Austausch der Sprachregionen: «Politisch besteht null Interesse»

Die Romands gehen kaum ins Tessin, die Ostschweizer kaum ins Welschland. So die ernüchternde Bilanz einer neuen Studie. Doch wieso scheint der Röstigraben für viele Schweizerinnen und Schweizer praktisch unüberwindbar? Der langjährige Westschweiz-Korrespondent Martin Heule liefert Antworten.

SRF News: Wie erklärt es sich, dass fast jeder zweite Westschweizer noch kein einziges Mal im Tessin war?

Martin Heule: Das sind zuerst wohl ganz banale Dinge. In der Zeit, in der man ins Tessin fährt, gelangt man nach Paris und zurück. Und dann sind da die Kosten, sowohl für die Reise als auch für den Aufenthalt im Tessin. Da fällt die Entscheidung sehr häufig zugunsten Frankreichs oder sogar Westafrikas oder Guadaloupes aus. Diese Ziele sind naheliegender und häufig auch günstiger, als ins Tessin zu fahren.

Näher als das Tessin ist jedoch die Deutschschweiz, zum Beispiel Bern. Trotzdem haben es ein Fünftel der Genfer noch überhaupt nie in die Deutschschweiz geschafft. Zeugt das von Desinteresse?

Das mit dem Desinteresse ist eine schwierige Sache. Ich stelle mir vor, man könnte es ja auch mal mit Charme versuchen. So gibt der Schweizer Tourismus sehr viel Geld aus, um Chinesen in die Schweiz zu locken – mit mässigem Erfolg. Man investiert aber meines Wissens kaum einen Franken, um einen Genfer nach Zürich oder Bern zu holen. «Kommt doch mal in die Deutschschweiz»: Ein solches Plakat mit einem tollen Angebot für welsche Familien habe ich noch nie gesehen.

Aber dass sich Deutschschweizer und Romands gegenseitig nicht mehr so häufig besuchen – das war doch früher anders?

Tatsächlich. Doch es gab früher sozusagen institutionelle Anreize. Die Armee hat zum Beispiel sehr viel getan für den Austausch. Jeder welsche Mann war mal in Frauenfeld oder wusste von Appenzell zu erzählen. So hat er die Deutschschweiz zum ersten Mal in der RS oder im WK kennengelernt und vielleicht seiner späteren Frau davon erzählt. Das gibt es in diesem Ausmass nicht mehr. Nicht zu vergessen die «jeunes filles»: All die Mädchen, die ein Jahr ins Welschland gegangen sind. Das ist fast völlig zum Erliegen gekommen. Und diese Verbindungen sind durch gar nichts ersetzt worden.

Der allzu breite Röstigraben

5:37 min, aus SRF 4 News aktuell vom 09.05.2016

Hat dadurch die französische Sprache an Bedeutung verloren in der Schweiz?

Sehr stark, und mit der Sprache auch die Kultur. All diese Mädchen, die ins Welschland geschickt wurden: Das hatte einen gewissen Wert für die Deutschschweiz. Man hat sich gesagt: «Die Franzosen wissen, wie man richtig einen Tisch deckt, wie man sich richtig kleidet und benimmt.» Diese Kultur kam klar von Frankreich her. Heute ist das weitgehend verschwunden. Und erinnern wir uns an die Nachkriegszeit. Jeder Deutschschweizer, der etwas auf sich hielt, wollte mal in die Stadt von Sartre und Camus gehen. Die Philosophie hatte eine grosse Anziehung. Diese Bedeutung gibt es nicht mehr.

Wird für den Austausch der Sprachregionen generell zu wenig gemacht?

Auf privater Ebene geschieht einiges. Lehrer und private Stiftungen organisieren mit viel Engagement zum Beispiel Schüleraustausche. Man hilft ihnen dabei allerdings wenig. Auf politischer Ebene besteht praktisch null Interesse an irgendeinem Austausch zwischen den Sprachregionen. Da gibt es keine Programme und kein Geld.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.