Altersvorsorge 2020 Tiefe Risse gehen durch die Verbände

Der Gewerbeverband kämpft an vorderster Front für ein Nein zur Rentenreform. Der Gewerkschaftsbund kämpft nicht minder vehement für ein Ja. Doch beiden Verbänden kommt kräftiger Gegenwind aus der Romandie entgegen. Der Vorwurf an die Zentrale: Ein Abstimmungskampf auf der falschen Seite.

Während der Direktor des Gewerbeverbands, Hans-Ulrich Bigler, von einem Podium zum nächsten eilt und für ein Nein zur «Altersvorsorge 2020» weibelt, wächst unter den Gewerblern in der Westschweiz der Widerstand gegen die Ablehnung durch den Präsidenten. In fünf von sechs Kantonen in der Romandie haben die Unterverbände des Gewerbes die Ja-Parole gefasst.

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Harsche Kritik aus der Westschweiz

Im Gespräch mit der «Rundschau» kritisiert der Präsident der «Fédération des Entreprises Romandes» (FER), Ivan Slatkine, den Verbandspräsidenten Bigler direkt: «Der Gewerbeverband hat eine Position eingenommen, die sehr politisch ist, also auf der Linie der FDP.»

Man achte nicht auf das, was für das Gewerbe gut sei, sondern betreibe Parteipolitik. Für die Gewerbler sei ein Ja zur Reform die bessere Lösung, ist Slatkine überzeugt.

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Diese Meinung teilt auch der Vizepräsident des Gewerbeverbandes, der Walliser CVP-Ständerat Jean-René Fournier. Er sagt der «Rundschau», es gäbe keine rationalen Gründe für ein Nein, das hätten die Gewerbler in der Romandie begriffen:

«Wenn Herr Bigler wirklich Politik für den Gewerbeverband machen würde, müsste er immer sagen, die Mehrheit der Deutschschweiz ist gegen die Reform und die Mehrheit der Westschweiz dafür».

Dass Bigler nur die eine Seite vertrete, zeige, dass ihm die Partei wichtiger sei als die eigenen Gewerbler, sagt Fournier.

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SGV-Direktor Bigler wehrt sich

Darauf angesprochen sagt Hans-Ulrich Bigler, die Ja-Stimmen im Gewerbeverband kämen mehrheitlich aus dem CVP-Lager, diese seien ebenso parteipolitisch getrieben.

Bei der Abstimmung in der Gewerbekammer sei die Mehrheit der Mitglieder im Nein-Lager gewesen, diesen Entscheid gelte es zu respektieren – auch von den Vertretern aus der Westschweiz.

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Kluft auch in den Gewerkschaften

Ähnlich zeigt sich das Bild bei den Gewerkschaften. Auch hier betreibt der Dachverband SGB in Bern lautstark Abstimmungskampf. Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), weibelt für ein Ja zur Rentenreform.

Doch auch er hat Gegenwind aus der Romandie. Mitten im Abstimmungskampf haben Gewerkschafter am grössten Wohnblock der Schweiz ein Transparent aufgehängt mit der Aufschrift «Erhöhung des Rentenalters? 2 x NON».

«Ich bin enttäuscht vom SGB, sehr enttäuscht», sagt eine Gewerkschafterin. Die Deutschschweizer Gewerkschafter seien zu defensiv und zu ängstlich. «Es sind die Aktivisten, die eine Gewerkschaft ausmachen», das müssten sie in Bern noch lernen.

Rechsteiner temperiert ab

Für das gewerkschaftliche Nein setzen sich beispielsweise der Dachverband Genfer Gewerkschaften (CGAS) mit über 40’000 Mitgliedern oder der Waadtländer Gewerkschafts-Dachverband (USV) ein.

Der St. Galler SP-Ständerat Rechsteiner sagt dazu, im Gewerkschaftsbund habe eine grosse Mehrheit unter dem Strich Ja gesagt zur Reform, auch eine klare Mehrheit aus der Romandie. «Für diejenigen, für welche das Rentenalter 64 für die Frauen gesetzt ist, für die ist die Reform natürlich negativ».