Der Kommunist, der mit dem Gesetzbuch kämpft

Böse Zungen bezeichnen ihn als «Terroranwalt». Er selber sieht sich als unbewaffneten Kämpfer für die linke Sache. Jetzt bereitet Bernard Rambert, der RAF-Mitglieder und Öko-Anarchisten verteidigte, seinen Ruhestand vor – Comeback nicht ausgeschlossen.

Nach 40 Jahren als «Kommunist, der mit dem Gesetzbuch kämpft» – wie er seine Rolle selbst beschreibt – hat Bernard Rambert kürzlich sein Büro geräumt. Er will kürzer treten. In den Räumlichkeiten in Zürich-Wiedikon arbeiten seine ehemaligen Kanzleikollegen. Rambert geniesst weiter Gastrecht. Sein Kürzertreten begründet er lapidar: «Ich bin ein uralter Mann.»

69 ist dieser «uralte Mann», seine grauen Haare trägt er jetzt kurz, nach langen Jahren mit langen Haaren. Und wenn er verschmitzt schaut hinter seiner schwarzen Brille, wird schnell klar, dass das mit dem «uralten Mann» vor allem Koketterie ist. Und das mit dem Kürzertreten ist so eine Sache.

Werde er um ein Mandat angefragt, überlege er schon noch: «Aber eher mit dem Resultat, dass ich Nein sage. Aber wenn etwas Interessantes kommt, sage ich vielleicht nochmals Ja.»

«  Es war nicht mein Weg. Aber für mich war es eine Selbstverständlichkeit, sie zu verteidigen.  »

Bernard Rambert
Zur Verteidigung von RAF-Mitgliedern

Zusatzinhalt überspringen

Bernard Rambert

Bernard Rambert

SRF/Curdin Vinzenz

Der Zürcher gehört zu den wenigen Schweizer Anwälten, die Terroristen verteidigt haben. RAF-Mitglieder gehörten zu seinen Mandanten, aber auch die Zürcher Links-Aktivistin Andrea Stauffacher und der Bündner Öko-Anarchist Marco Camenisch, der nach wie vor im Gefängnis sitzt.

Dass er einst Ja gesagt hat statt Nein, wie viele Kollegen, trug ihm den Ruf des «Terroranwalts» ein. Aufgewachsen in gutbürgerlichem Milieu wurde Rambert als klassischer 68er politisiert und gründete nach der Anwaltsausbildung mit Kollegen eine Anwaltskollektiv. Das Konzept: gleicher Lohn für alle und den kleinen Leuten helfen zum Sozialtarif.

Das Geschäftsmodell war zwar erfolgreich, das Kollektiv scheiterte aber nach wenigen Jahren an der politischen Frage: Soll man Terroristen, soll man RAF-Mitglieder verteidigen? Viele fanden Nein: Zu stark schadeten diese Gewalttäter der gemeinsamen linken Sache. Rambert dachte anders und übernahm die Verteidigung auch von RAF-Mitgliedern.

Kein Mann für den bewaffneten Kampf

Das heisse nicht, dass er damals selber überzeugt gewesen sei vom bewaffneten Kampf – wie er den Terrorismus im linken Jargon dieser Zeit heute noch nennt: «Das war nicht mein Weg. Aber es war für mich trotzdem eine Selbstverständlichkeit, dass man sie verteidigen muss und darf», blickt Rambert zurück. «Für mich waren die Gefangenen aus diesen Organisationen ein Teil von uns. Sie waren Linke, die zur Überzeugung gekommen waren, dass man die Machtfrage stellen und den Staat mit Waffen angreifen muss.»

Rambert blieb dabei, auch als der RAF-Terrorismus immer mehr Todesopfer forderte und er und seine Mitstreiter im sogenannten Deutschen Herbst arg in die Defensive gerieten. Zu dieser Arbeit steht Rambert heute noch und sagt zu seiner politischen Einstellung: «Ich würde mich immer noch als Kommunist bezeichnen. Revolutionäres würde ich für mich nicht in Anspruch nehmen. Ich sitze im Büro, ich führe keinen revolutionären Kampf.»

Kommunist am Bürotisch

Seinen Kampf gegen den «Repressionsapparat», noch so ein Begriff aus dem Revolutionärs-Jargon, führte er bis zuletzt mit dem Gesetzbuch in der Hand. Rambert wird unterdessen – trotz seinen streitbaren Ansichten – in Juristenkreisen wegen seinen unbestrittenen Qualitäten als scharfsinniger Anwalt weit über sein politisches Lager hinaus respektiert.

Eines seiner Kampffelder waren stets bessere Haftbedingungen. Dass er in diesem Bereich über all die Jahre etwas bewegt hat, bezweifelt Rambert alledings. Vor allem die Untersuchungs-Häftlinge würden nach wie vor oft zu lange unter rechtlich zweifelhaften Umständen festgehalten.

Nicht zuletzt, mit dem Ziel, sie zu brechen, davon zeigt sich Rambert überzeugt: «Das ist ein durchaus verbreitetes Phänomen, dass so vorgegangen wird, um Geständnisse zu erpressen. Kein Staatsanwalt wird das zugeben, aber es so ist in der Praxis.»

Rambert und der Fall Camenisch

Für Lockerungen bei den Haftbedingungen geht es Rambert auch bei seinem letzten grossen Fall, dem des militanten Öko-Aktivisten Marco Camenisch. Camenisch sitzt die Strafe ab für den Mord an einem Zöllner, den er nicht gestanden hat, aber den die Gerichte für erwiesen hielten. Rambert kämpfte lange vergeblich für Camenischs vorzeitige Entlassung, unterdessen hat er via Umweg übers Bundesgericht erreicht, dass die Zürcher Justiz zwei Jahre vor Camenischs definitiver Entlassung Hafturlaube ins Auge fasst.

Dass die Justiz im Fall Camenisch restriktiv ist, hält Rambert für ein Zeichen der Zeit. Zwar zeigten die Statistiken seit Jahren, dass die Kriminalität sinke, parallel dazu steige der Wunsch nach absoluter Sicherheit. «Es herrscht sicherlich ein grösseres Sicherheitsbedürfnis als noch vor dreissig, vierzig Jahren. Ich würde heute sogar von einer Sicherheitshysterie sprechen,» sagt Rambert.

«  Heute herrscht eine Sicherheitshysterie. »

Bernard Rambert

Dieses Bedürfnis nach absoluter Sicherheit bekomme auch Camenisch zu spüren. «Jeder Richter oder Beamte, der über diesen Fall entscheiden muss, denkt sich: ‹Wenn ich den rauslasse, und es passiert was, bin ich doch der Idiot.›»

Die Kritik an dieser «Sicherheitshysterie», wie Rambert sie nennt, war in den letzten Jahren ein Leitmotiv des Kommunisten am Bürotisch. Und sie treibt ihn wohl noch weiter um, dann, wenn er doch mal wieder einen Fall übernimmt.

Dass er das tun werde, habe auch finanzielle Gründe, verrät er zum Schluss, und schaut wieder verschmitzt. Die Altersvorsorge habe er nämlich vernachlässigt, und wie alle richtigen Kommunisten seiner Zeit gedacht: «Die brauchen wir gar nicht. Denn bis dann ist die Revolution längst ausgebrochen.»