Zum Inhalt springen

Da-Vinci-Roboter Teure Hightech-Operationen mit ungewissem Nutzen

Eine neue Studie sieht wenig Vorteile für Prostata-Patienten. Geringe Fallzahlen könnten zudem die Qualität gefährden.

Legende: Video Da-Vinci-Roboter – Teurer Platzhirsch mit ungewissem Nutzen abspielen. Laufzeit 06:43 Minuten.
Aus Puls vom 27.08.2018.

Die neue australische Studie ist ein Schuss vor den Bug der Da-Vinci-Urologen. Sie kommt zum Schluss, dass der Operationsroboter bei den wichtigsten postoperativen Risiken einer Prostata-Entfernung nicht signifikant besser abschneidet: Nach 6, 12 und 24 Monaten klagten jeweils gleich viele Krebspatienten über Inkontinenz und Impotenz – unabhängig davon, ob sie minimalintensiv mit dem Da Vinci oder offen mit der alten Methode operiert wurden.

Für den Roboter sprechen laut früheren Studien der geringere Blutverlust während des Eingriffs und weniger Schmerzen danach. Dieses Fazit dürfte viele enttäuschen, denn die Urologie gilt als Paradedisziplin des Roboters. In anderen Bereichen konnte sich der Da Vinci trotz anfänglich hoher Erwartungen nur bedingt etablieren.

Fragwürdiger Roboter-Boom

Die Studienergebnisse setzen auch ein kräftiges Fragezeichen zum aktuellen Roboter-Boom in der Schweiz. Denn obwohl die Folgen des Da-Vinci-Eingriffs bislang nie detailliert untersucht wurden, hat fast jedes grössere Schweizer Spital in den letzten 15 Jahren Roboter angeschafft.

Rund 2 Millionen Franken kostet ein Da Vinci, dazu kommen jährlich etwa 200'000 Franken Unterhaltskosten. Die Schweiz hat heute mit 32 Da Vincis weltweit die höchste Dichte an Robotern im Operationssaal. Pro Kopf fast drei Mal mehr als etwa Deutschland. Allein in der Region Basel stehen vier Stück.

Das ist zum Teil ein Marketinghype. Rein von der Anzahl Eingriffe her braucht es sicher nicht so viele Da Vincis.
Autor: Jürg AebiCEO Kantonsspital Basel-Land

Für Jürg Aebi, CEO des Kantonsspitals Basel-Land in Liestal, macht das keinen Sinn: «Das ist zum Teil ein Marketinghype. Rein von der Anzahl Eingriffe her braucht es sicher nicht so viele Da Vincis. Aber wir als Ausbildungsspital müssen das Neuste bieten – die jungen Ärzte wollen das.»

Auch die Patienten verlangen zunehmend explizit den Da Vinci.

Tiefe Fallzahlen können Qualität gefährden

Die hohe Dichte an Robotern führt dazu, dass sie an den Spitälern oft unbenutzt herumstehen. Es fehlt schlicht an Patienten, um so viele Da Vincis auszulasten. Für die Operateure wird es deshalb vielerorts schwierig, sich die erforderliche Routine anzueignen.

Eine bedenkliche Entwicklung, findet Martin Schumacher, Facharzt Urologie an der Hirslanden-Klinik in Aarau: «Wenn kleine Regionalspitäler einen Da Vinci anschaffen und nicht über die entsprechenden Fallzahlen verfügen, ist das problematisch. Einerseits gesundheitspolitisch und ökonomisch, andrerseits aber auch für die Qualität des Eingriffs.»

Der Erfolg hängt nicht vom Gerät ab, sondern von der Erfahrung des Operateurs.
Autor: Martin SchumacherFacharzt Urologie

Schumacher ist mit über tausend Operationen einer der erfahrensten Da-Vinci-Operateure hierzulande. «Erst nach etwa 300 Eingriffen beherrscht man den Da Vinci wirklich, aber auch dann lernt man immer noch dazu», erklärt er.

Diese Zahl sei in der Schweiz nicht einfach zu erreichen. Entsprechend rät Schumacher den Patienten, sich nicht vom Roboterboom blenden zu lassen. «Der Erfolg hängt nicht vom Gerät ab, sondern von der Erfahrung des Operateurs. Nur wenn Sie gute Fallzahlen haben, erzielen Sie auch gute Resultate.»

Ein nationales Register, das die Erfahrungen mit dem Da Vinci erfasst, ist erst im Aufbau. Für Prostatakrebs-Patienten, welche sich für einen Robotereingriff entscheiden, ist es somit alles andere als einfach, das richtige Spital mit dem geeigneten Operateur zu finden.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Ob mit diesem Roboter gute Resultate erzielt werden sei mal dahin gestellt. Die Anzahl der Roboter ist einfach das Problem: Alles muss bezahlt werden also muss möglichst viel operiert werden zu möglichst hohen Tarifen. Und wer bezahlt‘s?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Klaus Kreuter (KallePalle)
    Also wenn man Patienten befragt, die das hinter sich haben hört man nur positive Stimmen. Die Inkontinenzrate sei äusserst niedrig und auch die anderen Nebenwirkungen im Vergleich deutlich positiver. Was soll man denn nun glauben?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Ich habe im TV diesen Bericht gesehen, was mich erstaunt, ist doch die Aussage der Roboterspezialisten nicht nur hier im Medizinbereich - was diese Roboter alles schon können -sie können ohne den menschlichen Geist NULL - der Operateur am Roboter muss ein hervorragender motorisch hochtrainierter Arzt sein, um eine gleichwertige OP zu erzielen, wie die Ärzte und Chirurgen die ohne diesen Roboter OPs durchführen. Das alleine zeigt, dass hier einzig kostenintensive Hoffnungen geweckt werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen