«Arena»: Bergregionen am Abgrund

Der alpine Tourismus steht am Berg: Zu strukturellen Problemen kommt auch noch der Frankenschock. Das sei nicht schlimm, findet Architekt Benedikt Loderer – die Bergregionen solle man ohnehin besser sich selber überlassen. Mit diesen Aussagen stösst er in der «Arena» auf wenig Gegenliebe.

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«Arena»: Berggebieten helfen oder sich selbst überlassen?

76 min, aus Arena vom 6.2.2015

Schon vor dem Franken-Schock hatte es der Schweizer Bergtourismus nicht leicht. Viele Hotelbetten blieben leer, Skigebieten fehlte es an Gästen. Dazu kommt nun noch ein starker Franken, der die Preise für Gäste aus dem Euro-Raum weiter verteuert. Was also ist zu tun? Noch vor dem Entscheid der Nationalbank hat der Bundesrat beschlossen, den Bergregionen mit einer zusätzlichen Finanzspritze unter die Arme zu greifen – mit einem Darlehen von 200 Millionen Franken.

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Es diskutieren:

Anita Fetz, Ständerätin SP/BS

Martin Candinas, Nationalrat CVP/GR

Art Furrer, erfolgreicher Hotelier auf der Riederalp

Benedikt Loderer, Architekturkritiker und Publizist

Architekt und Publizist Benedikt Loderer ist kein Befürworter von solchen Geldtransfers. Was denn mit dem Geld passiert sei, das in der Vergangenheit in die Berggebiete geflossen sei, fragt er rhetorisch. «Sie haben überall Strassen gebaut, worauf sie abgewandert sind, weil sie mit diesen Strassen schneller in Chur sind.» Überhaupt störe ihn, dass die Schweiz von In- und Ausländern auf die Berge reduziert werde. «Das ist der Alpenwahn, unter dem wir alle leiden», sagt Loderer.

Kein Wasser in den Städten

Eine solche Aussage kann Art Furrer, huttragender Hotelier aus dem Wallis, nicht unwidersprochen lassen. «Ihr hättet in der Stadt ja noch nicht mal Wasser, wenn wir nicht die Gletscher hätten!», sagt er. Die Schweiz dürfe sich ihre Berge und deren Bewohner ruhig etwas kosten lassen, findet Furrer. Schliesslich würden die Bergbewohner auch etwas für die Gesundheit der Schweizer tun, die in die Alpen wandern und Skifahren kämen.

Martin Candinas, CVP-Nationalrat aus Graubünden, betont dagegen, was Flachländer und Bergler verbindet. «Es ist die Stärke der Schweiz, dass wir zu den Berggebieten schauen», sagt er. Die Gelder aus dem Flachland seien nötig, um sich gegen die Nachbarländer zu behaupten. «Wir haben knallharte Konkurrenz aus Österreich, wo der Staat vorne und hinten subventioniert. Wir müssen konkurrenzfähig bleiben.»

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Geld nicht für alle

Wichtig sei dabei aber, das Geld nicht nach dem Giesskannenprinzip zu verteilen, sagt Daniel Müller-Jentsch vom Thinktank Avenir Suisse. «Das Geld muss dorthin fliessen, wo es strategisch helfen, wo es den Strukturwandel unterstützen kann.» Nur so könnten die Berggebiete langfristig von den Geldtransfers unabhängig sein.

Das reiche aber nicht aus. So gebe es viele kleine und mittlere Tourismus-Destinationen, die sich voneinander kaum unterschieden. «Sie müssen ein klares Profil aufbauen.» Er nennt etwa Vals, das sich auf den Thermalbad-Tourismus spezialisiert hat oder Flims-Laax-Valera, das vor allem Snowboarder anspricht. Müller-Jentsch betont: «Es müssen Prioritäten gesetzt werden.»

Keine Provisionen mehr zahlen

Dieser Meinung ist auch die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz. Sie hat einen Vorschlag, wie sich die Berggebiete selber helfen können. Statt über den Franken zu klagen, könnten sich die einzelnen Destinationen zusammenschliessen und eine eigene Buchungsagentur auf die Beine stellen. «Damit würden sie sich die 15 Prozent sparen, die sie heute an Buchungsportale zahlen – und gleichzeitig die Frankenaufwertung kompensieren.»

Eine ganz andere Zukunftsvision schwebt Benedikt Loderer vor. «Von den Bergbahnen rentiert ein Drittel, ein weiteres Drittel überlebt dank Subventionen, ein Drittel ist pleite. Bei den Hotels ist es ähnlich», sagt er. Wenn die Bergregionen wirklich zukunftsfreudig sein wollten, müssten sie entscheiden, welche davon geschlossen werden sollten.

Skifahrer im Skigebiet Arosa Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Berggebiete leiden unter dem Strukturwandel und dem starken Franken. Was tun? Im Bild: Skifahrer in Arosa. Keystone

Ein Drittel der Gäste fährt nicht Ski

Loderer wisse ja gar nicht, was sich in den Bergen abspiele, gibt der Hotelier Art Furrer zurück. Die Berggemeinden seien innovativ und passten sich den Gästen an. «Wir haben so viele Angebote, zum Beispiel die vielen Routen für Schneeschuhwandern.» Ein Drittel seiner Gäste fahre heutzutage gar nicht mehr Ski, so Furrer. Und auch der Bündner Nationalrat Martin Candinas ist der Meinung, dass die Berggemeinden bereits viel unternähmen, um Gäste anzulocken - etwa indem sie zusammenspannten.

Loderer lässt sich von seiner Meinung jedoch nicht abbringen. Noch stärker in Fahrt bringt ihn aber die Rede von Nachhaltigkeit im Tourismus. «Tourismus kann nicht nachhaltig sein, Tourismus ist die Lepra der Erde», stellt Loderer fest.

Das ist selbst für den friedfertigen Candinas etwas zu viel. «Mit dieser Einstellung darf man am Morgen gar nicht aufstehen», sagt er. «Dann darf man auch nicht heizen, sondern im Idealfall unter der Bettdecke bleiben.» Und hat damit er die Lacher im Publikum auf seiner Seite.

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