Ärztetarif Tarmed: «Eine Einigung ist unwahrscheinlich»

Ärztinnen und Ärzte rechnen seit 2004 mit dem Tarmed-Tarif ab. Dessen komplexe Struktur sollte längst revidiert werden. Heute will die Spitalvereinigung H+ ihre Version vorstellen. Doch ob man sich darauf einigt, steht noch in den Sternen, wie Gesundheitsökonomin Anna Sax erklärt.

Strassenschilder: «Spital» nach rechts und «Lieferanten» nach links. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer sich in einer Praxis oder einem Spital ambulant behandeln lässt, versteht oft nur Bahnhof beim Anblick der Rechnung. Keystone

SRF News: Schon über ein Jahrzehnt dauert das Seilziehen um einen neuen Tarif im ambulanten Bereich, den Tarmed. Warum braucht diese Revision so lange?

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Anna Sax

Anna Sax

SRF

Anna Sax hat in Zürich Volkswirtschaft studiert. Sie arbeitet als Dozentin und Beraterin für Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik. Zudem ist sie als Redaktorin für die Schweizerische Ärztezeitung tätig.

Anna Sax: Es handelt sich um einen Verteilkampf innerhalb der Ärzteschaft. Die ist sich nicht einig. Auch die Krankenversicherer sind sich nicht einig. Ein Teil glaubt nicht daran, dass Kostenneutralität möglich ist, und hat sich aus den Verhandlungen verabschiedet. Ein anderer Teil ist immer noch dabei. Das macht eine Lösung schwierig.

Die Kostenneutralität ist eine Vorgabe des Bundes. Ist diese überhaupt möglich in Zeiten, in denen die Gesundheitskosten stetig steigen?

Das ist eine schwierige Vorgabe. Einerseits wird sie von der Ärzteschaft grundsätzlich in Frage gestellt. Sie wollen diese Kostenneutralität nicht. Andererseits ist der Tarmed ein Tarif, der grundsätzlich das Problem hat, dass er auf Einzelleistungen basiert. Das heisst, es wird belohnt, wenn Ärzte mehr Leistungen erbringen. Damit wird die Kostenneutralität natürlich schwierig. Denn wenn die Tarife sinken, haben die Ärzte einen Anreiz, entsprechend mehr Leistungen zu erbringen.

Das ist ja vor zwei Jahren passiert, als Bundesrat Berset eingriff und sagte, Hausärzte müssten besser gestellt werden, nahm die Zahl der verrechneten Leistungen bei den anderen zu…

Ja, das ist so: Die Grundversorger sind besser gestellt worden. Weil damit die Tarife anderer Spezialistinnen und Spezialisten gesenkt worden sind, habe diese einfach entsprechend mehr geleistet.

Aber das heisst, auch eine Revision des Tarmed würde dieses Problem nicht beheben?

Nein, dieses Problem kann der Tarmed als solcher nicht beheben. Weil er ein Einzelleistungstarif ist, hat er dieses grundsätzliche Problem. Um dieses zu lösen, bräuchte es einen anderen Tarif, zum Beispiel einen Pauschaltarif.

Berset sagte, bis Ende Juni wolle er einen Vorschlag, hinter dem alle stehen. Sonst drückt er ihnen einen Vorschlag auf. Wie gross ist die Chance, dass dies passiert?

Ich glaube die Chance ist gross, dass der Bundesrat eingreifen muss. Dass eine Einigung tatsächlich erzielt werden kann, ist sehr unwahrscheinlich. Es gibt noch eine Möglichkeit: Wenn sich die Ärzteschaft tatsächlich im letzten Moment noch einigen könnte, dann würde es vielleicht noch eine Lösung geben. Wenn das nicht der Fall ist, wird der Bundesrat aktiv werden und einen Tarif festlegen müssen.

Dass sich die Versicherer nicht einig sind, ist kein Problem?

Doch, das ist auch ein Problem. Wenn die Versicherer da nicht mitmachen, dann passiert das Gleiche: Dann muss der Bundesrat aktiv werden.

Das Gespräch führte Christine Wanner.

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