Das Schreiben der NZZ-Korrespondenten im Wortlaut

63 In- und Auslandkorrespondenten der NZZ haben sich an den Verwaltungsrat gewandt. «10 vor 10» liegt der Brief vor. Der Wortlaut des Schreibens.

Sehr geehrter Herr Jornod, sehr geehrte Damen und Herren

Wir, fast alle NZZ-Korrespondenten im In- und Ausland, nehmen mit grösster Besorgnis von den nun von Markus Somm bestätigten Gerüchten Kenntnis, wonach der Verwaltungsrat der NZZ-Mediengruppe mit ihm Gespräche über die Nachfolge von Markus Spillmann geführt habe.

Die Ernennung eines Exponenten rechtskonservativer Gesinnung wäre in unseren Augen das Ende der Kultur einer liberalen und weltoffenen NZZ, die wir mittragen und für die wir uns Tag für Tag publizistisch einsetzen. Sie dürfte darüber hinaus auch ein kommerzielles Desaster einleiten.

Auch nach der Absage von Somm sind wir tief besorgt über die Zukunft der NZZ. Sollte sich die politische Richtung, in der offenbar nach einem neuen Chefredaktor gesucht worden ist, bestätigen, so verurteilen wir diese Pläne in aller Schärfe.
Sie werden verstehen, dass Ihr Vorgehen uns verunsichert hat. Ein klärendes Wort des Verwaltungsratspräsidenten tut not.

Wir weisen in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass das Redaktionsstatut der NZZ ein Anhörungsrecht der Redaktion vor der Bestellung eines neuen Chefredaktors vorsieht, und wir erinnern an Ihr Versprechen, sich an das Statut zu halten. Über die bisherige Kommunikationspolitik sind wir nach der Bestätigung der Gerüchte über Somm enttäuscht.

Mit der Wahl eines Chefredaktors mit rechtskonservativer Gesinnung gerieten die liberale Publizistik und Kultur der NZZ unter die Räder. Dagegen wehren wir uns mit allem Nachdruck.