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Alarmierende Zahlen Immer mehr Jugendliche sind suizidgefährdet

Die Anzahl ambulanter Notfälle in der Jugendpsychiatrie hat im letzten Jahr stark zugenommen. In vielen Fällen geht es um Suizidgefahr. Auch die stationären Fälle haben zum Beispiel in Zürich einen neuen Höchststand erreicht.

Legende: Video Alarmierende Zahlen: abspielen. Laufzeit 9:27 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 12.07.2018.

Angststörungen, Essstörungen, Depressionen, suizidale Gedanken oder ein vollzogener Suizidversuch: Die Gründe, warum Jugendliche in die Notfallstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingeliefert werden, sind vielfältig.

Suizidale Gedanken werden oft in Chats geteilt.
Autor: Dagmar PauliChefärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Ein Grund sticht jedoch heraus: «In 90 Prozent der Fälle geht es um eine Selbstgefährdung», erklärt Dagmar Pauli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Die Zahl der Notfälle nahm in Zürich in den letzten zehn Jahren massiv zu. Waren es 2007 noch 46 Fälle, sind es 2017 knapp 650. Das zeigen Zahlen, die SRF Data vorliegen.

Legende:
Notfälle Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

«Die Zahlen sind alarmierend und sie zeigen, dass heute Jugendliche in einer schweren Lebenskrise stärker suizidal sind als noch vor einigen Jahren», sagt Dagmar Pauli. Der Umgang mit schweren Lebenskrisen habe sich offenbar verändert. «Früher experimentierten Jugendliche in einer schweren Lebenskrise mit Drogen oder Alkohol, heute machen sie sich Gedanken, sich selbst etwas anzutun.»

Laut der Psychiaterin hat das auch mit den sozialen Medien zu tun. «Ich stelle fest, dass solche suizidale Gedanken oft in Chats geteilt werden und dadurch der Umgang mit solchen Lebenskrisen entsprechend geprägt wird.»

Mädchen reagieren anders auf schulischen Druck

Auch die Anzahl stationärer Fälle hat 2017 einen neuen Höchststand erreicht. Insbesondere der Anteil Mädchen in der Jugendpsychiatrie stieg in den letzten Jahren stark. 2017 waren es 63 Prozent. Gemäss Dagmar Pauli tendieren die Mädchen im Gegensatz zu den Knaben mehr dazu, ihre Lebenskrisen zum Ausdruck zu bringen.

Legende:
Anzahl stationärer Fälle auf Jugendlichenstationen, Zürich Als jugendlich gelten hier 12- bis 17-Jährige. Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

Auslöser können Beziehungsprobleme in der Familie oder Enttäuschungen im Liebesleben sein. In vielen Fällen geht es jedoch um schulische Überforderung: «Wir stellen fest, dass suizidale Fälle von Mädchen auf die Jahresabschlusszeugnisse hin zunehmen», erklärt Dagmar Pauli.

Für sie ist klar: Mädchen wollen alle Anforderungen erfüllen. Wenn sie merken, dass sie das nicht können, geraten sie in eine Krisensituation.

Legende: Video Dagmar Pauli, Chefärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie abspielen. Laufzeit 0:39 Minuten.
Aus News-Clip vom 05.07.2018.

Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Bern nimmt die Anzahl Jugendlicher in schweren Lebenskrisen seit 2012 zu – sowohl im Kriseninterventionszentrum wie auch in der stationären Abteilung: Waren es 2012 noch insgesamt 314 Fälle, sind es 2015 bereits 430 Fälle. «Den grössten Anteil machen Fälle von suizidgefährdeten Jugendlichen aus», erklärt Kaspar Stuker, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern.

Die Bereitschaft, Angebote in Anspruch zu nehmen, ist heute höher als noch vor einigen Jahren.
Autor: Raphael EisenringStv. Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau

Das Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste des Kantons Aargau verzeichnet ebenfalls einen starken Anstieg der ambulanten Fälle: 2012 waren es 947 Fälle, 2017 bereits 1575.

Raphael Eisenring, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau, sieht einen der Gründe in der Entstigmatisierung und der vermehrten Sensibilisierung für psychiatrische Störungen: «Die Bereitschaft, die Angebote der Klinik in Anspruch zu nehmen, ist heute höher als noch vor einigen Jahren.» Ein weiterer Grund: Die Versorgungsstrategie des Kantons lautet «ambulant vor stationär». Dies führt zu einer Zunahme ambulanter Fälle und zu einer Abnahme stationärer Behandlungen im Kanton.

Mehr Jungen nehmen sich das Leben

Suizid ist in der Schweiz die häufigste Todesursache der 15- bis 19-Jährigen. 2015 nahmen sich 35 Jugendliche in diesem Alter das Leben. Das zeigen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Die Suizidrate insgesamt nahm jedoch in den letzten Jahren nicht zu. Zwar gibt es Schwankungen, im Durchschnitt bleiben die Zahlen stabil.

Legende:
Suizide von Jugendlichen, Gesamtschweiz Die Zahlen des BFS beziehen sich auf die Alterskategorie der 10- bis 19-Jährigen. Bundesamt für Statistik (BFS)

«Zum Glück ist das so», sagt Dagmar Pauli. «Heute bieten wir bereits zu einem frühen Zeitpunkt Hilfe an, die Anzahl Klinikplätze wurde erhöht und das Umfeld der Jugendlichen ist sensibilisierter für solche Krisensituationen als noch vor ein paar Jahren.»

Legende: Video Dagmar Pauli, Chefärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie abspielen. Laufzeit 0:27 Minuten.
Aus News-Clip vom 05.07.2018.

Der Anteil Knaben, die sich das Leben nehmen, ist mit rund 75 Prozent um ein Vielfaches höher als derjenige der Mädchen. Demgegenüber ist der Anteil Mädchen in psychiatrischer Behandlung höher. Pauli kennt die Gründe: «Mädchen tendieren mehr dazu, ihre Lebenskrise zum Ausdruck zu bringen, beispielsweise durch einen Suizidversuch oder Selbstverletzung. Knaben versuchen, das mit sich selbst auszumachen – bis das Fass überläuft.»

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

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Jugendliche, die suizidal sind, wollten in den allermeisten Fällen nicht sterben. «Es ist eher so, dass sie denken, so kann ich nicht mehr weiterleben. Sie fühlen sich in einer Sackgasse, wollen eigentlich aber weiterleben», erklärt Dagmar Pauli. Dies sei auch der Grund, warum den Jugendlichen in einer solchen Lebenskrise in den meisten Fällen auch geholfen werden könne.

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46 Kommentare

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  • Kommentar von markus kohler (nonickname)
    Die Suizide bleiben immer etwa gleich in der Zahl, obwohl es x mal mehr Notfallvorstellungen gibt. Entweder sind die Jugendlichen psychisch viel kränker geworden oder, was wahrscheinlicher erscheint, die Notfallkonsultationen haben wenig mit wirklicher Suizidalität zu tun. Der Sprung von 2016 zu 2017 ist auch verdächtig, was ist da passiert, wurde das Notfall-Angebot beworben? Die Zahlen wurden zu wenig kritisch kommentiert.
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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Es stimmt mich nachdenklich, was ich hier lese. Die neo-liberale Gesellschaftsordnung hat seine schweren Schattenseiten. Um in der ökonomisierten Gesellschaft zu bestehen, wird von den Arbeitnehmenden immer mehr gefordert. Die Gesellschaft beutet sich so selber aus. Es mangelt dabei an innerer Sinnerfüllung im Leben. Eine Besinnung auf einen materiell bescheideren Lebensstil könnte wieder mehr innere Lebenswerte fördern helfen. Z. B. die Liebe zur Natur und wertvolle soziale Kontakte pflegen.
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  • Kommentar von Beni Kaufmann (Storch)
    Und so beginnt es... Nach dem Glücksspiel wird die Filmindustrie zensiert Erinnert euch an die Killerspieldebatte! Bekämpft die Ursachen nicht die Symptome!
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