Can Biçer steht an seinem Pult und telefoniert. Vor ihm erstreckt sich das Schienennetz zwischen Pratteln und Hornussen, für das er heute zuständig ist.
Zahlen, Symbole und farbige Linien überziehen die Bildschirme vor ihm. Für Aussenstehende wirkt das System unübersichtlich. Biçer sieht jedoch hinter jedem Punkt, was genau draussen auf dem Schienennetz läuft.
Gerade muss er eine Weiche manuell stellen. Wenige Mausklicks reichen. Nicht einmal eine Sekunde später ist die Weiche draussen auf den Schienen umgestellt.
«Wenn alles nach Plan läuft, muss man eigentlich nichts mehr machen», sagt er. Doch das ist bei Weitem nicht immer der Fall.
Biçer arbeitet in der SBB-Betriebszentrale «Mitte» in Olten. Von hier aus steuern rund 350 Mitarbeitende an 365 Tagen das Schienennetz in der Nordwestschweiz – von Basel bis Bern und Luzern. Vier solche Betriebszentralen sind in der ganzen Schweiz verteilt.
In der Region Basel treffen besonders viele Verkehrsarten aufeinander: Personenfernverkehr, Regionalverkehr, S-Bahnen, Güterverkehr, der Rangierbahnhof in Muttenz und die Hafenbahn.
Zusätzlich erfordert die grenzüberschreitende Koordination mit Deutschland und Frankreich Abstimmungen mit der Deutschen Bahn und der französischen SNCF.
Das Bewusstsein ist immer da. Aber die Abläufe sind klar.
Zu Stosszeiten sitzen mehrere Tausend Menschen in den Zügen seines Bereichs. Die Verantwortung ist gross. Spürt man diesen Druck? «Das Bewusstsein ist immer da», sagt der Fahrdienstleiter. «Aber die Abläufe sind klar.»
Für fast jede Situation gebe es Vorschriften. Und wenn Zweifel bestehen, gelte ein einfacher Grundsatz: Sicherheit geht vor. «Wenn wir nicht wissen, ob es sicher ist oder nicht, dann fahren wir einfach nicht.»
Toter Fuchs in Sisseln – Malz-Zug in Rheinfelden
An diesem Morgen beschäftigen den Fahrdienstleiter gleich mehrere Dinge gleichzeitig. Bei Sisseln AG liegt ein toter Fuchs auf den Gleisen. Ein Team ist bereits unterwegs.
Gleichzeitig wartet die Brauerei Feldschlösschen in Rheinfelden auf eine Lieferung Malz. Die Güterwagen mit dem Malz müssen an den richtigen Ort gelangen. Dafür braucht es eine Lokomotive – und vor allem eine passende Lücke im bereits dichten Bahnverkehr.
Während Personenzüge Richtung Basel, Zürich oder Flughafen verkehren, läuft die Suche nach einem Zeitfenster von wenigen Minuten.
Fünf oder sechs Minuten reichen. Dann kann die Lok die Güterwagen über mehrere Gleise hinweg verschieben, ohne andere Züge auszubremsen. Am Ende kommen an diesem Vormittag Ferienverkehr und Bierproduktion problemlos aneinander vorbei.
Wer im Zug sitzt oder am Perron wartet, bekommt von dieser Arbeit meist nichts mit. Hinter vielen dieser Abläufe stehen Mitarbeitende wie Biçer. Menschen, die an Bildschirmen den Überblick behalten und innert Sekunden Entscheidungen treffen müssen.
Fuchs entfernt – Malz angeliefert
An diesem Vormittag klappt alles: Der tote Fuchs bei Sisseln wird entfernt, die Malz-Lieferung erreicht Rheinfelden und der Ferienverkehr rollt weiter.
Dass die Züge sicher und pünktlich ans Ziel kommen, macht mir Freude.
Biçer kann Feierabend machen und freut sich am Ende des Tages wie viele Pendlerinnen und Pendler draussen in den Zügen und an den Bahnhöfen vor allem über eines: «Dass die Züge sicher und pünktlich ans Ziel kommen», sagt er. «Das macht mir Freude.»