Contra: «Organspende untergräbt die Menschenrechte»

Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle über die individuelle Freiheit, die Diagnostik vom Hirntod und ihren eigenen Organspende-Ausweis.

Porträt von Ruth Baumann-Hölzle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ruth Baumann-Hölzle ist Medizinethikerin und Leiterin des Institutes «Dialog Ethik». Keystone

SRF News Online: Der Nationalrat befürwortet eine automatische Organspende. Was sagen Sie zum Entscheid?

Ruth Baumann-Hölzle: Ich bin beunruhigt und finde das bedenklich. Wir dürfen die Lebenserhaltung nicht über alles setzen, sonst gefährden wir den freiheitlichen Grundanspruch. Mit dem Entscheid unterläuft der Nationalrat den menschenrechtlich verbrieften Autonomie-Anspruch jeder Person.

Wie meinen Sie das?

Mit der Widerspruchslösung wäre eine Grenze überschritten. Man sollte jemanden immer noch fragen müssen, ob er Organe spenden will und nicht automatisch davon ausgehen. Gerade bildungsferne Schichten würden mit der neuen Regelung klar benachteiligt. Das Abwehrrecht des Einzelnen muss dem Einforderungsrecht von anderen Personen stets vorgezogen werden. Ausnahmen davon dürfen nur gemacht werden, wenn die Gesamtheit der Bevölkerung gefährdet ist, zum Beispiel bei einer Epidemie.

Wie begründen Sie das Recht auf den eigenen Körper auch nach dem Tod?

Der Tod ist keine klare Sache. Die Todesgrenze ist Gegenstand von Diskussionen. Die ganze Diagnostik vom Hirntod ist umstritten. Für die Organspende müssen die Körperfunktionen noch aufrechterhalten werden. Heute schon darf man sogar Menschen, bei denen der Entscheid getroffen worden ist, lebenserhaltende Massnahmen abzustellen, noch zu Lebzeiten für die Organspende vorbereiten.

In unseren Nachbarstaaten ist die automatische Organspende schon lange Normalität.

Das sind oft Länder, die aus historischer Sicht das individuelle Freiheitsrecht noch nicht so lange kennen wie wir in der Schweiz. Die automatische Organspende passt nicht in unsere Demokratie. Wir spenden auch nicht alle unsere Stammzellen, obwohl wir dies könnten. Die automatische Organspende untergräbt die Menschenrechte.

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Pro: Beda Stadler

Pro: Beda Stadler

Für die automatische Organspende ist Immunologe Beda Stadler. «Pro Organspender können sieben Menschenleben gerettet werden.» Lesen Sie das Interview mit Stadler hier.

Wie sieht es ethisch aus? Pro Organspender könnte man immerhin sieben Leben retten.

Wenn wir beginnen, eine Person gegen viele auszuspielen, wird es gefährlich. Das Grundabwehrrecht ist eine Errungenschaft der Moderne. Kein Mensch hat Anspruch auf Organe von anderen Menschen. Es werden immer wieder Menschen an Krankheiten sterben. Das ist die Tragik vom Leben.

Was wäre ihre Lösung?

Man sollte die Auseinandersetzung mit dem Thema fördern. Wo ist die Grenze des Staates und wo der Anspruch über die eigene Person? Wir müssen uns auf die Demokratie zurückbesinnen.

Sind sie persönlich Organspenderin?

Ich habe einen Organspende-Ausweis. Aber aufgrund der neuesten Entwicklungen überlege ich mir, den Ausweis zurückzuziehen. Ich verliere immer mehr das Vertrauen in die Transplantationsmedizin.

Das Gespräch führte Benedikt Widmer.