«Der Anspruch auf Selbstbestimmung im Alter wird zunehmen»

Wie werden wir künftig altern? Was kann sich die Gesellschaft noch leisten? Nicht nur in der Medizin drängen sich grosse Fragen auf. «Wir müssen uns auf ein lebenslanges Lernen und Arbeiten einstellen», sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello, die im Bereich der Lebensspannen forscht.

Wie werden die Schweizer heute alt?

Die Schweizer und Schweizerinnen werden sehr gut alt. Wir haben die dritthöchste Lebenserwartung weltweit. Und was die Lebenserwartung bei guter Gesundheit betrifft, sind wir auf dem zweiten Rang. Auch die Rahmenbedingungen der Sozialversicherungen stimmen: AHV, Pensionskasse, sowie Ergänzungsleistungen spielen zusammen.

Und wie sieht das soziale Leben aus?

Da das Alter eine lange Phase ist, zwingt sich eine Differenzierung auf, nämlich zwischen jungen Alten, also Personen nach der Pensionierung und Hochaltrigen, jenen ab 80 Jahren. Die jungen Alten sind noch leistungsfähig, engagieren sich in der Freiwilligenarbeit, reisen, hüten und geniessen ihre Enkelkinder, pflegen ihren Partner oder sie sind noch berufstätig. Bei den Hochaltrigen nehmen dann die Alterskrankheiten – etwa Demenzen – stark zu. Sie brauchen Hilfe und Pflege. In der Schweiz bleiben viele mit Unterstützung von ambulanten Pflegediensten lange zuhause. Die erwachsenen Kindern, die mittleren Generation also, spielt eine zentrale Rolle und leistet hier eine grosse Hilfe. Hier spielt die familiale Solidarität.

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Zur Person

Zur Person

Pasqualina Perrig-Chiello lehrt und forscht am Institut für Psychologie an der Universität Bern. Zusammen mit dem Altersforscher François Höpflinger hat sie das Buch «Babyboomer» geschrieben. Das Werk leuchtet aus, wer die jungen Alten wirklich sind.

Zurück zu den jungen Alten. Wie wird ihr Leben künftig aussehen?

Das Alter wird individualistischer und vielfältiger. Allein schon was die Pensionierung betrifft: Die Übergänge werden fliessender. Schon heute arbeiten besser Gebildete oder Selbständige oft bis 70 oder gar länger. Dieser Trend wird sich verstärken. Viele starten mit 65 nochmals richtig durch.

Immer wichtiger wird auch der Freiwilligenbereich. Hier sehen wir einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während Frauen sich häufig unentgeltlich und gegen aussen unsichtbar engagieren, sind Männer eher in der formellen Freiwilligenarbeit mit prestigeträchtigen Aufgaben tätig.

In den Firmen ist aber eher ein gegenläufiger Trend feststellbar: Menschen werden immer früher entlassen.

In vielen Firmen herrscht tatsächlich noch eine andere Kultur. Ich denke, hier wird in den nächsten Jahren ein Umdenken stattfinden. Die Fachkräfte werden zunehmend rar und die jungen Alten sind noch fit und verfügen über viel Know-how.

Wie wird das Leben der Hochaltrigen künftig aussehen?

Es wird immer mehr hochaltrige Menschen geben. Damit erhöht sich deren Hilfs- und Pflegebedarf. Heute übernehmen Angehörige, zumeist die Töchter, einen Hauptteil dieser Arbeit. Das wird künftig nicht mehr so selbstverständlich sein, weil die Frauen zunehmend besser ausgebildet und berufsorientiert sind – aber auch vermehrt geschieden sind und auf Erwerbsarbeit angewiesen. Der ausserfamilialen Hilfe und der ambulanten Pflege kommt künftig eine besondere Bedeutung zu, ebenso der intragenerationellen Solidarität (Senioren helfen Senioren). Senioren organisieren sich schon heute in zukunftsweisenden Wohnformen. Mit andern Worten: Es wird weniger interfamiliäre Hilfe, dafür mehr Unterstützung innerhalb der eigenen Generation geleistet werden müssen.

Künftig wird auch das Geld knapper, weil immer mehr Arbeitstätige die Alten finanzieren müssen. Die Konsequenzen?

Wir werden auch künftig von Arbeitskräften abhängig sein, die in die Schweiz einwandern. Sie mildern die demografische Alterung etwas ab. Es braucht aber neue Konzepte. Ältere Menschen werden wohl länger arbeiten müssen im Sinne eines flexiblen Rentenalters. Im medizinischen Bereich zeichnet sich die Gefahr einer Zweiklassen-Medizin ab. Zum einen gebildete und gut situierte Senioren, die sich eine aufwändige Pflege und die beste Medizin leisten können, zum anderen ein bedeutsames Segment von ärmeren Alten, die solche Privilegien nicht hat.

Werden wir Altersbeschränkungen für grosse Operationen einführen müssen?

Eine schwierige Frage! Eine Altersbeschränkung ist nicht sinnvoll, weil das Alter ein schlechter Indikator ist. Menschen im Alter sind sehr unterschiedlich. Hinzu kommt: Wer eine OP macht, ist nachher vielleicht wieder selbständiger und braucht dafür weniger Hilfs-und Pflegeleistungen. Wer soll ausserdem entscheiden, wer noch eine Operation haben darf und wer nicht?

Viele Hochaltrige fühlen sich heute schon überflüssig. Wird sich dieser Trend noch verstärken?

Das kann ich nicht sagen. Tatsache ist, dass Organisationen wie Exit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Frage nach dem freiwilligen Tod wird sich sicher bei vielen zunehmend aufdrängen, nicht zuletzt aufgrund des grösseren Anspruchs auf Selbstbestimmung. Tatsache ist aber auch, dass die Mehrheit der alten Leute zufrieden und glücklich ist. Ob das auch für künftige Generationen von Alten der Fall sein wird, bleibt dahingestellt.

Zum Schluss: Wie altert man am besten? Was raten Sie?

Wir sollten nicht mehr in altersspezifischen Phasen denken. Wir müssen uns auf ein lebenslanges Lernen und Arbeiten einstellen. Und: Jeder ist selber verantwortlich für sein Wohlbefinden, in jeder Lebensphase. Man soll sich lebenslang einbringen, seine Bedürfnisse äussern und mithelfen, wo es geht.

Interview: Christa Gall