Asperger-Syndrom: Sturm im Wasserglas der Gesundheitspolitik

Die Anzahl Kinder mit einer autistischen Störung ist in den letzten 10 Jahren nach oben geschnellt. Schulen, Versicherungen und die Politik ergehen sich in gegenseitiger Polemik. Experten hingegen haben ganz unspektakuläre Erklärungen für einen Zuwachs, der im Grunde gar keiner ist.

Ein autistisches Kind schaut vorsichtig hinter einem bunten Kindervorhang hervor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Autistische Menschen bekunden Mühe, sich in der sozialen Welt ihrer Mitmenschen zurechtzufinden. Reuters

Für den Autismus-Experten und leitenden Arzt des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Zürich (KJPD) ist die ganze Polemik um die Zuwachsraten bei Kindern mit autistischen Störungen «ein Sturm im Wasserglas». Oft werde in der Darstellung von Gesundheitsthemen mit Zahlen hantiert, als ginge es um Kraut und Rüben, sagt Ronnie Gundelfinger.

Aber de facto gibt es kaum einen realen Zuwachs an Erkrankungen mit Autismus, respektive seiner abgeschwächten Form des Asperger-Syndroms. Der vielerorts registrierte Nadelausschlag auf den Seismographen der politischen Gesundheits-Apostel erkläre sich gewissermassen sozialpsychologisch.

Immer wenn ein Phänomen in den Fokus der Öffentlichkeit gerate, habe es einen Zuwachs an Fällen gegeben, erklärt Gundelfinger im Interview mit «SRF News Online». Das habe man bei der Aufmerksamkeitsstörung ADHS beobachten können, aber auch bei Störungen mit somatischen Krankheitsbildern wie dem Burnout oder dem Schleudertrauma.

Weniger Ressourcen ohne Diagnose

«Als wir 1998 mit unserer Autismus-Stelle begannen», erzählt der Wissenschaftler, «schnellten die Zahlen ebenfalls hoch und stiegen 10 Jahre lang Jahr für Jahr.» Inzwischen haben sich die Zahlen eingependelt.

Am Anfang, wenn die öffentliche Wahrnehmung einer Störung zunehme, würden auch Kinder abgeklärt, die schon länger mit einer solchen Störung lebten, sagt Gundelfinger. Sie 'belasten' die Statistik quasi rückwirkend. Und schliesslich werden gewisse Kinder, die früher mit der Diagnose POS in die Statistik eingegangen sind, heute dem Asperger-Syndrom zugeordnet.

Eine finanzielle Komponente mag die Wahrnehmung von Häufigkeiten zusätzlich verzerren: Lehrkräfte, die solche Kinder im Regelunterricht statt wie früher in Sonderklassen integrieren sollen, benötigen Unterstützung. Und diese Unterstützung kostet. Während Ärzte Autismus als dynamische Störung mit ganz vielen Abstufungen verstehen, möchten Schulen und Versicherungen dabei klare Diagnosen zur Hand haben. Ein unmissverständliches Argument um ihren Ressourcenanspruch zu legitimieren. Dadurch mag es bei Grenzfällen zu einer gewissen Zahl an Diagnosen kommen, die es sonst so vielleicht nicht gegeben hätte.

Alte Eltern haben ein erhöhtes Risiko

Und die Gerüchte, dass Autismus-Erkrankungen tatsächlich zunehmen und nicht nur deren Diagnose? Lassen sich diese auch so leicht als künstliche Aufregung klassifizieren?

Gundelfinger schliesst eine sehr kleine Zunahme nicht aus. Heute würden sich im Internet Partner mit autistischen Anlagen finden und Kinder zeugen, die sich früher nicht gefunden hätten. Und auch das immer höhere Alter von Eltern hat einen kleinen Einfluss. «Aber sicher ist die reale Zuwachsrate minim», sagt er. Als durchaus gegeben betrachtet Gundelfinger demgegenüber die Chancen für die erfolgreiche Integration von autistischen Kindern.

«Es braucht nicht immer hochspezialisiertes Personal, um einem Kind mir Asperger effizientes Lernen zu ermöglichen», sagt Gundelfinger. Therapeutische und pädagogische Fachpersonen müssten bei jedem Kind erfassen, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Dann könne es gezielt unterstützt werden.

So oder so, das neue Dogma der integrierten Volksschule ist ein Generationen-Projekt. Es wird einige Zeit dauern, bis das System rund läuft. Bleibt zu hoffen, der Souverän hat solange Geduld.