«Auf Geothermie zu verzichten wäre grundfalsch»

Die Schweiz soll ihre Strategie bei der Geothermie ändern. Das fordert ETH-Professor Domenico Giardini. Es sei Zeit, die bisher von lokalen Behörden geplanten Projekte national zu koordinieren und zu überwachen – dann würde die Energiewende gelingen.

Erdwärme-Promotoren kämpfen gegen Verunsicherung

2:20 min, aus Tagesschau vom 22.7.2013

Das Geothermie-Projekt bei St. Gallen steht vorerst still. Am Samstag hatten die Bohrungen ein leichtes Erdbeben ausgelöst – der zweite Vorfall dieser Art in der Schweiz. Vor sieben Jahren bebte die Erde bei Bohrungen in Basel.

Ein herber Rückschlag, nicht nur für die junge Technologie, sondern auch für den Bund mit seinen Plänen für den Atomausstieg. Die Geothermie – die Energie aus dem Innern der Erde – soll bis 2050 1,2 Millionen Schweizer Haushalte mit Strom versorgen.

Nach wie vor ein realistisches Ziel: So sieht es Domenico Giardini, Professor für Seismologie und Geodynamik an der ETH Zürich. Unter der Voraussetzung, dass jetzt mit einem grossen, nationalen Projekt begonnen werde, sagt er im Interview mit SRF. Dieses müsse vom Bund koordiniert und überwacht werden.

Porträt von ETH-Professor Domenico Giardini von 2004. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Domenico Giardini setzt trotz Rückschlägen auf die Geothermie-Technologie (Archivbild). Keystone

Verzicht wäre falscher Weg

Es wäre «grundfalsch», wegen der Erdbeben in St. Gallen und zuvor in Basel auf die Förderung der Geothermie zu verzichten, betonte der ETH-Professor. Gerade jetzt müsse man noch mehr forschen und in Tests investieren, wenn man den Atomstrom mit erneuerbaren Energien ersetzen wolle.

Natürlich müsse man alles dafür tun, solche «Zwischenfälle» wie in St. Gallen zu vermeiden. Doch man könne auch viel daraus lernen. «Es wäre tragisch, wenn wir die enormen Energiereserven unter unseren Füssen deshalb ungenutzt liessen.»

Doch ist die Schweiz überhaupt dazu geeignet? Geologisch gesehen ist sie ein recht kompliziertes Land und dazu noch dicht besiedelt. Giardini sagt: «Die Antwort darauf werden wir erst nach entsprechenden Untersuchungen haben. Aber wir haben viel Erfahrung in der Schweiz mit Tiefenbohrungen, mit Tunnels.» Die Risiken seien dieselben wie bei der Geothermie.

Geothermie: Erfolg trotz Beben

4:22 min, aus 10vor10 vom 22.7.2013

Unabhängiger Energielieferant

Die Vorteile der Geothermie gegenüber Wind-, Wasser- und Solarkraft sieht der ETH-Professor in ihrer Unabhängigkeit. Wind und Sonne gebe es in absehbarer Zeit wohl genug, diese seien aber sehr saison- und wetterabhängig. «Wie lange wir noch so viel Wasser haben, ist ungewiss.» Ändere sich das Klima und werde es trockener, sei die Energie aus Wasser nicht gesichert.

Giardini ist überzeugt: «Mit der Energie aus der Tiefe gibt es keine Unsicherheit. Wir wissen, sie ist genau unter uns. Wenn wir durch den Gotthard fahren, spüren wir die Wärme.» Doch es fehle noch die sichere Technologie, um an sie heranzukommen und sie optimal zu nutzen.

Wenn nicht Geothermie, was dann?

In der Schweiz gibt es an mehreren Orten Pläne für Geothermie-Anlagen. Wie es dort weitergeht, ist derzeit noch offen. Was aber, wenn die Beben das Aus bedeuten für die Technologie? Mathieu Buchs vom Bundesamt für Energie ist zuversichtlich: «Wenn das Potenzial nicht ausgeschöpft werden kann, haben wir Alternativen.»

So einfach könne man nicht ausweichen, sagt dagegen Almut Kirchner, Physikerin beim Institut Prognos in Basel. Sie hat die Zukunfts-Szenarien für die Energiewende berechnet. «Es wäre kein Klacks. Man müsste das Ganze neu berechnen und sich sehr gründlich Gedanken darüber machen, wie das zu kompensieren ist.»