Zum Inhalt springen
Inhalt

Abstimmung in Moutier «Das ist Swissness»

Dick Marty, Ex-Ständerat und Präsident der Inter-Jurassischen Versammlung, erklärt die Bedeutung der Jurafrage für das Demokratieverständnis der Schweiz – und wieso das nicht nur für die Schweiz von Interesse ist.

Legende: Video Moutier: Bern oder Jura? abspielen. Laufzeit 01:47 Minuten.
Aus Tagesschau vom 17.06.2017.

Moutier stimmt diesen Sonntag über einen Kantonswechsel ab. Welche Bedeutung hat diese Abstimmung für die Bewältigung des Jurakonflikts?

Dick Marty: Diese Abstimmung ist der Abschluss des politischen Prozesses, auf den sich die Regierungen der Kantone Bern und Jura im Rahmen der Inter-Jurassischen Versammlung (IJV) geeinigt haben. Er begann 2013 mit einer ersten Phase, als das Volk entschieden hat, keinen neuen Kanton zu bilden. In einer zweiten Phase können die einzelnen Gemeinden nun entscheiden, zu welchem Kanton sie gehören wollen. Für uns war immer klar: Die delikateste Phase ist die Abstimmung in Moutier. Seit 20 Jahren hat die Gemeinde eine politische Mehrheit, die jurafreundlich ist. Die Abstimmungen in den Gemeinden bilden den politischen Abschluss der Jurafrage.

Das heisst, die Bedeutung dieser Abstimmung ist enorm?

Moutier ist das grösste Zentrum des bernischen Juras. Sollte Moutier einem Kantonswechsel zustimmen, könnte das einige Probleme im Berner Jura auslösen.

Wie schwierig war es, die beiden Seiten zu einem Prozedere zu bewegen, zudem alle Ja sagen können?

Der Anfang war sicherlich schwierig. Es gab viel Hass. Es gab Familien, die zerstört waren, Brüder, die nicht mehr mit ihren Eltern sprachen. Es gab Restaurants, Geschäfte, die nur Separatisten bedienten oder nur Pro-Berner. Ich glaube, man kann stolz sein als Schweizer, dass wir solche Probleme in dieser Art und Weise lösen können. Die Inter-Jurassische Versammlung war etwas Neues, Kreatives in unserer politischen Geschichte und ich glaube, ihre Arbeit ist gelungen.

Jetzt interessiert sich auch die spanische Regierung für unseren Abstimmungsprozess.
Autor: Dick MartyPräsident Inter-Jurassische Versammlung

Kann die Schweiz ein Vorbild sein für andere Konflikte dieser Art?

Wir haben viele Besucher aus dem Ausland gehabt. Delegationen aus Katalonien oder dem Balkan, die schauen wollten, wie wir diese Probleme lösen. Sie waren erstaunlich gut vorbereitet und wussten bestens über den Jurakonflikt Bescheid. Ich glaube aber, das Modell als solches ist nicht exportierbar. Es ist massgeschneidert für die Schweiz. Aber man kann Leitprinzipien ableiten, wie man einen Dialog institutionalisiert, auch ritualisiert, um eine friedlichere Lösung zu finden. Und spannend: Jetzt interessiert sich auch die spanische Regierung für unseren Abstimmungsprozess.

Und das führen Sie darauf zurück, dass man in Spanien gesehen hat, dass man in der Schweiz auf diese Art vorwärts gekommen ist?

Ja, auch die friedliche Bildung des Kantons Jura war für manche Länder eine Sensation. Diese Kaskade von Abstimmungen, das ist ein Feintuning der Demokratie. Das ist Swissness. Im Ausland ist man es sich nicht gewöhnt, dass auch kleine Gemeinden mitentscheiden können.

Ich glaube, für diese politische Generation ist die Sache nach der Abstimmung abgeschlossen.
Autor: Dick MartyPräsident Inter-Jurassische Versammlung

Glauben Sie persönlich, dass mit dieser Abstimmung der Jurakonflikt definitiv gelöst ist?

Nach einer solchen Abstimmung wird etwa die Hälfte zufrieden sein und die andere Hälfte unzufrieden. Egal, wie das Resultat aussieht. Man muss auch sagen: Das ist keine Tragödie. Man muss die Sache entdramatisieren.

Das erlaubt mir zu sagen, dass die Schweiz ein glückliches Land ist, wenn wir solche Probleme haben.

Ich glaube, für diese politische Generation ist die Sache nach der Abstimmung abgeschlossen. Was die nächsten Generationen machen werden, können wir jetzt nicht sagen.

Das Gespräch führte Daniel Schäfer.

Legende: Moutier liegt an der Grenze zwischen dem Kanton Jura und dem Kanton Bern. srf

Inter-Jurassische Versammlung

Der frühere Tessiner Ständerat Dick Marty ist Präsident der Inter-Jurassischen Versammlung. Die IJV wurde 1994 auf Initiative des Bundes gegründet. Ihr primäres Ziel ist der Dialog und die Versöhnung zwischen den Kantonen Jura und Bern.

Mehr Beobachter

Die Gemeindebehörden von Moutier und das Bundesamt für Justiz verstärken die Kontrolle der Auszählung nach der Abstimmung in Moutier. Am Sonntag werden zehn zusätzliche Juristen nach Moutier aufgeboten. Sie sollen Abstimmungsausweise und Wahlregister vergleichen. Die Behörden reagieren damit auf Meldungen zu möglichen Unregelmässigkeiten.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Florian Kleffel (Hell Flodo)
    Kaputte Familien, Segregation in Gaststätten etc... Dieser unsinnige "Kantonalismus" zeigt im Kleinen, wie destruktiv Nationalismus ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Das wird kaum das Ende sein. Dazu ragt Moutier auf allen Seiten zu tief in den Berner Jura.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Das reformierte Bern hatte 1815 als "Entschaedigung" fuer die Waadt und den Berner Aargau von fremden Maechten den Jura geschenkt bekommen und die kath. Untertanen gar zum altfeudalen Treueid antanzen lassen. Und die Trennung verlief alles andere als gewaltfrei. Die Separatisten zuendeten Hoefe an und Bern reagierte mit hohen Zuchthausstrafen. Und fuer Bern wurde die Trennung erst zum Thema, als es den Grossteil der Poizei wie eine Besatzungsmacht (vergeblich) in den Jura verlegte und das zu teu
    Ablehnen den Kommentar ablehnen