«2050 wird es fast nur noch Elektro- oder Hybrid-Autos geben»

Eine Studie sagt alternativen Antriebstechniken einen Schub voraus: In 20 Jahren könnte demnach jedes zweite Auto mit Strom fahren. Nur wenig später könnte es fast nur noch Elektro- oder Hybridautos geben. Ist das realistisch? Zwei Experten geben Auskunft, wie sie die mobile Zukunft sehen.

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Im Interview

Peter de Haan ist Co-Autor der Studie "Chancen und Risiken der Elektromobilität in der Schweiz", die am Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, TA-Swiss, entstand. De Haan ist Dozent zu Energie und Mobilität am Departement Umweltwissenschaften der ETH Zürich.

Sandra Courant ist Sprecherin des Verbandes der deutschen Automobilindustrie.

Herr de Haan, in der Studie werden drei Szenarien dargestellt, wie die Strassen im Jahr 2050 aussehen. Welches ist Ihrer Meinung nach das realistischste?

de Haan: Da die Autos vermehrt miteinander kommunizieren werden, wird die Sicherheit auf den Strassen grösser. Demzufolge wird die Grösse des Autos kein Argument mehr sein für mehr Sicherheit. Ein grosser Anteil der Autos dürfte also kleiner werden, auch wenn die grossen Autos nicht ganz verschwinden. Die kleinen Autos werden elektrisch, mittelgrosse hybrid betrieben sein. Angesichts der Tatsache, dass uns das Klima immer mehr beschäftigen wird, glaube ich, dass 2050 fast jedes Auto auf der Strasse ein Elektro- oder Hybrid-Auto sein wird. Die Lastwagen werden allerdings nach wie vor mit herkömmlichem Kraftstoff angetrieben werden.

Frau Courant, wie sieht es 2050 nach Meinung der Automobilindustrie auf unseren Strassen aus?

Courant: Weltweit wird der Personenverkehr bis 2050 um etwa das Doppelte zunehmen. In Deutschland und in der Schweiz sind die Märkte allerdings relativ gesättigt. Es wird daher auf unseren Strassen nicht viel mehr Autos haben. Wir werden einen Mix aus Antrieben sehen: Für Kurzstrecken werden vermehrt Batterie-Autos eingesetzt werden, für Mittel- und Langstrecken werden es Hybride und Autos mit Brennstoffzellen sein. Die optimierten kraftstoffbetriebenen Fahrzeuge werden aber das Strassenbild nach wie vor dominieren. Ferner werden sich die Verkehrsmittel mehr verzahnen. Die Menschen werden beispielsweise mit dem Fahrrad zum Zug fahren und danach auf ein Mietfahrzeug umsteigen. Alternative Mobilitätskonzepte werden entstehen – modernes Car-Sharing zum Beispiel, bei dem die Autos nicht mehr am selben Ort abgegeben werden müssen, wo sie abgeholt wurden.

Herr de Haan, schon seit Jahren wird das Elektro-Auto herbeigeschrieben. Auf der Strasse ist es nicht sichtbar. Warum sollte dies jetzt plötzlich anders werden?

de Haan: Reine Elektro-Autos sind in der Schweiz von herkömmlichen Autoherstellern erst seit einem Jahr auf dem Markt. Die Technik wird in den nächsten Jahren rasante Fortschritte machen. Die Elektro-Autos werden nicht nur leichter, sondern auch günstiger werden. Zurzeit sind die E-Autos doppelt so teuer. Ich rechne damit, dass der untere Mittelklassewagen in 20 Jahren in beiden Varianten gleich teuer sein werden – und zwar selbst dann, wenn man damit rechnet, dass bis dahin die heutige Mineralölsteuer durch ein Road Pricing ersetzt würde, das auch Elektroautos bezahlen müssten.

Frau Courant, ist es für Sie realistisch, dass – wie es die Studie von Herrn de Haan vorhersagt – bis 2035 jedes zweite neue Auto in der Schweiz mit Strom betrieben sein soll?

Courant: Selbst wenn ich mit einbeziehe, dass ein Schweizer mehr Geld für ein Auto ausgibt als ein Deutscher, ist die Zahl sehr hoch angesetzt. Die Automobil-Industrie in Deutschland rechnet damit, dass der Marktanteil der alternativ betriebenen Autos 2020 zirka 5 Prozent beträgt. Dazu gehören für uns reine Elektro-Autos, aber auch Hybride und Autos mit Brennstoffzellen.

Herr de Haan, ist es nicht widersprüchlich, angesichts knapper werdenden Stroms künftig vermehrt E-Autos zu fahren?

de Haan: Erst ab 2040 werden die Elektro-Autos einen relevanten Einfluss auf den Stromverbrauch haben. Unmittelbar gibt es also keine Stromknappheit wegen der E-Autos – und auch längerfristig wird sie nicht entstehen. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Die Batterien der E-Autos lassen sich dann laden, wenn der Strom verfügbar ist. Das kommt den erneuerbaren Energien entgegen, die manchmal nachts (Windstrom) oder am Nachmittag (Photovoltaik) im Überfluss vorhanden sein werden. Zweitens: Das viele Geld, das man heute für Öl ausgibt, kann man in die Gewinnung von erneuerbaren Energien investieren. An Strom von alternativen Energien wird es demnach nicht mangeln. Und drittens: Ich denke, dass künftig Elektro-Autos oft gleich mit der Photovoltaik-Anlage für das eigene Dach verkauft werden. Das wird im Preis von 40‘000 Franken für ein neues Auto inbegriffen sein.

Frau Courant, wie sieht das Stromszenario aus Ihrer Sicht aus?

Courant: Langfristig machen Elektro-Autos nur dann Sinn, wenn sie mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Die Netze der deutschen Stromanbieter sind bereits heute in der Lage, den durch einen kontinuierlichen Anstieg von Elektrofahrzeugen anfallenden Strombedarf zu decken. Wenn wir von einer Zunahme von 5 Prozent bis 2020 ausgehen, wird keine Stromknappheit entstehen, auch nicht bei den alternativen Stromquellen. Der Vorteil der E-Autos ist, dass ihre Batterien als Strom-Speicher genutzt werden können. Deutschland hat sich wie die Schweiz die Energiewende auf die Fahne geschrieben, dazu leistet die Elektromobilität einen Beitrag.