Mindestlöhne sind im Trend

Deutlich mehr Gesamtarbeitsverträge als noch vor einem Jahr enthalten heute Mindestlöhne. Das zeigt die neueste Statistik des Bundes. Warum schlucken plötzlich mehr Branchen Mindestlöhne und warum sind die Gewerkschaften mit der Lohnrunde 2013 trotzdem nicht so recht zufrieden?

Ein ABB-Arbeiter in einer Werkhalle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lohnrunde 2013: Gut eine Million Arbeitnehmende waren von GAV-Verhandlungen betroffen. Keystone

Arbeitnehmende mit Gesamtarbeitsvertrag erhalten im Schnitt eine Reallohnerhöhung von 0.8 Prozent. Das zeigt die BFS-Statistik zu den Lohnabschlüssen 2013. Auffällig viele neu ausgehandelte GAV schreiben Mindestlöhne fest, doch ist der effektive Lohn weniger häufig garantiert als bisher.

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, ist denn auch nicht zufrieden mit den Gesamtarbeitsverträgen, die für dieses Jahr ausgehandelt wurden: Die Lohnerhöhungen seien relativ tief, und einige Branchen hätten gar keine Erhöhungen gewährt. «Das ist angesichts der guten Situation in mancher Branche unbefriedigend», sagt Lampart gegenüber SRF.

SGB kritisiert Detailhandel

Schon eher befriedigend für die Arbeitnehmervertreter ist die Tatsache, dass in 21 von 93 grossen Gesamtarbeitsverträgen dieses Jahr ein Mindestlohn festgeschrieben wurde. Das ist ein Viertel mehr als letztes Jahr.

Die Bereitschaft zu Mindestlöhnen im GAV sei gestiegen, konstatiert Lampart und verweist auf den jüngsten Abschluss in der der MEM-Industrie, wo erstmals seit Jahrzehnten Mindestlöhne garantiert werden. Es gebe aber nach wie vor viele Arbeitgeber, die sich gegen Mindestlöhne wehrten, vor allem der Detailhandel.

Swissmem: Zeichen an das Volk

Auch die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) hatte sich lange gegen Mindestlöhne gewehrt. Nun hat sie Anfang Juni nachgegeben. Swissmem-Präsident Hans Hess begründet dies so: «Wir wollen einen Beitrag leisten, dass Lohndumping verhindert werden kann und dass man solche Probleme auf Branchenebene lösen soll und nicht durch den Staat.»

Das Nachgeben in Sachen Mindestlohn hat – wohl nicht nur in der MEM-Branche – taktische Gründe. Schliesslich stehen Volksabstimmungen an: die 1:12- und die Mindestlohn-Initiative. Swissmem-Präsident Hess formuliert es so: «Das Stimmvolk soll sehen, dass sich die Politik nicht in die Lohnfragen der Unternehmen einmischen muss.»

Ob sich die Politik einmischt oder nicht, wird das Volk in den nächsten Monaten entscheiden. Die Debatte zum Mindestlohnfrage scheint die Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern bereits jetzt zu beeinflussen.

brut; rufi