«Jedesmal wenn ich starte, denke ich daran»

Vor 50 Jahren stürzte in Dürrenäsch eine Swissair Maschine ab. 80 Menschen kamen ums Leben. Mehr als die Hälfte von ihnen stammte aus Humlikon im Zürcher Weinland. Hanspeter Müller hatte die Unglücksmaschine in der Nacht vor dem Absturz gewartet und war als einer der Ersten an der Absturzstelle.

Am 4. September 1963 stürzte bei Dürrenäsch AG eine Maschine der Swissair ab. Sie hatte Probleme mit dem Fahrwerk. Hanspeter Müller aus Dättlikon war damals 20 Jahre alt und Lehrling bei der Swissair. In der Nacht vor dem Absturz hatte der angehende Flugzeugkontrolleur die Unglücksmaschine noch gewartet und ein Rad ersetzt.

Trauerzug von Humlikon nach Andelfingen: Pferde ziehen die Särge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der lange Trauerzug von Humlikon zum Trauergottesdienst nach Andelfingen. Keystone

Trotz Nachtschicht wurde Hanspeter Müller am frühen Morgen geweckt und zum Flughafen zitiert, weil etwas vorgefallen sei. Auf dem Weg habe er sich gefragt: «Haben wir wohl ein Werkzeug am falschen Ort versorgt?»

Als Hilfskraft auf der Unfallstelle

Nach einer Befragung durch die Polizei musste Hanspeter Müller auf die Unfallstelle und dort Überreste des Flugzeugs zusammensuchen. Im «Regionaljournal Zürich Schaffhausen» erzählt er, er habe einfach funktioniert: «Man hat mir gesagt, welche Teile ich suchen müsse: Fahrwerk und anderes Zeug. Aber da hatte man natürlich plötzlich eine Hand oder einen Fuss in der Hand. Das hat mich also schon schockiert.»

Hanspeter Müller steht in einem Flugzeugtriebwerk. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erinnerungen an 1963: Hanspeter Müller als Lehrling im Triebwerk einer Swissair-Maschine. SRF

Von der Swissair nach Humlikon geschickt

Zwei Tage nach dem Flugzeugunglück wurde Hanspeter Müller mit weiteren Swissair-Angestellten nach Humlikon geschickt. Das Weinländer Dorf hatte damals 220 Einwohner. Der Flugzeugabsturz hatte auf einen Schlag einen Fünftel der Bevölkerung ausgelöscht.

In Humlikon sollte Hanspeter Müller der Dorfbevölkerung bei der Kartoffelernte helfen. «Ich lernte Kinder und Jugendliche kennen, die ihre Eltern verloren hatten. Es war eine komische Stimmung. Die einen weinten, die anderen schwiegen. Man wusste gar nicht, was man sagen sollte», erinnert er sich.

Weitermachen oder aufhören?

Hanspeter Müller hat sich nach dem Flugzeugabsturz gefragt, ob er sich von der Fliegerei abwenden soll, entschied sich dann aber dagegen: «Ich war zu sehr angefressen von der Fliegerei. Es hat mich dann erst recht interessiert, wie so etwas passieren kann.»

Hanspeter Müller hat danach sogar noch die Ausbildung zum Piloten gemacht. Ausserdem baute er während 20 Jahren in seiner Werkstatt ein eigenes Kleinflugzeug. Am Mittwoch, dem 50. Jahrestag der Tragödie von Dürrenäsch, wird Müller zu einem weiteren Flug aufbrechen. Die Erinnerung an den Unglückstag sei immer präsent: «Jedesmal wenn ich starte, denke ich daran.»