EGMR Strassburg «Das Urteil stärkt uns den Rücken»

Religiöse Argumente zählen nicht für einen Dispens vom Schwimmunterricht. Die Lehrer reagieren erleichtert.

  • Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat eine Klage von muslimischen Eltern aus Basel abgewiesen, die ihre Töchter nicht in den Schwimmunterricht schicken wollten.
  • Die Integrationsleistung sei höher zu gewichten, als die Religionsfreiheit, so das Gericht.
  • Der Präsident des Verbandes der Schulleiterinnen und Schulleiter, Bernard Gertsch, begrüsst das Urteil. Nun herrsche Rechtssicherheit.

SRF News: Wie schätzen Sie das Urteil des Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassburg ein?

Bernard Gertsch: Es ist eine grosse Erleichterung. Das Urteil stärkt uns den Rücken. Wir wissen jetzt, dass wir etwas fordern, das auch rechtlich legitim ist.

Was bedeutet das Urteil für Angehörige anderer Religionen – etwa Anhänger von Freikirchen –, die ihre Kinder ebenfalls nicht in den Schwimmunterricht schicken wollen?

Auch solche Fälle kommen nur sehr selten vor. Doch auch hier gilt das Gleiche: Es ist ganz klar, dass die Religionsfreiheit hier nicht vorangestellt wird. Die Integration steht im Vordergrund. Ausserdem ist es für die Sicherheit des Kindes wichtig, dass es schwimmen kann.

«  Integration und obligatorische Veranstaltungen haben Vorrang vor der Religionsfreiheit. »

Bei Problemen in der Schule wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Was sind die Sanktionen, wenn dies nichts nützt?

Sicher wird niemand deswegen aus der Schule ausgeschlossen, denn es ist wichtig, dass die Kinder in die Schule gehen. Möglicherweise ist die Busse ein hilfreiches Druckmittel. Allerdings versuchen wir in diesen Fällen stets, dass es ohne Busse, sondern durch Überzeugung geht.

So kann es etwa hilfreich sein, bei den Gesprächen eine Drittperson als Vermittler beizuziehen. Das kann ein Imam sein, der offener ist, oder eine Familie, die den gleichen Glauben oder gleiche geografische Wurzeln hat. Sie kann dann erzählen, wie sie das Dilemma mit ihren eigenen Kindern gelöst hat.

Ein Junge springt in den See, per Salto, auf einem Schwimmfloss schauen Mädchen ihm zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schwimmen lernen kann in der Schweiz mit ihren Seen überlebenswichtig sein. Keystone

Wie viele Fälle von Eltern gibt es pro Jahr, die ihre Kinder nicht in den Schwimmunterricht schicken wollen?

So genau haben wir das nicht erfasst, aber es sind sicher nur wenige Fälle.

Welche Auswirkungen hat das jetzige Urteil aus Strassburg auf andere Schulanlässe?

Beim Turnunterricht stellt sich manchmal die Frage, ob ein Mädchen mit Kopftuch turnen darf. Oft turnt es zu Beginn mit Kopftuch und ist dann selber froh, wenn es dieses zum Turnen nicht mehr tragen muss.

Auch bei Klassenlagern oder ähnlichem gilt von nun an dieselbe Regel: Integration und obligatorische Veranstaltungen haben Vorrang vor der Religionsfreiheit.

Das Gespräch führte Daniel Hofer.

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