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Schweiz «Den liberalen Islam etablieren»

Gleichberechtigung der Frauen, Respekt vor anderen Religionen, Absage an jede Form der Gewalt, keinen Kopftuchzwang: Diese und weitere Forderungen finden sich in der sogenannten «Freiburger Deklaration». Verfasst wurde sie von reformorientierten Muslimen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich.

Ein Muslime sitzt mit einem Buch im Schneidersitz am Boden.
Legende: Laut Abdel-Hakim Ourghi ist ein Islam ohne eine Islamkritik zum Scheitern verurteilt. Keystone

Reformorientierte Muslime aus der Schweiz, Deutschland und Österreich haben die sogenannte «Freiburger Deklaration» verabschiedet. Einer der Verfasser ist der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Er ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg im Breisgau. Nur ein aufgeklärter Islam habe im Westen eine Zukunft, erklärt er im Interview mit SRF News.

SRF-News: Was wollen Sie und Ihre Mitstreiter mit der Deklaration bei den Muslimen erreichen?

Abdel-Hakim Ourghi: Wir sprechen von einer Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Islams. Wenn wir über einen europäischen Islam sprechen, dann muss sich dieser Islam reformieren lassen. Wir stehen für ein humanistisches, modernes und aufgeklärtes Islamverständnis – und zwar in zeitgemässem, westlichem Kontext. Unser Hauptziel ist es, den modernen Islam hier bei uns zu etablieren.

Ist diese reformislamische Erklärung auch eine Kritik an den etablierten islamischen Organisationen, wie zum Beispiel der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz?

Wir sprechen hier über die konservativen Dachverbände. Diese Dachverbände möchten im Namen von allen Muslimen sprechen, als ob sie alle Muslime hier vertreten würden. Dies ist zum Beispiel in Deutschland nicht der Fall. Hier vertreten die sogenannten konservativen Dachverbände nur 15 Prozent der Muslime. Wir liberalen Muslime versuchen, uns durch die «Freiburger Deklaration» zu positionieren. Wir versuchen, der schweigenden Mehrheit unter den liberalen Muslimen eine Stimme zu geben. Es geht darum, dass sich die liberalen Muslime organisieren und sich als Ansprechpartner des Staates und der katholischen und der evangelischen Kirchen positionieren.

Sie stehen ein für einen offenen, modernen Islam. Bräuchte es dann manchmal auch eine stärkere Kultur der Selbstkritik, als sie die etablierten Verbände und Kreise bisher betrieben haben?

Ein Islam ohne eine Islamkritik ist im westlichen Kontext zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen eine kritikfähige und reflektierte Vorgehensweise mit der eigenen religiösen Identität. Nur ein aufgeklärter Islam hat im Westen eine Zukunft. Alles andere ist nur Scheindialog und führt nicht zu einer Koexistenz zwischen den Muslimen in einer Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft im Westen.

In der «Freiburger Deklaration» werden an mehreren Stellen das Geschlechterverhältnis und die Gleichberechtigung der Frauen thematisiert. Warum sind diese Themen für Reformmuslime speziell wichtig?

Wenn man die kanonischen Quellen vom Koran und die Tradition des Propheten, die Sunna, betrachtet, gibt es Passagen, wo man denkt, dass diese eher zur Unterdrückung der Frau führen. Zum Beispiel, dass die Männer eine Stufe höher stehen als die Frauen oder die Frauen geschlagen werden dürfen. Es geht uns darum zu erklären, dass diese Stellen im Koran eher situativ bedingt sind. Das heisst, sie müssen in ihrem Entstehungskontext des 7. Jahrhunderts verstanden werden. Frauen sind Menschen und sie haben das Recht, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Sie sind nicht anders als die Männer. Wir möchten auch die Frauen ermutigen. Ihre Stimme soll wahrgenommen werden, so dass man auch mit ihnen zusammenarbeitet. Übrigens ist der Schleier nicht religiös begründet, sondern er ist ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft.

Das Gespräch führte Elmar Plozza.

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40 Kommentare

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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Wenn ich ins Morgenl. ziehe , muss ich mich eigenständig ohne Förder. dort den Sitten und Bräuchen anpassen und kann auch nicht ein Lokal mieten, daraus eine Kirche machen und jeden Sonntag an den Moslimen vorbei ein eigenes Abendland-Leben führen. Da würdet ihr Lieben Islamförderer aber rasch Probleme bekomm. ohne Schleier der westlich gekl. Frauen zur Kirche zu gehen.Beim Baden den Bikini pflegen etc etc. der Rauswurf wäre euch sicher. Wer bei uns lebt hat unsere Wertvorstellungen zu beachten.
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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Höchste Eisenbahn, dass solche Gruppierungen endlich Gewicht und Oeffentlichkeit erhalten. Sie repräsentieren den grösseren Teil der Glaubensgemeinschaft (was für ein Unwort für eine derart zerstrittene und heterogene Gesellschaft!). Sie wirken deeskalierend und entziehen als einzige ihrem eigenen Unkraut die Lebensgrundlage.
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    1. Antwort von Michael Räumelt (Wirtschaftskanzlei)
      Herr Dudle was Sie kommentieren klingt wie "I have a Dream" leider werden wir das nicht mehr erleben.Aber ein Versuch ist es allemal Wert.
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  • Kommentar von Michael Räumelt (Wirtschaftskanzlei)
    Herr Sand,die Schandtaten des Christentums findet man in den Geschichtsbüchern,die des Islams jeden Tag in der Tageszeitung!!!
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Und wo ist dann da der Unterschied?
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    2. Antwort von Thomas Leu (tleu)
      @ Hanspeter Müller: Der Unterschied ist, dass das Christentum einen Lernprozess durchgemacht hat (Reformation, Aufklärung). Im Islam ist momentan leider nichts dergleichen auszumachen; vielleicht in 500 Jahren. Die Reformkräfte müssen aus den Stammlanden des Islam flüchten und bei uns unter Polizeischutz gestellt werden. Wenn Sie hingegen das Christentum in der heutigen Zeit kritisieren, werden Sie längst nicht mehr der Blasphemie beschuldigt und müssen auch nicht mehr um Ihr Leben fürchten.
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    3. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Der Unterschied liegt in der Epoche, HP Müller. Vielleicht haben Sie es noch nicht gemerkt, aber wir schreiben das Jahr 2016!
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    4. Antwort von Esther Siefert (E.S. (parteilos))
      @Hp.Müller: der Unterschied findet sich in den vergangenen so ca. 2'000 Jahren. Etwas "moderater" ist das Christentum doch über die Jahre wohl geworden - oder ? Zumindest gibt es nur noch wenige "Kreuzritter"...
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    5. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Das, Herr Räumelt, ist korrekt, deshalb weicht mein Kopfschütteln dazu ja auch einem Lächeln.
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    6. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Also so lange ist das im Fall nicht her mit den Religionskriegen. Vor gut 160 Jahren hatten wir noch Krieg auf Schweizer Boden. Und auch wenn der Kriegsgrund nicht mehr Religion heisst, sondern "Massenvernichtungswaffen" (die man immernoch nicht gefunden hat) oder "Diktator" (warum ist das beim Einen schlimm und beim Anderen nicht?) sind doch immernoch zahlreiche Länder involviert in einem Krieg, den sie selber angezettelt haben. Syrien, Afghanistan, Irak, Libyen, Ukraine, ...
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