Masseneinwanderung: Bauer gegen Bauer

SVP-Präsident und Bauer Toni Brunner liegt im Clinch mit Bauernverbandspräsident Markus Ritter von der CVP. Grund ist die Nein-Parole des Verbandes zur Masseneinwanderungsinitiative. Brunner wittert hinter dem Entscheid Parteipolitik. Doch nun kontert Ritter in der «Rundschau».

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Bauernkrieg im Seeland

8:12 min, aus Rundschau vom 18.12.2013

Mehr als die Hälfte der Schweizer Bauern würde bei der Masseneinwanderungsinitiative ein «Ja» einlegen, behauptet SVP-Präsident Toni Brunner im Interview mit der «Rundschau». Er sei «höchst erstaunt» gewesen, als der Bauernverband die Nein-Parole beschlossen habe.

Dieser Entscheid sei «überstürzt» und im kleinen Kreise gefällt worden. «Offenbar hat der Bauernverband das Gespür für die eigene Basis verloren. Wir können nur den Kopf schütteln über diese Parole», sagt Brunner.

Für Brunner steckt der neue Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes, CVP-Nationalrat Markus Ritter, persönlich hinter der Ablehnungsempfehlung zur Initiative. «Dass er hier Einfluss nimmt, kann man sicher nicht von der Hand weisen», sagt er.

Das gleiche gelte für den Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes, FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois.

Mehrheit des Vorstandes für Nein-Parole

Ritter entgegnet, der Bauernverband mache «seit der Gründung keine Parteipolitik». Als dessen Präsident vertrete er den Entscheid des Vorstandes, seine persönliche Meinung stelle er zurück.

Ritter sieht keinen Machtkampf um die Führung im Schweizerischen Bauernverband im Gange. Dieser galt lange als Bastion der SVP. Er setze sich für ein Nein zur Initiative ein, weil der Landwirtschaft die Arbeitskräfte auszugehen drohten, sollten wieder Kontingente eingeführt werden, wie es die Initiative vorsieht.

Heute beschäftigten die Bauern 20'000 Hilfskräfte aus dem EU-Raum. Eine Mehrheit des Vorstandes teile seine Einschätzung, sagt Ritter.

In den letzten Tagen wichen aber zwei grosse kantonale Bauernverbände – Zürich und Bern – mit einem deutlichen «Ja» zur SVP-Initiative ab von Ritters Position ab.

Thurgauer Bauernverband vertagt Entscheid

Wie schwierig die Frage für die Bauern ist, zeigt sich auch daran, dass der Vorstand der Thurgauer Bauern die Parolen-Fassung vertagt hat, um im Januar die Mitglieder darüber abstimmen zu lassen. Mit Hansjörg Walter, dem ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Bauernverbandes, gibt es auch dort prominente Befürworter der SVP-Initiative.

Keine Schweizer für die beschwerliche Arbeit

Wie die Initiative zur Masseneinwanderung die Schweizer Bauern spaltet, zeigt eine Rundschau-Reportage im bern-freiburgerischen Seeland.

Mehrere Erntehelfer ernten kniend Nüssli-Salat. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Ernte von Nüsslisalat ist eine beschwerliche Sache. Immer weniger Schweizer finden sich dafür. Keystone

Gemüsebauern befürchten dort, dass die neue Regelung, welche die Initiative fordert, vor allem Papierberge produziert: Vor der Einführung der Personenfreizügigkeit habe er zahlreiche Anträge stellen müssen, um seine Erntehelfer anzustellen, sagt Thomas Wyssa, Gemüseproduzent und SVP-Gemeindepräsident von Galmiz (FR).

«Wir müssen unser Gemüse so günstig produzieren, dass diese Büroarbeit nicht auch noch drin liegt.» Der Gemüseproduzent beschäftigt im Winter jeweils rund ein Dutzend portugiesische Hilfskräfte, im Sommer doppelt so viele.

Einheimische Arbeiter würden sich für die beschwerlichen Arbeiten keine finden, sagt er. «Schweizer sind nicht bereit, auf den Knien Nüsslisalat zu pflücken.»

«Auf Beton können wir nichts pflanzen»

Unweit von seinem Hof, bewirtschaftet Béatrice Struchen mit ihrem Mann einen Betrieb, auf dem vor allem Früchte angebaut werden. Die Vize-Präsidentin des Berner Grossen Rates ist als SVP Politikerin glühende Befürworterin der Initiative.

Struchen widerspricht Gemüsebauern, die um ihre Hilfsarbeiter bangen. Man finde auch bei einer Annahme der Initiative noch Wege, um genügend Erntehelfer ins Land zu holen, sagt sie.

Die Zuwanderung aus der EU müsse gebremst werden, da sonst zu viel Kulturland überbaut werde. Derzeit müsste alle zwei Jahre Wohnraum für 80000 Personen geschaffen werden. «Auf Beton können wir Bauern nichts anpflanzen.»