«Kassensturz»-Experiment Autos mit Keyless-System: Knacken leicht gemacht

Autos mit Keyless-System zeigen grosse Sicherheitslücken. Über 100 Autos verschiedenster Marken konnten geknackt werden.

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Autos mit Keyless-System: Knacken leicht gemacht

11 min, aus Kassensturz vom 21.3.2017

Das Wichtigste in Kürze

  • Autos mit Keyless-Systemen/Komfortzugang sind unsicher.
  • Der TCS hat gemeinsam mit dem ADAC über 100 Modelle namhafter Hersteller geknackt.
  • Ein Funkstrecken-Verlängerer leitet das Signal des Autoschlüssels über hunderte Meter weiter.
  • Ohne Einbruch- und Diebstahl-Spuren zu verursachen, kann das Auto gestohlen werden.
  • Die Autohersteller wissen seit Jahren vom Sicherheitsrisiko bei Keyless-Systemen.

Eigentlich ganz schön praktisch: Ohne den Schlüssel in die Hand zu nehmen, kann die Autofahrerin ihr Auto öffnen und starten. Autohersteller nennen das Keyless-System oder Komfortzugang. Nur: Das System ist ganz einfach zu knacken.

Das «Kassensturz»-Experiment zeigt: Auch dem Journalisten-Team – ohne technisches Fachwissen – gelingt es innert kurzer Zeit in Autos einzubrechen. Mit einem Funkstrecken-Verlängerungsgerät bewegt sich Redaktor A in die Nähe des Autobesitzers mit dem Keyless-Autoschlüssel. Der Schlüssel steckt wie gewohnt in der Jacken- oder Handtasche.

Sicherheitsrisiko für mehrere hundert Franken Aufpreis

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0:47 min, vom 21.3.2017

Ohne dass die Besitzerin etwas merkt, schickt Redaktor A mit dem Funkstrecken-Verlängerer die Signale des Schlüssels über mehrere zehn Meter an Redaktorin B. Diese empfängt die Signale mittels passendem Funkgerät und öffnet das Auto innert Sekunden. «Hoch problematisch», äussert sich ein Passant. «Man erschrickt einfach. Es ist ein neues Auto, bei dem der Sicherheitsstandard ja hoch sein sollte.»

Pikant: Die Autohersteller verkaufen die Keyless-Systeme für mehrere hundert Franken Aufpreis. Oder sie jubeln die Komfortschliessung dem Kunden in einem Inklusive-Paket mit anderen technischen Neuerungen unter, ohne dass sich der Käufer bewusst dafür entscheidet. «Das war einfach dabei, ich hab mir da keinen weiteren Gedanken gemacht», nervt sich ein Experiment-Teilnehmer gegenüber «Kassensturz».

Über 100 getestete Modelle lassen sich knacken und starten

Der Touring Club Schweiz TCS hat gemeinsam mit dem deutschen Automobilclub ADAC das Keyless-System bei über 100 Modellen verschiedener Marken getestet (siehe Tabelle). Jedes einzelne Fahrzeug konnte geöffnet und gestartet werden

«Wir sind selber erstaunt, dass dies bei jedem der getesteten Modelle so einfach möglich war», erklärt Erich Schwizer vom TCS gegenüber «Kassensturz». «Die Autohersteller reden von autonomem Fahren, sind aber nicht in der Lage die Autos diebstahlsicher zu verriegeln.» Beim Test zeigt sich, dass die Überbrückung der Signale auch dann noch funktioniert, wenn die Person mit dem Empfänger mehr als 100 Meter vom Schlüssel entfernt ist.

Konkret heisst das, dass ein Auto mit Keyless-System auch dann mittels Funkstrecken-Verlängerer gestohlen werden kann, wenn sich der Fahrer mit dem Schlüssel in der Tasche im Café oder beim Einkaufen befindet.

«Ist der Motor einmal gestartet, kann der Dieb mit dem Auto mindestens so lange fahren, bis der Tank leer ist», gibt Schwizer zu bedenken. Der Gauner könne aber auch Benzin tanken und den Motor laufen lassen. «Dann kann er den gestohlenen Wagen soweit wegfahren, wie er will.»

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(Quelle: Axa Versicherung)

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Damit nicht genug: Findet die Polizei das Auto wieder, können keine Einbruch- oder Diebstahlspuren nachgewiesen werden. Der Autobesitzer muss sich unter Umständen rechtfertigen und gegenüber der Versicherung nachweisen, dass er am Diebstahl nicht beteiligt gewesen ist.

Der TCS empfiehlt, auf das Keyless-System zu verzichten. «Es macht keinen Sinn ein System zu kaufen, das Dieben Tür und Tor so einfach öffnet», so Schwizer. Den Schlüssel in Alufolie einzuwickeln, um so die Funksignale zu unterbinden, mache keinen Sinn. Dieser oft gehörte Tipp sei nicht praktikabel. «Der Schlüssel müsste jedes Mal aus der Folie ausgewickelt werden, wenn ich das Auto öffnen möchte. Das macht kein Mensch.»

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