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Schweiz Der Sonnenstube bester Feind: Die Grenzgänger

«Don't shoot the messenger!», sagt der Brite. Zu deutsch: «Töte nicht den Überbringer der Nachricht.» Eben das versucht aber die Lega dei Ticinesi. Denn: Ökonomen bezweifeln den negativen Einfluss der Grenzgänger auf den Südkanton. Das Schauspiel zeigt, wie vergiftet das politische Klima ist.

Grenzgänger an der schweizerisch-italienischen Grenze
Legende: Das tägliche Schauspiel im Südkanton: Tausende italienische Grenzgänger pendeln zur Arbeit. Keystone

Mit den Grenzgängern kommen Dumpinglöhne ins Tessin. Mit den Ausländern steigt die Jugendarbeitslosigkeit. «Stimmt nicht», sagt Rico Maggi, Leiter des wirtschaftswissenschaftlichen Instituts an der Universität Lugano. Mit seinem Veto ist der Ökonom in ein Wespennest getreten. Denn die Erzählung vom Grenzgänger als Ursprung allen Übels gilt im Tessin als politischer Fakt – und mit ihr werden Wahlen gewonnen.

Nun soll der Bote der unangenehmen Botschaft dafür büssen. Die Lega dei Ticinesi fordert die Schliessung des Instituts. Ökonom Maggi ist nicht überrascht: «Das ist ein so gutes politisches Business, dass es nicht willkommen ist, wenn man statistische und analytische Evidenz präsentiert.»

Die wissenschaftliche «Evidenz» beruht auf einer Umfrage bei 328 Unternehmen. Die Studie versammelt Statistiken und ansonsten weit verstreute Fakten. Die Argumentation ist transparent, die Literaturhinweise sorgfältig.

Grenzgänger als Motor des Aufschwungs?

Ein wesentliches Ergebnis der Studie: Der Druck auf die Löhne findet vor allem im Hochlohnsektor statt. Nicht bei den tiefen Löhnen, wo der Kanton mehr Mindestlöhne verfügt hat als irgendwo sonst in der Schweiz. «Wir müssen unterscheiden zwischen dem famosen Argument, dass die Grenzgänger den Tessinern die Arbeitsplätze klauen, und dem Druck auf die Löhne», sagt Maggi. Was Ersteres betrifft, habe man zeigen können, dass es keinen solchen «Substitutionsprozess» gebe.

«In den vergangenen Jahrzehnten hat ein starker Wandel stattgefunden in der Tessiner Volkswirtschaft. Sie gehört zu den am stärksten exportorientierten der Schweiz. Der Aufschwung war möglich dank der Grenzgänger», sagt Maggi.

Im Tessin seien Universitätsinstitute entstanden, der Südkanton sei ein Biotech-Standort mit einer hoch spezialisierten Industrie. Diese profitiere vom Lohnniveau, das im Tessin generell tiefer sei als im Landesdurchschnitt.

Die Politik geht auf die Barrikaden

Das politische Echo auf die Studienergebnisse ist vernichtend. Der Fraktionspräsident der Lega dei Ticinesi fordert in einem Vorstoss die Schliessung von Rico Maggis Institut. Autoren seien Deutschschweizer und Italiener. «Maggi ist intelligent und wir sind Idioten», höhnt auch der Grüne Sergio Savoia.

Die Autoren sind intelligent, und wir sind Idioten.
Autor: Grünen-Politiker Sergio Savoia

«Traurig», findet Maggi. «Das Klima ist vergiftet. Wenn irgendetwas nicht gut geht, ist es immer die Schuld der Italiener, in diesem Fall der Grenzgänger.» Es könne nicht sein, dass jemand sage, dass gerade das im Grunde kein Problem sei, sagt der Ökonom.

Auch Pietro Martinoli, der Präsident der Universität Lugano, meldet sich zu Wort. Der Vorgang erinnere an totalitäre Staaten, schreibt er. Dass ein Universitätsinstitut geschlossen werden müsse, nur weil seine Forschungsresultate nicht gefallen, schreibt er, verletze das Grundrecht der Forschungsfreiheit.

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
    Wenn das tatsächlich so ist, bedeutet das ja auch einen wirtschaftlichen Vorteil für die italienischen Grenzgänger, die von den entstandenen Arbeitsstellen im Tessin profitieren. Und ein Armutszeugnis für Italien, das seit Jahrzehnten eine desaströse Wirtschaftspolitik fährt und das Land konsequent in die Schuldenfalls führt, aktuell über 2'000 Milliarden Euro. Sonst gingen die Grenzgänger ja nicht in den Tessin zum Arbeiten.
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  • Kommentar von Peach Meier (Peach Meier)
    Geld gegen Lebensqualität ist ein Blödsinn. Tägliche Blechlawinen müssen verhindert werden!
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    1. Antwort von Jürg Baltensperger (Baltensperger)
      Da bin ich mit Ihnen einer Meinung - das Auto ist als Verkehrsmittel suboptimal. Vor allem in Städten zu laut, zu dreckig, zu gefährlich und braucht zu viel Platz. Im Tessin sollte man dringend auf den ÖV setzen - park & ride als gutes Beispiel.
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Ist auch etwas Tolles für die Umwelt. Da können wir zeigen, dass wir die Abgase so richtig im Griff haben. Die AT können ihre Umweltverpästung sogar von der Steuer abziehen. Toll!
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