Nach Burkhalters Rücktritt Der Kronprinz ist bereit für den Bundesrat

Bis am 11. August läuft die Bewerbungsfrist. Doch schon jetzt ist klar: Ignazio Cassis wird nur schwer zu schlagen sein.

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Tessiner Anspruch

1:55 min, aus Tagesschau vom 15.6.2017

Ignazio Cassis gibt den Ton an. Seit der Kindheit. Horn, Trompete. Wenn er müde ist, klemmt er auch mal die Gitarre unter den Arm. Und er rennt. Das ist sportlicher Ausgleich, aber auch Lebensstil.

Cassis ist immer auf Achse, immer auf Draht. Als FDP-Fraktionschef, als Präsident des Krankenkassenverbands Curafutura, des Heimverbands Curaviva, von Gesundheitsstiftungen oder als Präsident der nationalrätlichen Gesundheitskommission.

Cassis in allen Gassen

«Bei ihm fällt auf, dass er im Moment sehr viele Hüte trägt», sagt SP-Gesundheitspolitikerin Silvia Schenker. Das mache ihr Mühe. Bei der Rentenreform hat dies denn auch zu einem politischen Konflikt geführt. Denn Cassis hat zum Unbill der SP nicht einfach die Rolle des eingemitteten Präsidenten der Gesundheitskommission gespielt, sondern auch die des harten FDP-Fraktionschefs.

Allerdings finden das nicht alle problematisch. Mehrere Hüte seien nicht nur negativ, sagt etwa FDP-Nationalrat Kurt Fluri. Denn darunter stecke auch mehr Wissen. Cassis kenne die Materie besser, sagt Fluri: «Ich traue ihm zu, dass er die nötige Unabhängigkeit wahren kann – auch als Bundesrat.»

Als Europapolitiker geeignet?

Cassis ist «smart» im Sinne von charismatisch, geschickt und schlau. Im Volk fände er Gehör, schliesslich spricht er drei Landessprachen, auch Rätoromanisch versteht er. Er ist beweglich, kann den politischen Spagat. Auch den zwischen nationalen und regionalen Interessen.

In der Europapolitik dürfte sich das für Cassis akzentuieren, vermutet CVP-Aussenpolitikerin Kathy Riklin: «Sein eigener Kanton legt bei der Europapolitik riesige Bremsklötze in den Weg.» Deshalb wäre es für Cassis nicht einfach, das Europa-Dossier rasch voranzubringen.

Letzte Chance, Bundesrat zu werden

Geht nichts schief, könnte es Cassis tatsächlich in den Bundesrat schaffen. 2010 ist er gescheitert. Zur Freude – oder vielleicht ein wenig zur Enttäuschung – von Filippo Lombardi (CVP). Auch er ist aus dem Tessin. Auch er ist Fraktionschef. Lombardi und Cassis sind Freunde und Konkurrenten gleichzeitig – und ähnlich schnell unterwegs. Wie Lombardi wurde auch Cassis einmal der Führerschein entzogen. «Das war mir natürlich peinlich», so Cassis.

Wäre der Arzt Cassis jetzt Hausarzt des Politkers Cassis, würde er ihm wohl gelegentlich raten, etwas Tempo wegzunehmen. Andererseits ist Cassis schon 56 Jahre alt und damit bloss ein Jahr jünger als der zurücktretende Bundesrat Didier Burkhalter. Will Cassis Bundesrat werden, dann jetzt oder nie.