Demenzdorf Wiedlisbach «Den Bewohnern wird keine Scheinwelt vorgegaukelt»

Nach euphorischem Start wurde es ruhig um das erste Demenzdorf der Schweiz. Wo steht das Projekt heute?

Portraitfoto vor grünem Hintergrund Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Urs Lüthi, Direktor des Vereins dahlia. srf

SRF News: Bei der Lancierung der Demenzdorf-Idee war von einer Einweihung 2018 die Rede. Dann sollte 2018 wenigstens der Baubeginn erfolgen. Wo steht das Projekt heute?

Urs Lüthi: Die Planung läuft auf vollen Touren. Vor kurzem haben wir die Voraussetzungen für die Aussiedlung des landwirtschaftlichen Betriebes schaffen können.

Und wann ist mit der Baueingabe zu rechnen?

Ich bin zuversichtlich, dass dies Ende 2017, Anfang 2018 der Fall sein wird.

Was hat zur Verzögerung geführt?

Rückblickend war die Zeitplanung zu optimistisch. Vor allem die zwingend notwendige neue Lösung für den landwirtschaftlichen Betrieb hat deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen als angenommen.

Zusatzinhalt überspringen

Urs Lüthi

Urs Lüthi ist Direktor des Vereins dahlia mit drei Standorten in Langnau und Zollbrück sowie Delegierter des Verwaltungsrats und Vorsitzender der Direktion der dahlia oberaargau ag mit vier Standorten und einer Aussenwohngruppe in der Region Oberaargau. In verschiedenen Gremien setzt er sich aktiv für die Entwicklung der Pflegebranche ein.

Hat sich seit Projektbeginn etwas am Konzept des Demenzdorfs verändert?

Nein, die Grundidee der Wohngruppen mit unterschiedlichen Lebensstilen ist nach wie vor dieselbe. Die Anzahl Lebenswelten ist auf die schweizerische Realität angepasst. Statt sieben wie in De Hogeweyk werden wir in Wiedlisbach zwei anbieten: Eine eher urban ausgerichtet, die andere eher ländlich.

Das Konzept konnten wir mittlerweile konkretisieren: Die beiden versuchshalber eingerichteten Wohngruppen haben gezeigt, dass wir mit der gewählten Art der Einrichtung auf dem richtigen Weg sind. Und wir konnten wertvolle Erkenntnisse gewinnen, welche besonderen Anforderungen so ein Betrieb an uns stellt.

Das Konzept des Demenzdorfs sieht sich immer wieder heftigen Vorwürfen ausgesetzt. Kritiker bezeichnen es als Ghetto und prangern auch die Scheinwelt an, die den Dementen da vorgespielt werde.

Diese Vorwürfe sind haltlos. Den Bewohnern wird keine Scheinwelt vorgegaukelt. Alles was wir machen, ist real und wird von den dementen Menschen auch so empfunden.

Ganz besonders gilt für den dementen Menschen, dass wahr ist, was wahrgenommen wird – und zwar von ihm, dem dementen Menschen.

Im Dorf können die Demenzkranken, die dazu noch in der Lage sind, ausserdem eine Bewegungsfreiheit geniessen, wie sie sie in anderer Umgebung nicht mehr haben können. Dieser Umstand trägt wesentlich zur Steigerung der Lebensqualität bei.

Wie stehen Bevölkerung und Ämter zum Vorhaben?

Soweit wir das beurteilen können, herrscht da weiterhin grosses Wohlwollen und Interesse. Und die 42 Genossenschaftsgemeinden stehen nach wie vor voll hinter dem Projekt.

Hat das Projekt in Wiedlisbach andere Pflegeanbieter inspiriert, Ähnliches in Angriff zu nehmen?

Wir stehen in gutem Kontakt mit einer Schweizer Institution, die Demenzwohngruppen nach unserem Muster einrichten möchte. Ein Demenzdorf ist dort aber nicht geplant.

Das Gespräch führte Franco Bassani.

Video «Erstes Schweizer Alzheimer-Dorf» abspielen

Erstes Schweizer Alzheimer-Dorf

3:42 min, aus 10vor10 vom 30.11.2011

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Erhöhtes Demenz-Risiko bei ehemaligen Verdingkindern

    Aus Echo der Zeit vom 10.2.2017

    Der Schicksal der Verdingkinder gehört zu einem dunklen Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte.

    Nun zeigt eine neue Studie der Universität Zürich, dass die ehemaligen Verdingkinder auch im hohen Alter noch unter den Folgen leiden: Sie haben Albträume, leiden an Depressionen und erkranken früher an Demenz.

    Christoph Brunner

  • Demenzkranke – Betreuung auf dem Bauernhof

    Aus Puls vom 6.2.2017

    Immer mehr demente, pflegebedürftige Menschen – immer mehr Bauernhöfe am Rande der wirtschaftlichen Rentabilität: zwei Krisenherde, die man zusammenbringen und damit beiden helfen kann. In den Niederlanden hat sich diese Idee bereits durchgesetzt. Auf über 200 Bauernhöfen jäten dort Demente Gemüsebeete, füttern Kühe, pflegen Hühner. Die Bauern verdienen sich damit einen Zustupf, die Demenzkranken finden eine sinnvolle Tätigkeit. In der Schweiz jedoch gibt es erst einen solchen Hof. «Puls» sucht nach Gründen und beobachtet, wie das Zusammenarbeiten auf dem Bauernhof funktioniert.