Nichtssagende Dokumente? «Arbeitszeugnisse sind immer noch wertvoll»

Personalchefs zweifeln die Aussagekraft von Zeugnissen an: Sie seien floskelhaft, irreführend und oft zu wohlwollend. Gewerkschafter Luca Cirigliano widerspricht: Es gehe auch um Wertschätzung.

SRF: Welche Bedeutung haben Arbeitszeugnisse heute noch?

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Zur Person

Luca Cirigliano ist Zentralsekretär beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Er betreut die Dossiers Arbeitsrecht, Arbeitssicherheit und Internationales.

Luca Cirigliano, Arbeitsrechtsexperte SGB: Arbeitszeugnisse sind seit jeher ein Instrument, um im Bewerbungsverfahren den ersten Schritt zu machen – um sich vorzustellen.

Viele Personalchefs sagen, die Bedeutung der Arbeitszeugnisse habe abgenommen.

Viele Arbeitgeber bestehen bei Stellenausschreibungen auch heute noch auf Arbeitszeugnisse. Das heisst, sie genügen für einen ersten Überblick offenbar. Sie sind immer noch wertvoll.

Was bedeuten Arbeitszeugnisse für die Arbeitnehmer?

Für sie bedeuten Arbeitszeugnisse nichts anderes als eine Wertschätzung. Sie sind Teil des ersten Eindruckes, den Arbeitnehmer bei potentiellen Arbeitgebern machen.

Immer häufiger streiten sich die beiden Seiten über einzelne Formulierungen. Es kommt zu Gerichtsfällen. Gäbe es keine Arbeitszeugnisse mehr, wäre das doch für beide Seiten eine Entlastung?

Nein, gar nicht. Ohne Arbeitszeugnisse werden Arbeitsuchende nicht mehr für Vorstellungsgespräche eingeladen. Sie brauchen einen Leistungsausweis. In den USA, wo man keine Arbeitszeugnisse kennt, gibt es darum schriftliche Referenzen. Wer keine Referenz vorlegen kann, hat weniger Chancen auf eine Stelle.

Wie beurteilen Sie die Qualität der Arbeitszeugnisse?

Je näher die Person, die Arbeitszeugnisse schreibt, am Beurteilten ist, desto besser. Je weiter weg die HR-Abteilung, desto schwieriger ist es. Zuletzt haben Unternehmen gespart. Immer weniger HR-Leute stellen immer mehr Arbeitszeugnisse aus. Das darf für Arbeitnehmende nicht zum Nachteil werden.

Die Personalchefs beklagen sich aber nicht über zu wenig Ressourcen, sondern darüber, dass ein Arbeitszeugnis zwingend wohlwollend sein muss.

Das heisst nichts anderes, als dass Arbeitgeber den Angestellten nichts auswischen dürfen, dass sie Leistungen nicht unnötig negativ bewerten. Das ist alles. Das Arbeitszeugnis muss selbstverständlich auch wahrheitsgetreu sein.

Wahrheitsgetreu und gleichzeitig wohlwollend. Geht das immer auf?

Nein, gerade wenn ein Arbeitsverhältnis im Streit aufgelöst wurde, kommt es hier zu Problemen. Wenn eine Seite mit dem Arbeitszeugnis nicht einverstanden ist, kann sie aber das Gericht anrufen.

Stellen wir uns vor, Sie würden bald Ihre Stelle wechseln. Was soll denn in Ihrem Arbeitszeugnis stehen?

Natürlich die Wahrheit. Und dann hoffe ich, dass stehen würde «zur vollsten Zufriedenheit».

Das Interview führte Andi Lüscher.

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