65'000 Franken zu viel für Pensionäre

In Zeiten rekordtiefer Zinsen fliesst bei Pensionskassen immer mehr Geld von den Jungen zu den Alten. Neue Berechnungen der Universität St. Gallen zeigen, dass inzwischen jeder, der neu pensioniert wird, im Durchschnitt 65'000 Franken zu viel erhält.

Neue Rentnerinnen und Rentner erhalten von ihrer Pensionskasse eine Rente zugesprochen, die nicht mehr gekürzt werden kann. Eigentlich sollte sich diese Rente danach bemessen, wie viel eine Person im Verlaufe ihres Berufslebens angespart hat und wie gut altes Guthaben rentiert.

Seit die Zinsen nun aber rekordtief und sogar negativ sind, funktioniere das System der beruflichen Vorsorge nicht mehr richtig, sagt Martin Eling, Professor für Versicherungsmanagement an der Universität St. Gallen: «Das Problem bei der Umverteilung ist, dass die gesetzlich vorgeschriebene Rente deutlich höher ist als das, was erwirtschaftet werden kann.»

65'000 Franken zu viel für einen Pensionär

Früher erwirtschafteten Pensionskassen auf dem Alterskapital einen durchschnittlichen Betrag von 4 Prozent. Heute beträgt dieser technische Zinssatz realistisch gerechnet noch 2,5 bis 3 Prozent.

Rentner und die Umverteilung

1:52 min, aus HeuteMorgen vom 26.07.2016

Die gesetzlichen Vorgaben, insbesondere der sogenannte Umwandlungssatz, blieben aber unverändert. So kommt es, dass Pensionskassen ihren neuen Rentnerinnen und Rentnern heute im Durchschnitt 65‘000 Franken zu viel ausbezahlen müssen. Bei Elings letzter Berechnung vor vier Jahren waren es noch 40‘000 Franken gewesen.

Das Reformprojekt «Altersvorsorge 2020»

Finanziert werden die zu hohen Renten von den Jungen. Die Pensionskassen leiten einen Teil ihrer Kapitalerträge zu den Pensionierten um. Die Neurentner bekommen tendenziell zu viel, die Aktiven tendenziell zu wenig.

Das Reformprojekt «Altersvorsorge 2020», das im Herbst ins Parlament kommt, möchte diese unerwünschte Umverteilung korrigieren. Aber selbst wenn die Reform gelingen sollte: Solange die Zinsen im Keller sind, werden die Jungen die Alter weiterhin quersubventionieren müssen – allerdings in einem geringeren Ausmass.

Entwicklung des technischen Zinses in Prozent im Beitragsprimat Der technische Zinssatz ist keine fixe Grösse, sondern eine Annahme bezüglich der erwarteten Rendite, die sich auf dem angesparten Alterskapital erzielen lässt. In Zeiten von historisch tiefen und sogar negativen Zinsen musste dieser Wert in den letzten Jahren laufend nach unten korrigiert werden. Die Folge ist, dass mit dem angesparten Alterskapital eigentlich nur eine tiefere Rente finanziert werden kann. Da laufende Renten aber nicht gekürzt werden können, müssen die aktiven Versicherten einen Teil der Kapitalerträge, die mit ihrem Guthaben erwirtschaftet werden, an die Pensionierten weitergeben. So kann deren Rente finanziert werden, ohne dass die Pensionskasse ausblutet.