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Mindestlohn-Initiative Unia: Mindestlohn problemlos bezahlbar

Im Mai muss das Schweizer Stimmvolk entscheiden, ob es einen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde einführen will. Doch kann sich die Wirtschaft 4000 Franken pro Monat und Arbeitskraft überhaupt leisten? Ja, meint die Gewerkschaft Unia und nennt dafür gute Gründe.

Coiffeur spräht etwas auf die Haare einer Kundin.
Legende: 3400 Franken verdiente ein Coiffeur 2012 im Durchschnitt pro Monat. Laut Initiative sollen es mindestens 600 mehr sein. Keystone

Wäre 2012 ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt worden, dann hätten Schweizer Unternehmen 1.6 Milliarden mehr Lohn zahlen müssen. In absoluten Zahlen ist das viel Geld – relativ sei das aber eine kleine Anpassung, sagt Beat Baumann. Denn «gemessen an der AHV-Lohnsumme ist es nur ein halbes Prozent, dass dann auch noch über mehrere Jahre verteilt wird», so der Unia-Gewerkschafter.

Das ist möglich, weil die Umsetzung der Mindestlohn-Initiative auf drei Jahre angelegt sein soll. Unternehmen mit Arbeitskräften, die weniger als 4000 Franken pro Monat verdienen, hätten also bis 2018 Zeit, ihre tiefsten Löhne anzuheben.

Viele Gewerbe haben Mindestlöhne bereits angehoben

Rund 300'000 Personen beziehen heute in der Schweiz einen Lohn von unter 22 Franken pro Stunde. Ungefähr die Hälfte der Tieflöhne müsste um weniger als zwei Franken pro Stunde angehoben werden, so die Berechnungen der Unia.

Der Anpassungsbedarf ist also vergleichsweise klein. Der Grund liegt darin, dass in den letzten Jahren in vielen Gesamtarbeitsverträgen die Mindestlöhne bereits angehoben wurden – zum Beispiel im Reinigungs-, Gast- oder Coiffeurgewerbe.

Die Mindestlohn-Initiative habe damit bereits vor der Abstimmung ihre Wirkung entfaltet, sagt Beat Baumann. «Eine gelernte Coiffeuse hatte 2012 noch einen Lohn von 3400 Franken. In 2015 werden es 3800 Franken sein. Fehlen also noch 200 Franken zum Mindestlohn.»

200 Franken pro Monat, denen es einigen Menschen zudem erlauben würde, auf Sozialhilfe zu verzichten. Auch diesen Effekt hat die Unia berechnet: 100 Millionen Franken betrage die jährliche Entlastung der Sozialhilfe – eine direkte Folge eines gesetzlichen Mindestlohnes in allen Branchen und allen Kantonen.

Werden Tieflohnjobs ausgelagert oder von Maschinen erledigt?

Rudolf Minsch vom Wirtschafts-Dachverband Economiesuisse hält von solchen Berechnungen wenig. Einen Mindestlohn für Tieflöhner entlaste die Sozialhilfe nicht. Im Gegenteil, «man schützt sie eben nicht, sondern bestraft sie. Sie landen in den Sozialversicherungen. Die Tendenz wird eindeutig in diese Richtung gehen», so Minsch.

Die Berechnungen der Gewerkschaft Unia basieren auf Zahlen des Bundesamtes für Statistik und sind darum kaum bestritten. Für Rudolf Minsch ist aber die Grundannahme falsch. Die Frage sei nämlich nicht, ob sich die Schweizer Wirtschaft die Einführung eines Mindestlohnes leisten könne.

Die Frage sei deshalb, was mit den Tieflohnjobs geschehe, nach Annahme der Initiative. «Diese Tätigkeiten können nicht einfach mit einem höheren Lohn entschädigt werden. Für die Firmen stellt sich dann die Frage, ob man diese Tätigkeit durch eine Maschine ersetzt oder die Arbeit ganz verlagert.»

Leisten können vs. leisten wollen

Wer hat Recht – Gewerkschaft oder Wirtschaft? Die Wissenschaft liefert hierzu keine klare Antworten. Das Schweizer Stimmvolk wird also nicht nur entscheiden müssen, ob sich die Schweiz einen Mindestlohn leisten kann, sondern vor allem, ob es sich einen Mindestlohn leisten will.

36 Kommentare

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  • Kommentar von S.Frehner, Matzingen
    A.Käser: Die SP war für 1:12. Und: Die Mindestlohninitiative erhöht ja gerade die Kaufkraft von 10% Erwerbstätigen. Ausserdem wird der Sozialhilfemissbrauch durch die Unternehmen bekämpft: 100 Millionen Sozialhilfe-Steuergelder subventionieren die Working Poor-Firmen jährlich. Auch dieses Geld würde dank der Initiative der Konjunktur zu gute kommen.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @S. Frehner: Betreffend Erhöhung der Kaufkraft, wird auch diese durch die Teuerung wieder reduziert. Je mehr man hat, desto mehr gibt man aus, richtig! Aber Fakt ist auch, dass damit auch die Bedürfnisse steigen & schon bald reicht dann auch dieser Mindestlohn nicht mehr dafür aus & Löhne wollen wieder für diese nach oben angepasst werden. Eine sehr ungesunde Entwicklung. Und die Schwächsten der Gesellschaft sind immer die Leidtragenden solcher Entwicklungen. Auch bei Mindestlöhnen.
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    2. Antwort von A.Käser, Zürich
      S.Frehner/Ein Mindestlohn verteuert diesen Dienstleistungsbereich und würde auf den Endverbraucher überwälzt.Die dadurch verursachte Teuerung,würde niedrigere Einkommen prozentual stärker belasten.Zudem würde er eine weitere Sogwirkung auf ausländische Arbeitskräfte ausüben.Fraglich bleibt,ob gewisse Arbeitskräfte überhaupt noch einen Arbeitsvertrag abschliessen könnten.Wenn nicht,würden sie in die Schattenwirtschaft abgleiten.Flankierende Kontroll-Massnahmen würden somit hinfällig.
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    3. Antwort von S.Frehner, Matzingen
      Mindestlöhne tragen nur geringfügig zur Teuerung bei. Die positiven Auswirkungen auf die Konjunktur machen dies mehr als wett. Da Mindestlöhne die Kaufkraft der Bevölkerung unmittelbar verbessern, schaffen sie Wachstum und damit neue Arbeitsplätze. In Deutschland sind mit der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns 600’000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Und in Grossbritannien ist die Beschäftigung in einzelnen Branchen nach Einführung des Mindestlohns (1999) sogar um 25 % gestiegen.
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    4. Antwort von S.Frehner, Matzingen
      A.Käser: Die Schattenwirtschaft würde im Gegenteil zurückgedrängt. Anständige Mindestlöhne verhindern, dass Arbeitnehmende in ihrer «Freizeit» zur Annahme von Zweitjobs oder Schwarzarbeit gezwungen sind.
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    5. Antwort von S.Frehner, Matzingen
      A.Käser: Die Sogwirkung auf die Zuwanderung würde gebremst. Denn Mindestlöhne verhindern Lohndumping. Es wird uninteressant für den Arbeitgeber, einen "billigen" Ausländer anzuheuern.
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  • Kommentar von C.Frey, Flims
    Der Mindestlohn ist gut für die Konjunktur: Lohnerhöhungen in den Tieflohnbereichen nützen allen: Sie fliessen direkt in den Konsum und stützen so die Konjunkturentwicklung. Denn Menschen mit niedrigen Einkommen geben jeden zusätzlichen Franken gleich wieder aus. Zum Sparen kommen sie nicht. Davon profitieren Bäckerei, Kleiderladen und Zeitungskiosk. Darum macht der gesetzliche Mindestlohn die Wirtschaft widerstandsfähiger gegen Krisen.
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      C.Frey/Stimmt absolut nicht.Wenn schon,wäre 1:12 gut für die Konjunktur gewesen.Hätte eine ehrliche UMVERTEILUNG bewirkt und nicht eine einseitige Teuerung,die sich selbst beisst.Jene an der untersten Stufe der Leiter finanzieren und torpedieren sich gerade nochmals selbst.SP-Parole,dass ich nicht lache.Die waren gegen 1:12! Dabei wurde gerade in der Zeit,als die Lohnschere nicht so weit auseinander klaffte,das Erfolgsmodell Schweiz erwirkt.Die Kaufkraft des Einzelnen war auch viel höher.
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  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Fantasten-Unia: Ihr werdet erleben, wie Fabrikationsstandorte ins Ausland verlagert werden und die Arbeitslosenzahl drastisch absteigen wird. Bitte dann nur nicht jammern und wehklagen!
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    1. Antwort von S.Frehner, Matzingen
      Lüge: Tieflöhne gibt es vor allem im Detailhandel, im Gastgewerbe, in der Landwirtschaft oder bei den persönlichen Dienstleistern wie den Coiffeuren und in der Pflege. Das sind alles Stellen, die gar nicht ins Ausland verschoben oder durch Maschinen ersetzt werden können. Im Gastgewerbe wurde z.B. der tiefste Lohn von 2350 Fr./Mt. auf 3400 Fr./Mt. angehoben. Obwohl der Mindestlohn um mehr als 40 Prozent gestiegen ist, hat die Arbeitslosigkeit im Gastgewerbe im selben Zeitraum nicht zugenommen.
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