Am San Bernardino hofft man auf die zweite Gotthard-Röhre

Braucht es eine zweite Röhre für die Sanierung des Gotthard-Tunnels? Unbedingt, finden viele Bündner entlang der San-Bernardino-Route – denn sie haben keine Lust, an einer hoch frequentierten «Ausweichroute» zu leben.

Stau an der A13, nachdem die Ausweichempfehlung über die San-Bernardino ausgegeben wurde. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Getrübte Idylle: Schon heute wird es auf der A13 eng, wenn am Gotthard nichts mehr geht. Keystone

Normalerweise fährt vergleichsweise wenig Verkehr auf der bündnerischen Nord-Süd-Verbindung. 2014 waren es im Schnitt etwa 7000 Fahrzeuge pro Tag. Im Vergleich dazu fahren auf der Gotthardroute zwei bis dreimal soviele Fahrzeuge und massiv mehr Lastwagen.

Das bestätigt auch Georg Trepp, Gemeindepräsident von Hinterrhein. Doch die Stosszeiten, jeweils bei Ferienbeginn oder an Ostern, seien bei der A13 das Problem. Und wenn Schnee falle, hätten die Lastwagen Mühe die kurvenreiche und steile Strasse zu bewältigen. Dann staue sich der Verkehr.

Deshalb seien die Meinungen im Tal gemacht, sagt der Gemeindepräsident: «Wir sagen ganz klar Ja zur zweiten Gotthardröhre.» Wenn nämlich der Gotthardtunnel nur saniert würde, so die Sorge, müsste das Tal während fast vier Jahren mehr Verkehr erdulden.

Stau an der San-Bernardino-Route bei Sufers nach heftigen Schneefällen, aufgenommen 1997 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unschöne Erinnerungen: Auch am San Bernardino kann es chaotisch werden. Doch das soll die Ausnahme bleiben. Keystone

«Gottseidank wohne nicht in Uri»

In Sufers, einige Dörfer talabwärts, treffen sich die Frauen im Dorfladen. Der Tenor: Alle sind für die zweite Gotthardröhre – wenn auch mit leisem Unbehagen. Eine der Frauen sagt etwa: «Ich bin gottseidank nicht in der Lage, dass ich in Uri wohnen muss.»

Ein Ja einlegen würde auch die zwölfjährige Ladina, weil manchmal ihr Schulweg, die Kantonsstrasse, betroffen sei. Schon jetzt müsse sie im Sommer auf der Hut sein, wenn es beim Gotthard einen Unfall gebe: «Dann fahren alle bei uns durch, und ich muss extrem aufpassen, wenn ich mit dem Velo zur Schule gehe.»

Für Alpen-Initiative – und jetzt für zweite Röhre

Weniger Verkehr im Tal wollen zwar auch die Gegner. Doch die Pläne des Bundesrats seien nicht innovativ und zielten in die falsche Richtung, sagt Thomas Lechner, Gemeindepräsident von Sufers. Und er legt Wert darauf, als Privatperson zu sprechen, wenn er sagt: «Eine zweite Röhre heisst auch wieder mehr Verkehr. Man hat die Erfahrung: Je höher die Kapazität, desto mehr Verkehr fällt an.»

Besuch auf der möglichen Ausweichroute

2:38 min, aus SRF 4 News aktuell vom 08.01.2016

Über kurz oder lang würden nämlich beide Tunnelröhren zweispurig befahren werden, will heissen, statt weniger gebe es mehr Verkehr, befürchtet Lechner. Der Befürworter der Alpenschutz-Initiative setzt deshalb vielmehr auf das Sanierungsprojekt. Die Lastwagen sollen auf die Schiene.

Noch vor 22 Jahren unterstützten die Leute an der A13 die Alpen-Initiative. Doch die Hoffnung auf weniger Verkehr hat sich nicht erfüllt. Deshalb dürften jetzt viele Talbewohner ein Ja für die zweite Gotthardröhre in die Urne legen. Denn wenn schon mehr Verkehr, dann bitte nicht vor der eigenen Haustüre.