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Einheitskasse Sparen durch die Einheitskasse – ein «Irrglaube»?

Ende September wird darüber abgestimmt, ob es für die Grundversicherung nur noch eine einzige öffentliche Krankenkasse geben soll. Sagt die Mehrheit Ja, so fiele der heutige Wettbewerb zwischen den Kassen weg. Wie sich das auf die Krankenkassenprämien auswirken würde, ist unklar.

Prospekte der ÖKK, Concordia, Visana, Swica und Atupri liegen auf einem Tisch.
Legende: Gesundheitsökonom Willy Oggier sagt: «Die Werbekosten betragen weniger als ein bis zwei Prozent.» Keystone

Das Telefon klingelt: «Kummerli?» Jemand fragt: «Guten Abend, spreche ich mit Frau Therese Kummerli? Möchten Sie gerne weniger Krankenkassenprämien zahlen? Dürfen wir Ihnen ein Angebot machen?» Frau Kummerli legt auf.

Solche Anrufe gäbe es bei Annahme der Initiative für eine öffentliche Krankenkasse nicht mehr – und auch keine Werbeplakate mehr. Damit liesse sich bei der Grundversicherung Geld sparen. Aber nicht viel, sagt Gesundheitsökonom Willy Oggier: «Die Werbekosten betragen weniger als ein bis zwei Prozent.»

Kassen verhandeln mit Leistungserbringern

Diese Einsparung würde gemäss Oggier wieder zunichte gemacht durch den fehlenden Wettbewerb. Heute handeln verschiedene Kassengruppen zum Teil mit den gleichen Spitälern unterschiedliche Preise für bestimmte Leistungen aus. Der Preiswettbewerb funktioniere also, so Oggier. «Das wäre in einer Einheitskasse anders, da sie sich gar nicht bemühen muss, Preise nach unten zu drücken.»

Weil sie in einer Monopolsituation sei, fehle dazu auch der Anreiz. Für Oggier ist deshalb klar, dass mit der Einführung einer Einheitskasse die Gesamtkosten nicht sinken, sondern steigen würden. Wie stark, das lasse sich nicht genau berechnen.

Anna Sax ist auch Gesundheitsökonomin. Sie kommt zu einem anderen Schluss. Im Bereich der Grundversicherung gebe es nämlich fast keinen Wettbewerb, denn die Versicherer dürfen gemäss Gesetz in diesem Bereich keinen Gewinn machen.

Wettbewerb spielt nur bei Risiken

Welche Behandlungen sie zahlen müssen, wird ebenfalls schweizweit festgelegt. Die Versicherungen versuchten nur noch, sich gegenseitig die sogenannten guten Risiken abzujagen. «Die Versicherungen sind daran interessiert, Leute zu versichern, die möglichst wenig Kosten verursachen», kritisiert Sax. «Mit diesen Telefonanrufen versuchen sie eben genau diese Leute zu selektieren, die für sie günstig sind.»

Das mache Sinn für die einzelnen Kassen, aber nicht für das gesamte System. Denn gerade bei den teuersten Patienten liesse sich am meisten Geld sparen, sagt Sax. «Grössere Einsparungen werden wir mittel- und langfristig dadurch erzielen können, dass für die öffentliche Krankenkasse ein Anreiz besteht, die teuren Versicherten, die schwer- und chronisch Kranken, besser und effizienter zu betreuen.» Damit liessen sich fünf bis zehn Prozent der Kosten der Grundversicherung reduzieren, schätzt Sax.

Keine Fortschritte durch ein Monopol

Dass gezieltere Behandlungen deutlich günstiger sind, belegen laut Sax diverse Studien. «Stimmt», sagt auch Oggier. Bloss sei die entsprechende Managed-Care-Vorlage vom Volk abgelehnt worden und im Initiativtext für eine öffentliche Krankenkasse nicht enthalten. «Deswegen ist es ein Irrglaube, zu meinen, eine ein Monopolinstrument wie die Einheitskasse würde hier echte Fortschritte bringen.»

So wie Oggier denkt die Mehrzahl der Gesundheitsökonomen in der Deutschschweiz. Einige von Ihnen stehen allerdings im Dienst der Krankenkassen, sind also nicht unbefangen. Das ist auch Anna Sax nicht. Sie ist Mitglied der SP und hat ihre Studie zum Thema im Auftrag der Einheitskassen-Initianten geschrieben. Sicher ist einzig, dass die Frage nach den Kosten der Einheitskasse zentral ist im Abstimmungskampf.

Die Argumente der Befürworter

Die Urheber der Initiative haben vor den Medien noch einmal ihre Argumente für die Einheitskasse präsentiert: Nach ihren Angaben werden durch den Wegfall von Marketing- und Wechselkosten 350 Millionen Franken eingespart. Durch bessere Koordination bei der Behandlung liessen sich gar zwei Milliarden Franken jährlich sparen.

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75 Kommentare

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  • Kommentar von Albert Planta, Chur
    Das jetzige System ist gut für die Armen und Reichen. Verlierer ist der Mittelstand. Meiner Meinung nach müsste nicht mal eine Einheitskasse eingeführt werden. 4-5 grosse Kassen wären effizienter und für die Kunden transparenter.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Albert Planta, Transparenz ist meines Erachtens nicht eine Frage der Grösse, sondern der Kultur. Das selbe bei der Effizienz.
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  • Kommentar von Hans Haller, Kölliken
    Da wird der Teufel an die Wand gemalt um diese "Branchen-Vielfalt" erhalten zu können. Nur nutzen tut diese Vielfalt nur der Versicherer und nicht dem Versicherten. Die Versicherten sind meist noch die "Beschissenen" insbesondere, wenn man nicht mit einem "sog. guten Risiko" aufwarten kann. - Die Einheitskasse ist überfällig und kann eben so gut geführt werden, wie "alle KK-Versicherungen" heute zusammen. Es sei den aus lauter Frust würde das Vorhaben via Politik sabotiert oder ausgehebelt !
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  • Kommentar von E. Waeden, Kt. Zürich
    Sehe das Problem nicht! Für die Grundversicherung eine Einheitskasse finde ich positiv. Diesbezüglich fährt man besser, weil dann alle gleich behandelt werden. Das heutige System schafft Menschen 2. Klasse. Aber allen diesen Krankenkassen bleiben ja immer noch die Zusatzversicherungen. Und es sind ja diese, an welchen die Kassen viel verdienen.
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    1. Antwort von Stefan Heini, Zürich
      Merkwürdige Argumentation. Richtige Zweiklassenmedizin droht gerade in einer Einheitskasse. Dann nämlich, wenn der Staat wegen der sich auftürmenden VERSCHULDUNG beschliesst, die Leistungen zu rationieren. Dann hat - ANDERS ALS HEUTE - nur noch derjenige Zugang zu erstklassiger Leistung, der sich eine Zusatzversicherung leisten kann.
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