzen könne. In diesem Zusammenhang ist im Kanton Uri (in Erstfeld) eine Gedenkstätte eingerichtet worden. Dank ihr sollen die Geschehnisse nicht vergessen gehen.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Heute noch leben viele der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen unter uns. Sie tragen schwer an dem Leid, das ihnen und ihren Familien zugefügt wurde. Vor allem Menschen, die den früheren gesellschaftlichen und moralischen Wert-Vorstellungen nicht entsprachen, arm oder randständig waren, wurden Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Lange wollte die Schweiz diesem düsteren Kapitel ihrer eigenen Geschichte nicht in die Augen schauen. Die Schweiz hat weggeschaut.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Ein düsteres Kapitel der Geschichte: Weil sie nicht der Norm entsprachen, wurden im 20. Jahrhundert Zehntausende Menschen ohne Gerichtsurteil in Anstalten gesperrt und ihre Familien zerstört. Vier Geschichten von Menschen, die in die Mühle gerieten. Manche von ihnen wurden zwangssterilisiert oder zwangskastriert, andere wurden in psychiatrische Anstalten eingewiesen, Kinder auf Dorfplätzen versteigert, zur Kinderarbeit gezwungen, misshandelt und missbraucht wurden. Unvorstellbare Gräueltaten.
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