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Medizinische Zwangsmassnahmen «Das Wichtigste ist gut geschultes Personal»

Patienten am Bett fixieren oder mit Medikamenten ruhigstellen: Solche Zwangsmassnahmen kommen vor, sollten aber nicht. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat dazu Richtlinien erlassen. Ein Jahr nach deren Erlass zieht Christian Kind von der Akademie Bilanz.

Legende: Audio Das Thema Zwang in der Medizin ist präsenter abspielen. Laufzeit 03:48 Minuten.
03:48 min, aus SRF 4 News aktuell vom 30.12.2016.

SRF News: Welche Bilanz zieht die Akademie der Medizinischen Wissenschaften ein Jahr nach Erlass der neuen Richtlinien zu medizinischen Zwangsmassnahmen?

Christian Kind: Die Richtlinien haben in den verschiedensten Kreisen ein sehr starkes Echo gefunden, beschleunigten die Diskussion und verhalfen dem Thema Zwangsmassnahmen zu mehr Präsenz. Es wird zum Beispiel in der Psychiatrie, im Langzeitpflegebereich oder in der Gefängnismedizin aktiv bearbeitet.

In einigen Bereichen, wie zum Beispiel auf Demenzabteilungen, wird mit baulichen Massnahmen versucht, Spannungen zu lösen und Aggressionen vorzubeugen. Ist das der Weg?

Das ist sicher eine gute Methode, damit das Eingeschlossen-Sein weniger als Zwang erlebt wird. Das Wichtigste, um eine Atmosphäre ohne Zwang zu erreichen, ist jedoch, dass man gut geschultes und empathisch kompetentes Personal hat. Mit dem richtigen Umgang liessen sich medizinische Zwangsmassnahmen in vielen Fällen vermeiden.

Das wichtigste ist gut geschultes Personal.

Gerade dieser Bereich hat aber offenbar zu wenige Fachkräfte. Kann man daraus schliessen, dass hier noch Sensibilisierung nötig ist?

Es besteht tatsächlich noch Aufholbedarf, bis für die vielen Patienten mit Demenz kompetente Betreuung möglich ist. Die laufende Diskussion des Themas und die Demenzstrategie des Bundes lassen jedoch hoffen, dass immer mehr Menschen auch für diese Pflege gewonnen werden können und dass man auch mehr Ressourcen in deren Ausbildung sowie Anstellung stecken könnte.

Das Gespräch führte Christine Wanner.

Richtlinien zu Zwangsmassnahmen in der Medizin

Unter einer medizinischen Zwangsmassnahme versteht man die Durchführung einer medizinischen Massnahme gegen den selbstbestimmten Willen oder gegen den Widerstand eines Patienten. Die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaften verlangt in ihren Richtlinien, dass – wo immer möglich – Zwangsmassnahmen zu vermeiden sind. Wo es sie braucht, sollen sie möglichst kurz und schonend sein und in Absprache mit den Betroffenen und Angehörigen passieren. Es braucht eine ärztliche Anordnung, und alle Massnahmen müssen dokumentiert werden.

«Die Verfügbarkeit ärztlicher und pflegerischer Fachpersonen mit genügender Erfahrung und entsprechender Weiterbildung (z. B. Deeskalations- und Festhaltetechniken, Aggressionsmanagement) ist zwingend; ebenso müssen räumliche Voraussetzungen vorhanden sein, die eine Blossstellung oder gar Demütigung der betroffenen Person vermeiden.» (Zit. aus den Richtlinien)

Christian Kind

Christian Kind

Der frühere Chefarzt am Kinderspital St. Gallen präsidierte die Ethik-Kommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften während acht Jahren. Mitte Dezember ist er zurückgetreten.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die Richtlinien kann man sich runterladen. Man sieht, dass wenig klar ist. Es sind Empfehlungen aus denen sich keine Rechtsansprüche der Betroffenen ableiten lassen. Z.B. wird Fachpersonal empfohlen mit Ausbildung in Deseskalationstechniken, Festhaltetechniken, etc. Was, wenn solches Personal nicht vorhanden ist und es zu einer Verletzung der Person, die festgehalten werden sollte, kommt? Wieso machen die ÄrzteInnen unter sich ab, was gilt: Eingriffe in Grundrechte, nur mit Gesetz zulässig.
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    FALSCH, das Wichtigste in den medizinischen, pflegerischen, betreuenden Berufen, ist prioritär die EIGNUNG dazu! Leider gibt es viel zu viele "ungeeignete" ÄrzteInnen, Pflege- und Betreuungs-Personal, welche nicht über die notwendige Empathie verfügen, entspreccheende Umgangsformen, Charakter- und Persönlichkeits-Stärke verfügen, um in einem dieser Berufe arbeiten zu können, wo die genannten Eigenschaften eminent wichtig sind! Spezielle Eignungs-Tests müssen unbedingt eingeführt werden!!
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    "Das wichtigste (grossgeschrieben!) ist gut geschultes Personal" Nein, gut geschultes Personal ist wichtig, nicht das Wichtigste! Am wichtigsten wären mE viele liebe Leute, die mit Dementen singen, tanzen, spielen, spazieren, kochen, sie in den Armen halten usf. Dazu braucht es vor allem Herz+Geduld. Unter den 100'000en AL+Ausgesteuerten liessen sich bestimmt Geeignete finden, die nach kurzer Umschulung gerne und auch günstiger als höheres Fachpersonal, sich für diese Arbeit Zeit nehmen könnten.
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    1. Antwort von Franz NANNI (Aetti)
      Sie haben ja soo recht, nur, auch die groesste Liebe wird nicht helfen, wenn der Intellekt des Patienten sich veraendert hat und er nur noch zB "Boese" sein kann, weil wenn die Einsicht komplet fehlt weil eben die geistige Kapazitaet das verhindert, muss man uU halt medikmentoes helfen...
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    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      F.Nanni, eben für solche Leute hätte man dann geschulte Fachleute. Meiner Erfahrung nach, sind die meisten Patienten nicht aggressiv. Anfänglich vielleicht beim Wechsel von Zuhause ins Heim, beruhigen sich aber nach einiger Zeit. Würden die Räumlichkeiten am neuen Ort möglichst identisch mit dem alten eingerichtet, erleichterte dies wohl auch die anfänglichen Schwierigkeiten. Beeindruckend der Dokfilm eines, eigens für Demente errichteten, geschloss.Dorfs mit Haustieren+romantischen Grünanlagen.
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