Pestizide in Gewässern 60 Millionen Franken, damit Bauern das Gesetz einhalten?

Als erster Kanton lanciert Bern ein Projekt, um Pestizide in Gewässern einzudämmen. Für Gewässerschutz-Spezialisten ist es zu teuer und zu wenig effizient.

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Kampf der Gewässerverschmutzung

4:35 min, aus Schweiz aktuell vom 12.6.2017
  • Als erster Kanton hat Bern einen Plan, um die Pestizide in den Gewässern zu reduzieren.
  • Das 60 Millionen Franken teure Projekt will die Grenzwertüberschreitungen um 20 Prozent reduzieren.
  • Landwirte begrüssen das Projekt, Kritiker halten es für zu wenig effizient und teilweise für politisch fragwürdig.

Das Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern hat gemeinsam mit dem Berner Bauern-Verband ein Projekt lanciert. Ziel: Reduktion der Grenzwertüberschreitungen bei Pflanzengiften in Gewässern.

Im Fokus des Projekts sind die kleinen Fliessgewässer im Landwirtschaftsgebiet. Sie sind besonders stark den Pestiziden ausgesetzt, die die Bauern zum Schutz ihrer Kulturen auf die Felder spritzen.

«  Dies erlaubt mir, Dinge auszuprobieren, ohne selber das Risiko zu tragen. »

Markus Lüscher
Landwirt

Das Projekt hat Anfang Jahr gestartet und bereits haben sich 2600 Landwirte freiwillig angemeldet. Das ist rund die Hälfte aller Landwirte, die für eine Teilnahme in Frage kommen.

Sie rüsten ihre Spritztraktoren auf und lassen entlang ihrer Felder breitere Grünstreifen stehen. So werden bei Regen weniger Gifte abgeschwemmt. Und sie verzichten teilweise auf den Einsatz von Pestiziden.

Jede einzelne Massnahme bringt Geld. «Dies erlaubt mir, Dinge auszuprobieren, ohne selber das Risiko zu tragen, falls ich dadurch einen Ausfall erleide», sagt Markus Lüscher, Landwirt aus Schalunen.

Nicht alle sind zufrieden

Für Claudia Minkowski vom Amt für Wasser und Abfall ist das Vorhaben grundsätzlich begrüssenswert. Sie begleitet das Projekt wissenschaftlich. Die Zielsetzungen gehen ihr indes zu wenig weit. «Aus der Sicht des Gewässerschutzes müsste das Ziel ganz klar sein, dass es keine Überschreitungen der Grenzwerte mehr gibt.» Im Sommer werden die Grenzwerte oft wochenlang überschritten.

«  Man bezahlt nicht jemanden dafür, dass er sich an die Gesetze hält. »

Roman Wiget
AG Wasserwerke Bodensee-Rhein

Eine Gefahr für die empfindlichen Wasserlebewesen. Aber auch im Trinkwasser finden sich immer mehr Abbauprodukte von Pestiziden. Trinkwasser, das im Berner Seeland direkt aus dem Grundwasser kommt. Ebenfalls skeptisch ist Roman Wiget von der Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein.

Er begrüsst zwar, dass der Kanton endlich etwas tut. Er verstehe allerdings nicht, warum es 60 Millionen Franken kosten soll, damit das Gesetz ein bisschen besser eingehalten werde. «Auf Seite der Landwirte gibt es klare Gesetzesverstösse. Man bezahlt nicht jemanden dafür, dass er sich an die Gesetze hält.»

Übeltäter nur schwer aufzuspüren

Michel Gygax, Leiter des Projekts, verteidigt die Landwirte. Er spricht von diffusen Einträgen, für welche jeder einzelne Landwirt gar nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne. «Ein Landwirt kann alles richtig machen, aber was in der Umwelt mit den Giften passiert, wenn zum Beispiel mehrere Bauern gleichzeitig spritzen oder wenn es nach der Spritzung stark regnet, das hat er nicht im Griff.»

Damit stellt sich die Frage, ob ein Nebeneinander von intensiver Landwirtschaft und sauberen Fliessgewässern überhaupt je möglich sein wird.